Die Geschichte der Fußballfans

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19.05.2011

Uli Borowka über seine Alkoholsucht

»...dann wäre ich heute tot«

Interview: Dirk Gieselmann und Alex Raack  Bild: Volker Schrank

Er war Meister und Europacup-Sieger. Aber als seinen größten Erfolg wertet Uli Borowka, dass er heute noch am Leben ist. Für die aktuelle 11FREUNDE-Ausgabe sprachen wir mit ihm über seine Alkoholsucht und andere harte Kämpfe. PS: Heute wird er 49.

Uli Borowka über seine Alkoholsucht - »...dann wäre ich heute tot«


Ulrich Borowka, Sie haben vor einigen Jahren mit der Punkband »Dimple Minds« das Lied »Barfuß oder Lackschuh« aufgenommen. Was ist der derzeitige Stand?

Nichts von beidem. Wie Sie sehen, trage ich Turnschuhe.

Haben Sie den Extremen abgeschworen?

Kann man so sagen. Ich bin jetzt seit elf Jahren trockener Alkoholiker.

Wie fing es an mit dem Saufen? Und wie hörte es auf?

Los ging es sehr früh. Meine Eltern haben 40 Jahre lang die Vereinskneipe des FC Oese im Sauerland betrieben, deshalb war Alkohol für mich schon in meiner Jugend allgegenwärtig. Auch in meiner Lehre als Maschinenschlosser gehörte das Feierabendbierchen dazu. Psychisch abhängig wurde ich als junger Profi bei Borussia Mönchengladbach. Damals dachte ich auch während des Trainings ständig ans Trinken. Von da an habe ich fast 20 Jahre durchgetrunken, in stetig wachsenden Mengen. Bis mich vor elf Jahren meine alten Gladbacher Freunde Christian Hochstätter und Wilfried Jacobs in die Entzugsklinik Bad Fredeburg brachten. Hätten sie das nicht getan, wäre ich heute mit Sicherheit tot.



Wenn man sich als Durchschnittsmensch einen reinkippt, kann man sich am nächsten Morgen kaum am Schreibtisch halten. Wie konnten Sie den Leistungssport mit Ihrem exzessiven Alkoholkonsum vereinbaren?

Nur über meinen eisernen Willen. Ich bin teilweise um acht Uhr morgens aus der Kneipe gefallen, um neun stand ich auf dem Trainingsplatz und habe alles gegeben. Ich habe, obwohl ich Alkoholiker war, nie aufgehört, den Fußball über alles zu lieben. Aber der Fußball bietet nun mal sieben Gründe zu saufen: Jeder Wochentag ist einer. Wenn wir verloren hatten, habe ich gegen den Frust gesoffen, wenn wir gewonnen hatten, vor Freude. Aber im Gegensatz zu meinen Kollegen habe ich kein Maß gefunden.

Sie galten als harter Verteidiger. Glaubten Sie deswegen, besonders viel vertragen zu müssen?

Nein, es hing vielmehr damit zusammen, dass ich immer die Nähe zu den Fans suchte, weil ich selbst ein Fußballverrückter war. Bei diesen hochemotionalen Menschen fühlte ich mich am wohlsten. Und da fand sich immer einer, der dem Uli einen ausgeben wollte.

Gab es Situationen, die Sie als Warnung hätten werten müssen?

Als ich einmal halbbesoffen in mein Auto stieg und die Tür zuknallte, habe ich mir die halbe Fingerkuppe abgequetscht. Wie das geblutet hat! Im Krankenhaus wurde es noch in der Nacht genäht und geschient. Am nächsten Morgen habe ich versucht, die Schiene unter der Trainingsjacke zu verbergen. Aber Jupp Heynckes, unser Trainer, hat es natürlich spitzgekriegt.

Wie hat er reagiert?

»Uli, was machst du für Sachen?«, hat er gesagt. Ihm war sowieso nicht verborgen geblieben, dass ich gern und viel trank. Gladbach ist klein, da gibt es eigentlich nur den Alten Markt, wo man hingehen kann.

Der englische Weltmeister Jimmy Greaves spritzte Wodka in Orangen, die er dann massenhaft verspeiste. Wie haben Sie versucht, Ihre Sucht zu verbergen?

Ich hatte keine Tricks. Ich habe den Alkohol vernichtet, wo immer er mir in die Quere kam. Aber wo Sie von England sprechen: Dort zieht man den Hut vor Männern wie Greaves oder auch Tony Adams, die offen zugeben, dass sie ein Problem mit dem Alkohol haben. In Deutschland wirst du automatisch zur Persona non grata.

Hat Jupp Heynckes denn versucht, Ihnen zu helfen?

Nein, dass ich tatsächlich krank war, alkoholkrank, konnte damals noch niemand wissen. Wirkliche Ausfälle hatte ich auch erst in meiner Bremer Zeit ab 1987.

