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15.06.2011

»FC Reloaded« fordert mehr Demokratie in Köln

Die Revolution der Mitglieder

Text: Karol Herrmann  Bild: FC Reloaded

Seit etwa einem halben Jahr lässt sich ein neues Phänomen bei den Bundesligaklubs beobachten. Mitgliederinitiativen fordern mehr Macht und stellen sich gegen die Vorstände auf. Auch beim 1. FC Köln gibt es eine solche Entwicklung. Ein Ortsbesuch.

»FC Reloaded« fordert mehr Demokratie in Köln - Die Revolution der Mitglieder


Die Einladung der Kölner Mitgliederinitiative zur abendlichen Diskussionsrunde führt weit abgelegen in den Kölner Süden. Ein rot-weißes Banner mit der Aufschrift »FC Reloaded« weist den Weg zu einem alten Pfarrheim, das genau in diesem Zustand wahrscheinlich schon Jahrzehnte an Ort und Stelle steht. Eigentlich ist das hier Fortuna-Territorium, doch an diesem Abend sorgt man sich um die Zukunft des 1.FC Köln. Im Saal wird manisch geraucht, ein großes Fass Kölsch soll zur Diskussion anregen.



Sowohl Pressevertreter als auch das Präsidium um Wolfgang Overath wurden eingeladen. Gekommen sind lediglich 25 FC-Mitglieder, die auf den maroden Tischen und Stühlen Platz genommen haben. Wäre er mit einem Unterhemd gekommen, dann hätte man sich Stefan Müller-Römer mit seiner großen Statur und seiner blonden Mähne auch gut im Ring der World Wrestling Federation vorstellen können. Dabei ist Müller-Römer Rechtsanwalt – und ganz nebenbei auch Sprecher von »FC Reloaded«. Er trinkt noch schnell sein Kölsch aus, dann wird die Powerpoint-Präsentation auf die Leinwand projiziert. 

In der Domstadt handelt es sich dabei nicht um einen Einzelfall. Es ist ein neuer Trend in der Bundesliga, dass Vereinsmitglieder Politik machen. Sie fordern mehr Mitsprache im Verein, wollen die Präsidien entmachten und rufen zur Revolution auf. Auch in Stuttgart, Gladbach und Hamburg gab es in jüngster Zeit ähnliche Initiativen, die von mehr oder weniger großem Erfolg geprägt waren. Die Protagonisten sind keine pöbelnden Ultras mit Kutten und Pyrotechnik, vielmehr hat man es hier mit Juristen und Unternehmern aus der Oberschicht zu tun.

Revolution von der Tribüne – Die neue Macht der Fans >>

In den vergangenen Monaten musste sich die im Dezember gegründete Initiative große Kritik gefallen lassen. Wolfgang Overath hatte die Opposition schnell als Störfeuer ausgemacht, die gerade im Abstiegskampf für Unruhe sorgte. Als prominentester Vertreter äußerte sich Lukas Podolski nach dem Heimsieg gegen Bremen: »Das war heute ein Sieg gegen den Kölner Anwalt!« Zum Gedankenaustausch, wie etwa bei der Stuttgarter Initiative, traf man sich bis jetzt nicht. »Als Sprecher bekomme natürlich ich die Prügel ab«, sagt Müller-Römer, der sich nicht als Person in den Vordergrund drängen will, aber, das wird an diesem Abend schnell klar, rhetorisch seinen Mitstreitern schlicht überlegen ist und deshalb das Wort führt.

