Thomas Kroth über Kagawa und Co. in der Bundesliga
»Japaner kommen nicht zu spät«
Interview: Moritz Herrmann Bild: Imago
Kagawa, Usami und Co. – Zur neuen Saison treten neun Japaner in der Bundesliga gegen den Ball, so viele wie nie. Warum? Spieler-Berater Thomas Kroth erklärt den plötzlichen Boom, Klischees und kalkulierte Publicity.
Thomas Kroth, in der Bundesliga spielen so viele Japaner wie nie zuvor. Die meisten davon haben Sie dem deutschen Markt vermittelt. Greifen die Vereine jetzt zu, weil Shinji Kagawa alle verzaubert hat?
Thomas Kroth: Verschiedene Faktoren erklären den aktuellen Boom: Natürlich war der Aufstieg von Shinji Kagawa ganz wichtig. Den eigentlichen Grundstein hat aber vor Jahren schon Naohira Takahara gelegt. Er hat den Markt zu seinen Hamburger Zeiten eröffnet. Dann kam Makoto Hasebe, der mit Wolfsburg auf Anhieb Meister wurde, und dabei die japanischen Tugenden unter Beweis gestellt hat. Die aus meiner Sicht für Japan erfolgreiche WM in Südafrika, als das Land unglücklich im Elfmeterschießen ausschied, und der Gewinn beim Asian Cup waren weitere Bausteine. Zu guter Letzt spielt auch das Preis-Leistungs-Verhältnis eine Rolle. Der südamerikanische Markt ist zum Beispiel total überhitzt und verlangt überzogene Preise.
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Und der japanische Markt ist im Umkehrschluss besonders günstig.
Thomas Kroth: Nein, mit diesem Urteil würde man dem japanischen Markt Unrecht tun. Es ist nur einfach so, dass in Japan lange Zeit ein anderes Vertragsmodell praktiziert wurde. Die Spieler hatten im Gros Jahresverträge und konnten deshalb viel häufiger ablösefrei wechseln – meist im Januar, wenn der Vertrag ausgelaufen ist. Langfristige Verträge mit vier oder fünf Jahren Laufzeit gab es nicht. Das kommt erst seit zwei Jahren etwas mehr auf.
Sie sprachen die japanischen Tugenden an. Disziplin, Professionalität, Pünktlichkeit – das ist also Realität und nicht nur ein Kulturklischee?
Thomas Kroth: Ich will wirklich nicht pauschalisieren, aber den japanischen Spielern würde es nie passieren, dass sie zu spät zum Training oder zum Spiel zu kommen. Dafür bringen sie einfach zu viel Akribie mit.
Takashi Usami, der neue Flügelstürmer beim FC Bayern, begrüßte die Journalisten bei seiner ersten Pressekonferenz auf deutsch. Akribie liegt in der japanischen Kultur begründet?
Thomas Kroth: Auf jeden Fall. Auch Shinji Okazaki hatte bei der ersten Trainingseinheit beim VfB Stuttgart schon erste deutsche Worte parat. Ein anderes Beispiel für die Professionalität ist die Körperpflege – ein Ideal, das in Japan seit Jahrhunderten existiert. Daraus leiten die Spieler ab, sich auch im Urlaub mit einem eigens angeheuerten Coach fit zu halten. Mit Übergewicht kommt keiner aus der Sommerpause.
Als Naohira Takahara zum Hamburger SV kam, schickten die japanischen TV-Sender ihre Kamerateams zu jedem Training. Hat sich jetzt, acht Jahre und etliche Japaner später, die Aufregung relativiert?
Thomas Kroth: Ich bin regelmäßig in Japan und während der letzten Saison auch mal mit Shinji Kagawa rübergeflogen. Als wir da gelandet sind, gab es ein riesiges mediales Aufkommen. Um Kagawa ist ein Hype entstanden, das ist auch an der steigenden Zahl von TV-Liveübertragungen festzumachen. Über Jahre hat man in Japan nur englische Premier League und Champions League wahrgenommen. Jetzt dreht sich das. Die Spiele von Borussia Dortmund werden gezeigt, und auch andere. Das hat wiederum zur Folge, dass japanische Spieler, die nach Shinji in die Bundesliga wechseln, gut über die Bundesliga Bescheid wissen.
Das war früher anders?
Thomas Kroth: Wenn ich früher ein Angebot aus Deutschland nach Japan getragen habe, haben die Spieler erstmal nach Videos gefragt, die den Klub und die Liga zeigen.


Makoto Hasebe, seit 2008 beim VfL Wolfsburg, emsiger Abräumer im defensiven Mittelfeld und 43-facher Nationalspieler.