Hat man das Problem dort erkannt?

Dr. Franz Böhmert, der damalige Präsident, war Arzt und hat mich durchschaut. Er wollte mir helfen, aber ich ließ es nicht zu. Es war nicht so, dass ich es nicht wahrhaben wollte, nein: Ich habe das Problem nicht mal gesehen.

Der »Weser-Kurier« schrieb rückblickend: »Vielleicht war es die Duldung von Öffentlichkeit und Verein, die den urigen Kicker den Ernst der Lage verkennen ließ.«

Ich mache niemandem einen Vorwurf. Otto Rehhagels Konzept als Werder-Trainer war es, dass Mannschaftsinterna nicht nach außen drangen. So hat er auch mich geschützt. Wenn ich wegen eines Saufgelages mal beim Morgentraining fehlte, sagte Otto zu den Journalisten: »Der Uli hat was mit dem Magen.« Ein Fehler, aber ein unbewusster. Heute weiß ich, dass es sich dabei um eine sogenannte Co-Abhängigkeit handelte.



Aus Heft#114 05/2011

So wird man Deutscher Meister!


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1981 beginnt die einzigartige Karriere des »kleinen Sauerländers« (Borowka über Borowka) aus Menden bei Borussia Mönchengladbach. Autogramme freihändig schreiben inklu.


Fotostrecke

  • 1981 beginnt die einzigartige Karriere des »kleinen Sauerländers« (Borowka über Borowka) aus Menden bei Borussia Mönchengladbach. Autogramme freihändig schreiben inklu.
  • Ausgebildet vom DSC Wanne-Eickel, wird aus dem Rohdiamanten Borowka in Gladbach ein echter Edelstein. Wenn auch relativ hart...
  • Andere Zeiten, andere Föhnwellen: Uli mit seiner ersten Frau Carmen Weidner.
  • The Boys are back in town: Die Gladbachr Frontzeck, Krauss, Borowka und Bakalorz (von links) pflügen Mitte der achtziger Jahre durch die Bundesliga.
  • Borowkas erstes Spiel für die Nationalmannschaft beginnt 1988 mit der Sonderbewachung für Diego Maradona. Und noch vor Lothar Matthäus sichert sich »die Axt« das bheiß begehrte Trikot des Weltstars.
  • Schön, dass du da bist (#1). Schon 1987 wechselt Borowka von Mönchengladbach nach Bremen. Die Gegenspieler von einst zeigen sich extrem dankbar, den knüppelharten Defensivmann in den eigenen Reihen zu haben. Hier bedankt sich Mirko Votava.


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Kommentare

  • User
  • 20.05.2011 08:31:49 Emiliano Zapata

    Schönes Interview. Aber mal ne Frage: Warum ist Uli so stolz darauf alle getreten zu haben? Ist das eine besonders tolle Eigenschaft? Klar, ein harter Abwehrspieler blabla, aber in gefühlt jedem 2.Satz zu betonen wie beinhart man den anderen die Beine zerkloppt hat ist schon was anderes...

  • User
  • 20.05.2011 10:10:04 Beschorner

    Das ist nunmal alles, worüber er was erzählen kann. Saufen und treten. Was manchmal allerdings auch positive Seiten hat. Wurde er doch kürzlich als "Werder-Insider" interviewt und hat eingestanden, dass er doch als Außenstehender keine Ahnung hat, was intern bei Werder geschieht.
    Also kein unsympathischer Mensch, aber (fast) immer einseitige Interviews.

  • User
  • 20.05.2011 10:24:43 einrudithömmes

    Was auch am Fragesteller liegen könnte.

    Und natürlich seiner Geschichte.

    Wenn man also was zur Nationalmannschaft der Elfenbeinküste und der Auswirkungen auf die politische Lage an den Kakaobörsen der Welt, die Ölkrise in den 80ern oder die Rolle von Franz-Josef Strauß beim Mistrauensvotum gegen Willy Brandt erfahren möchte, sollte man die Interviews mit Uli Borowka auch einfach gar nicht darauf hin lesen. Danke für die ausführliche Veröffentlichung.

  • User
  • 20.05.2011 10:32:10 Andreas Blenke

    Interessantes Interview — vielen Dank. Ich kann mich nie entscheiden, ob mir der Borowka sympathisch ist oder nicht. Auf jeden Fall quatscht er nicht lange rum, sondern antwortet offen und geradeheraus.

  • User
  • 20.05.2011 10:37:26 einrudithömmes

    Jup, auch mein Eindruck.

    Vermittelt so ein früher war alles ehrlicher (heute sagt man ja: authentisch), der Fußball, die Typen (es gab sogar welche!) und die Spiele (von Werder) Gefühl. Gut!