Selbst unter den Mitgliedern ist »FC Reloaded« stark umstritten. Um eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen, forderte die Initiative vom Verein die Adressen aller Mitglieder. Der Verein verweigerte die Ausgabe der Daten, worauf die Initiative eine einstweilige Verfügung vor Gericht beantragte. Viele Mitglieder reagierten empört, sahen ihren Datenschutz gefährdet. Müller-Römer sagt: »Als Teil eines Vereins geht man auch bewusst die Entscheidung ein, über die Belange des Vereins informiert zu werden.«

Statt auf große Namen setzt man auf Inhalte

Was »FC Reloaded« von der viel diskutierten Gladbacher »Initiative Borussia« um Stefan Effenberg unterscheidet, ist ein klares Konzept. Statt auf große Namen und pompöse Pressekonferenzen setzt man in Köln auf Inhalte. Die Initiative, bestehend aus etwa 15 Personen, hat für die Präsentation in mühevoller Kleinarbeit die meisten Paragrafen der FC-Satzung überarbeitet. Das Ziel: Mehr Einflussmöglichkeiten für die Mitglieder – weniger Macht für den Vorstand. Um die aktuelle Satzung genau bewerten zu können, wurden keine Mühen gescheut. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Technischen Universität Chemnitz hat alle Satzungen der Bundesligisten, mit Ausnahme der Werksklubs Leverkusen und Wolfsburg, speziell auf Mitgliederfreundlichkeit ausgewertet.  

»Nach dieser Studie sind wir im Vergleich zu den anderen Bundesligisten mit dem FC klar im Tabellenkeller«, sagt Müller-Römer. Bei allen Erstligisten sei es jedem Mitglied alleine möglich, einen Antrag auf Satzungsänderung zu stellen. In Köln benötige man dazu jedoch 20 Prozent der Mitglieder. Eine beachtliche Zahl, bedenkt man, dass der FC weit mehr als 50.000 Mitglieder hat. Ebenso viele Stimmen bräuchte man, um eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen. Hier sind nur Mönchengladbach und Stuttgart schlechter aufgestellt, wo es mindestens 25 beziehungsweise 33 Prozent der Stimmberechtigten bedarf. Als besonders prekär sieht die Initiative Paragraf 19 der Satzung: Der Verwaltungsrat, der als Kontrollorgan des Vorstands fungiert, wird in Köln vom Vorstand selbst vorgeschlagen. »Overath kann also seine eigenen Kontrolleure benennen«, sagt Müller-Römer. Noch mitgliederfeindlicher geht es hier nur beim FC Bayern, Mainz, Hoffenheim, Bremen und Freiburg zu, da diese Vereine überraschenderweise über gar kein Kontrollorgan verfügen.

Es sind nur drei der vielen Punkte, die an diesem Abend ausführlich diskutiert werden. Nicht alle Verbesserungsvorschläge treffen auch den Nerv der Mitglieder. »Man muss das Präsidium individuell wählen, statt im Block«, gibt ein besorgter Fan zu verstehen. Man hört den Anwesenden aufmerksam zu, verspricht die Satzung ein weiteres Mal zu überarbeiten. Dann geht es weiter mit dem nächsten Paragrafen.

25 Anwesende genügen, um stundenlang zu diskutieren

Es gehen vier Stunden ins Land, das Bierfass neigt sich langsam dem Ende zu und der nur wenige Meter entfernte Redner ist durch die Rauchschwaden im Saal lediglich schemenhaft zu erkennen. Ein Ende der Diskussion ist aber noch lange nicht in Sicht. Der Abend zeigt, wie komplex Vereinssatzungen formuliert sind, aber auch wie schwierig es ist, alle Interessen der Mitglieder unter einen gemeinsamen Nenner zu bekommen. 25 Anwesende genügen bereits, um die Präsentation von wenigen überarbeiteten Paragrafen in einer stundenlangen Diskussion ausarten zu lassen.

Um ihr Vorhaben durchzusetzen, muss sich die Mitgliederinitiative »FC Reloaded« um Stefan Müller-Römer wohl oder übel bis zur nächsten Jahreshauptversammlung im November gedulden. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung wird es nämlich vorerst nicht geben. Die Adressen der Mitglieder hat der FC auch trotz der Klage noch nicht herausgegeben. Wie viel Transparenz ein Bundesligaverein ertragen kann, wenn er sportlich erfolgreich sein will, wird sich also erst in der Zukunft zeigen.




