11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (6)
Umschalten auf Lichtgeschwindigkeit
Text: Tim Jürgens Bild: Imago
Die Kuchenschlachten bei seinen Großeltern waren für Tim Jürgens ein Grundkurs in politischer Korrektheit. Doch so manche hohle Phrase ließ ihn auch an der Integrität des Trikotsponsors von Borussia M’Gladbach zweifeln.
Mit der Benutzung des Wortes »Gas« ist das hierzulande bekanntlich so eine Sache. Das wurde mir schon bewusst, als mein Opa noch lebte und bei der gediegenen Konversation zu den Kuchenschlachten im großelterlichen Hause immer wieder die Phrase »bis zur Vergasung« bemühte, um einen Vorgang zu beschreiben, der offenbar eine große Ausdauer voraussetzte. Opa erinnerte sich: »Wir mussten ´Oh du schöner Westerwald´ in der Schule bis zur Vergasung singen.« Er urteilte: »Der Herr Joswig nebenan, der ist bis zur Vergasung geschäftstüchtig.«
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Oder berichtete aus der Zeit vor der Pensionierung: »Als das bekannt wurde, haben wir die bis zur Vergasung in die Mangel genommen.«
Jedes Mal, wenn meinem Opa ein solcher Satz entwich, sog mein Vater auffallend laut die Luft ein und setzte mit einem unmerklichen Kopfschütteln eine kurze, aber prägnante Pause im Gespräch. Schon als Siebenjähriger schwante mir, dass es generell nicht so übel ist, wenn man sich bei etwas ausdauernd Mühe gibt. Bis zur Vergasung aber sollte man es offenbar nicht betreiben.
Die Strahlkraft des Schriftzugs
Als Erstklässler wunderte ich mich deshalb nicht schlecht, als ich auf den bis dato blütenweißen Hemden der Gladbacher Spieler den Schriftzug »erdgas« entzifferte. Seit ich bei einem E-Jugend-Turnier ein Shirt mit der Werbeaufschrift »Ytong« abgestaubt hatte, lief ich in der Schule zu jeder Jahreszeit kurzärmlig auf. Werbung für Baustoffe, Wärmeisolierung und Heizmaterialien stand ich als Sohn eine unverbesserlichen Amateurheimwerkers grundsätzlich positiv gegenüber. Ich wusste nicht, ob das mit dem »Erdgas« wirklich okay geht, aber schon bald konnte ich mich der Strahlkraft des Schriftszugs auf der Brust von Allan Simonsen, Rainer Bonhof und Jupp Heynckes nicht mehr widersetzen. Da kam ich mit dem straffen »Ytong«-Logo auf meinem stetig schrumpfenden Reklamehemd – ich befand mich noch im Wachstum – nicht ansatzweise an.
»Erdgas«, das klang nach dem Gegner Feuer unterm Hinter machen, ihm ordentlich einzuheizen. Ich stellte mir vor, dass der grelle Schweif, den die »Enterprise« hinterließ, wenn Scotty auf Lichtgeschwindigkeit umschaltete, aus Erdgas bestand. Schließlich spielten die Gladbacher damals, als hätten sie eine ganz eigene Form von Triebkraft. Wenn Simonsen den Ball im Mittelfeld annahm und mit seinen jungenhaften Streichholzbeinchen staksige Abwehrrecken wie Bernd Cullmann oder Katsche Schwarzenbeck zu Slalomstangen degradierte, konnte es doch nur eine Erklärung für diese besondere Form des Antriebs geben: Erdgas, was sonst?
Erdgas – die Ursache für Bonhofs brachiale Dynamik
Wenn Bonhof am Sechzehner sich kurz vor Abpfiff den Ball zum Freistoß hinlegte, wussten auch die Gegner in der Mauer, dass es gleich unglaublich wehtun wird, wenn sie den Kopf nicht einziehen. Ursache für Bonhofs brachiale Dynamik: Erdgas. So reimte ich es mir zumindest zusammen. Schließlich musste doch ein Zusammenhang zwischen dem Werbepartner – der sich seiner außerordentlichen Power nur allzu gewiss auf den Trikots bescheiden in Kleinschreibung präsentierte – und dem unwiderstehlichen Verve der Borussia-Elf bestehen.
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Ein Mann, ein Haar: Horst Köppel zeigt stolz das legendäre »Erdgas«-Trikot und den angeklebten Brustpelz.