  • User
  • 20.05.2011 10:45:24 Dschungelking

    So geht es mir auch. Sein Treterstolz ist mir auch sauer aufgestoßen, aber seine Ehrlickeit hat mir dann wiederum gefallen. Ist eben ein ambivaler Typ.

  • User
  • 20.05.2011 11:45:33 mitleser

    Ich finde Ulli Borowka (oder Uli? Das hat mich schon immer ratlos zurückgelassen...) ist ein bisschen so, als würde man ALLE Klischees der Achtziger zusammenpacken und fies übertreiben. Hat gesoffen wie ein Loch, die Gegner reihenweise weggeknüppelt und mit dem Ball eher eine Zweckgemeinschaft gehabt - so war er eben, der Vokuhila-tragende Fußballer damals. Aber so extrem wie Borowka (hatte der jemals einen Vokuhila?) war wohl keiner, und dass bei seiner Sauferei niemand vorher eingeschritten ist fand und finde ich immer noch erstaunlich. Zwar verständlich, aber schon auch ein wenig irritierend.
    Was mich aber damals schon immer faszinniert hat: dass ausgerechnet (ja, schönes Wort) Franz Beckenbauer diesen Antifußballer zum Nationalspieler gemacht hat... Entweder der Kaiser war von seinen damals omnipräsenten Karohosen (ihm standen sie aber irgendwie) angesäuselt oder es war einfach eine Art Scherz auf Kosten der Bundesliga.

  • User
  • 20.05.2011 11:49:47 Emiliano Zapata

    Naja, Rudi, gibt ja nun noch nen bisschen Spielraum zwischen dem was du schreibst, was man nicht erwarten kann und dem tatsächlichen Inhalt des Interviews... Mir gefällt das Interview, allerdings ist es schon auffällig, dass die Treterei so oft erwähnt wird...

  • User
  • 20.05.2011 12:30:47 skifahrer

    Borowka hat für die Hindernisse, die ihm im Weg lagen oder er sich in den Weg gelegt hat, relativ viel aus sich gemacht bzw. machen können, weil es Leute gab, die zu ihm gehalten haben.
    Und diese Leute sind zu bewundern:
    Einem Alkoholiker zur Seite zu stehen, ist mit das Härteste, was man sich selbst zumuten kann.
    Stolz auf seine fußballerischen, eigentlich ausschließlich destruktiven Leistungen darf er ja haben, aber eine kritische Nachfrage dazu hätte man sich schon gewünscht.

  • User
  • 20.05.2011 12:36:41 einrudithömmes

    Nein, man wünscht sie sich sogar.

    Ich bin ja auch eher so der Edeltechniker auf dem Platz, aber wär ne Mannschaft aus 11 Messis nich auch sterbenslangweilig? Gerade im Tor!

  • User
  • 20.05.2011 13:05:09 ProfessorBolz

    Messi im Tor?!

    Jau, das würde den Jungen mal von seinem hohen Ross runterreißen, wenn jeder zweite Freistoß ab der Mittellinie unhaltbar ins Toreck flöge.

    Kriegt man das nicht mal hin, im Rahmen eines Benefizspiels?

  • User
  • 20.05.2011 13:10:58 einrudithömmes

    Jau, das würde den Jungen mal von seinem hohen Ross runterreißen

    Zumal er ja dafür "geholt" wurde, um in der Defensive seinen Mann zu stehen. Jungejunge...

  • User
  • 20.05.2011 18:04:11 skifahrer

    Ich bin froh, dass mir L.H. immer den Rücken frei gehalten hat für gepflegtes Spiel im Mittelfeld. Und ohne diese Katsches ginge gar nichts auf dem Platz. Aber Katsche war kein Treter.
    Diese Formulierungen von "Stollen abbrechen" etc.... Irgendwie ist das nicht "mein" Fußball.

  • User
  • 26.05.2011 15:19:06 hipopotam

    Kennen Sie das polnische Sprichwort: »Ein Vogel muss fliegen, ein Pole muss saufen«?

    Haha, schön ausgedacht. Ich habe es noch nie gehört, weder auf deutsch noch auf polnisch. In google finde ich nur ein Hinweis auf dieses Sprichwort... Auf der 11Freunde-Seite ;)

  • User
  • 26.05.2011 20:57:32 AntiMöller

    @Hipopotam: einfach mal vor de Tür gehen, nech? Frischluft is your friend! --> ;-)

  • User
  • 05.06.2011 06:27:55 El Buitre

    Er hat Recht, Dummkopp, Anti. Dieses Sprichwort gibt es nicht.

    Zum Interview: man merkt ihm ab gewisser Frage an, wie es ungemütlich wird und er das Schema abspielt. Das Schema, das er braucht um sich damit zu verteidigen. Das is so alt bekannt. Ich fühl mit ihm, er bleibt n Proll aber n Guter.

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