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Kommentare

  • User
  • 15.06.2011 21:43:16 Schmierwurst

    25 Anwesende - sind da die 15 Reloader schon mit dabei? Gleichwie ein beeindruckendes Zeugnis, welche breite Unterstützung die Initiative bei Mitgliedern und Fans erfährt.
    Ansonstenen eine erfrischend sachliche und ausgewogene Darstellung der Situation um FC Reloaded. Gut, möglicherweise hätte man erwähnen können, daß bislang jedes Gericht die Anträge auf einstweilige Vefügung zur Herausgabe der Mitgliedsdaten abgeschmettert hat. Und daß Müller-Römer sich nicht in den Vordergrund drängen will ist wohl eher ironisch gemeint. Darauf deutet ja auch der Hinweis auf Statur und lange Haare hin, sowie die Bemerkung mit dem Ring der World Wrestling Federation.

    Ich bin grundsätzlich nicht der allergrößte Anhänger der Demokratie, die Zustände beim HSV (wo die Mitglieder und Fans eher mehr Mitspracherecht haben) und nicht zuletzt die Tatsache, daß nur 25 Mann schon 4 Stunden ohne nennenswertes Ergebnis vor sich hindiskutieren können zeigt mir, daß demokratische Entscheidungsfindungsprozesse nicht für Fußbalvereine gemacht sind.

  • User
  • 16.06.2011 10:12:40 Hennes2000

    Zugegeben, Demokratie im Fußball ist sehr zweischneidig. Aktuell gibt es glaube ich schon viele, die das gutfinden, aber machen sollen es halt andere. Man selber will ruhig abwarten und dann auf der Hauptversammlung wie Caesar den Daumen heben oder senken.

    Ich glaube mittelfristig wird kein Klub an solchen Strukturen vorbeikommen (Bayern vielleicht eher langfristig, da der Erfolg die Mitglieder zufriedenstellt), aber die ersten Vereine müssen dafür noch ziemlich heftige Schlachten schlagen - beim HSV gab es dabei schon so viel Getöse, dass es eher abschreckt als zum Nachmachen auffordert, was die Änderungsprozesse woanders nicht unbedingt beschleunigt. Wenn es aber erstmal 4, 5 Bundesligisten mit entsprechender Fanbeteiligung geben sollte (die auch möglichst reibungslos ablaufen), werden auch die Fans anderer Vereine aufmerksam und fragen "Warum haben wir denn nichts hier zu sagen?".

    Zu FC reloaded: Guter Artikel, denn auf wenn die Initiative nicht perfekt ist, ist sie besser als ihr Ruf. Bislang wird in der Öffentlichkeit nur Müller-Römer als macht- und PR-geiler Strippenzieher diskutiert (was er mit ein paar unüberlegten Kommentaren auch indirekt befeuert hat), während die eigentlich gut durchdachten Pläne vollkommen in den Hintergrund rücken.

    Bislang findet es zwar schon ein wenig Unterstützung im FC-Umfeld, aber halt nur bei Personen, die Overath noch weniger leiden können als Müller-Römer, was ja wohl der bescheuerste Grund für eine mögliche Umwälzung des Vereins wäre.

  • User
  • 16.06.2011 12:58:04 PsyCom2002

    Overath nicht zu mögen ist bei seiner präsidialen Blianz und dem arroganten Auftreten nicht zu schwer, gerade wenn man durch seine späte Geburt nicht in den 70igern hat anfangen können FC Fan zu sein. Er bzw sein Verhalten Kritikern gegenüber war es ja auch, der FC Reloaded aus der Taufe gehoben hat, die Gründer der Initiative haben auf der Mitgliedsversammlung 2010 ja zusammengefunden. Ne Satzung schießt keine Tore, aber ich denke den "Sumpf" in der obersten Etage des FC etwas trockener zu legen würde sicherlich nicht schaden - Aber Köln ist Köln von daher würde sich auch mit neuer Satzung nicht zuviel ändern. Was fehlt ist einfach der Erfolg um Kritiker verstummen zu lassen, da gebe ich Hennes recht. Trotzdem werde ich die Initiative wohlwollend bei der nächsten Mitgliederversammlung unterstützen.

  • User
  • 16.06.2011 13:59:26 Schmierwurst

    Die Initiative soll besser sein als ihr Ruf? Daß ich nicht lache. Die Artikel auf der Webseite sprechen eine deutliche Sprache: billigste Polemik und persönliche Angriffe. Und die Art und Weise wir die möglicherweise tatsächlich sinnvollen Vorschläge transportiert werden -und das von Anfang an- deutet für mich eher darauf hin, daß es hier jemandem eher um einen persönlichen Feldzug geht, als um die Sache an sich.

    Kein Wort zu den bereits erfolgten zielführenden Entscheidungen im personellen Bereich: Trennung von Meier, Installation eines Fußballfachmanns als Sportdirektor, Verpflichtung eines echten Hochkaräters als Trainer für die neue Saison. Kein Wort zur sportlichen Bilanz: 3. Jahr in Folge in der ersten Liga (das erste Mal seit 15 Jahren!), 10. Platz vor Hoffenheim, Stuttgart, Bremen, Schalke, Wolfsburg. Kein Wort zur Satzungskommission, die durchaus sinnvolle Vorschläge hinsichtlich der Umsetzung einer Einbindung von Vereinsmitgliedern in die Entscheidungprozesse macht.

    Wolfgang Overath hat sicherlich einige Fehler und Defizite, wie Reloaded ihn als den Antichristen darzustellen, dessen primäres Ziel es ist, unseren Effzeh zugrunde zu wirtschaften, ist unfassbar dämlich.

  • User
  • 16.06.2011 15:45:41 PsyCom2002

    Zielführende Entscheidungen? Effzeh zu Grunde wirtschaften? - Naja ich sach nur 20 Millionen Schulden und 2 Abstiege! Das hat nicht FC Reloaded zu verantworten sondern die aktuelle Vereinsführung!
    Die Trennung von Meier war eher eine Opferung um seinen Kopf zu retten - auf der MV hat Wolle noch Nibelungentreue zu Meier geschworen... Wie mit Schäfer umgegangen wurde war das Allerletzte! 3 Jahr in Folge 1 .Liga ist kein Erfolg sondern Pflicht, da sind wir uns wohl einig!

  • User
  • 16.06.2011 17:08:04 Hennes2000

    @schmierwurst:
    Die Entschidungen im personellen Bereich zu loben ist halt nicht Sinn und Aufgabe von FC reloaded. Persönlich glaube ich sogar, dass Overath seit November die beste Phase seiner Präsidentschaft überhaupt hat. Dementsprechend wäre ich auch für ein weiteres Wirken von ihm - nur die Themen "Struktur" und insbesondere "Mitbestimmungsrechte der Fans" sind Themen, die ich von ihm noch nicht angepackt sehe und für welches sich eine externe Initiative einfach besser eignet.
    Die Vorschläge der Satzungskommission sind dabei aber auch vielleicht bislang an mir vorbeigegangen; wäre nett, wenn du die Vorschläge/Konzepte mal verlinken könntest.

    Wer Reloaded vorwirft, wie Overath dargestellt wird, soll aber auch nicht vergessen, dass der Umgang in die andere Richtung genauso läuft. Ob das so ist, um bei der Presse Gehör zu finden oder warum immer, weiss ich nicht, aber so läuft es in Köln halt meistens.

    @PsyCom:
    Die Schulden sind jetzt aber auch reichlich plakativ in den Raum geworfen. Die Tatsachen, dass der FC sportlich deutlich gefestigter ist als bei Wolles Übernahme und auch die Vermögenswerte im Spielerbereich angestiegen sind, darf man nicht vergessen.

    Die Entscheidung pro oder Contra Reloaded würde bei mir voll und ganz von der Glaubwürdigkeit Müller-Römers abhängen und insbesondere meiner Einschätzung darüber, wie wichtig ihm die SACHfrage ist. Die Konzepte zur Umstrukturierung kann ich nämlich nur gut heissen und wenn er da ernsthaft hintersteht wäre er mein Mann!

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