Fanforscher Jonas Gabler über Gewalt in der Liga
»Ultras waren immer ein Stück weit gewalttätig«
Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Die Münchener Schickeria möchte blaue Schweine schlachten, in Köln drohen Fans mit Mord, in Frankfurt zieht ein Polizist eine Waffe. Sinkt diese Saison tatsächlich die Hemmschwelle für Gewalt? Wir fragten Ultra-Experten Jonas Gabler.
Am kommenden Wochenende findet in Berlin der Fankongress 2012 statt. Der Grundgedanke lautet: »Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?« Am Samstag und Sonntag wird es Podiumsdiskussionen und Workshops zu Themen wie 50+1, Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Selbstbestimmung in der Kurve, soziale Verantwortung, Eintrittspreise etc. geben. Diskussionsteilnehmer sind u.a. Martin Kind (Präsident von Hannover 96), Jonas Gabler (Autor von »Die Ultras«), Dirk Grosse (Sky Deutschland AG), Holger Hieronymus (Geschäftsführer DFL), Hendrik Große Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) oder Kevin Miles (Football Supporters Federation). Weitere Infos findet ihr auf www.fankongress-2012.de.
Im Laufe dieser Woche lest hier auf der 11FREUNDE-Homepage Interviews und Berichte zum Thema Fankultur. Ihr findet alle Texte gesammelt unter www.11freunde.de/fans. Das folgende Interview mit Jonas Gabler stammt aus dem Mai 2011.
Jonas Gabler, aktuell wird wieder einmal über die Rückkehr von Gewalt im Fußball und speziell in der Ultra-Kultur gesprochen. Alles Medienhysterie?
Jonas Gabler: Ich halte es jedenfalls für eine sehr vereinfachte Darstellung. In Teilen der Gruppen ist eine Tendenz zu mehr Brutalität und Radikalität zu erkennen, andererseits gibt es im Vergleich zu früher viel mehr Mitglieder in den Utraszenen, die sich intensiv mit dem eigenen Handeln auseinander setzen, die erörtern, inwieweit es noch tragbar ist und die auch versuchen die Gewalt zu regulieren.
KOS-Sprecher Volker Goll sagte vor einiger Zeit, Stadionverbote seien in der Szene mittlerweile ein Biografie-Merkmal. Für Außenstehende ist es auch vor dem Hintergrund solcher Aussagen schwierig, die Ultra-Gruppen differenziert zu betrachten.
Jonas Gabler: Der Ultra-Kultur wohnt seit jeher eine Widersprüchlichkeit inne, die gerade für die Medien und die Empfänger schwierig zu greifen ist. Zumal allerorten – im Fernsehen und beim Rezipienten – klare Bilder und Antworten gewünscht werden: Sind die Ultras gut oder sind sie böse? Alles, was dazwischen liegt, verwirrt.
Von welchen Widersprüchlichkeiten sprechen Sie?
Jonas Gabler: Die Ultras verstehen sich grundsätzlich als kollektive und vereinsübergreifende Bewegung. Früher, also Mitte und Ende der Neunziger, war diese Eine-Bewegung-Idee stärker ausgeprägt, auch weil man sich als neue Kultur gegen andere Fanszenen durchsetzen und behaupten musste. Das hieß, dass selbst mit den ärgsten Rivalen im Zweifelsfall der Schulterschluss gesucht wurde. Heute kann man es sich jedenfalls kaum noch vorstellen, dass vor knapp zehn Jahren »Carpe Diem«, eine der Keimzellen von USP (Ultra Sankt Pauli, Anm. d. Red.), freundschaftlich die »Suptras Rostock« bei einem Auswärtsspiel besuchten. Denn heute bezieht man sich wieder stärker auf die italienische oder polnische Ultra-Kultur, und dort steht die Rivalität im Vordergrund.
Die vereinsübergreifende Ultra-Bewegung kann sich darauf einigen, ein Gegengewicht zum kommerzialisierten und modernen Fußball zu sein. Ist es nicht paradox, dass man sich auf einer anderen Ebene bekämpft?
Jonas Gabler: Wie gesagt: Es ist widersprüchlich, aber auch die Rivalität gehört zur Ultra-Kultur. Kürzlich erschien ein Buch über die italienische Ultra-Kultur, die den Charakter der Bewegung schon im Titel beschreibt. Es heißt: »Tifare Contro«. Übersetzt bedeutet das so viel wie »dagegen anfeuern«, also gegen das System sein, aber auch gegen den Gegner sein und ihn das hören lassen . Es war also immer auch ein Charakteristikum der Ultras, sich nicht nur gegen die Außenwelt zu positionieren, sondern auch eine Rivalität zum Gegner zu bewahren. Dabei ist dieser Antagonsimus von einer aggressiven Grundstimmung geprägt.
Aktuell steht eine der ersten Ultragruppen Deutschlands unter Beschuss: Beim Versuch der Frankfurter Ultras (UF97) die Mannschaft zum Gespräch aufzusuchen, zog ein Polizist seine Waffe und gab einen Warnschuss ab. Ob er provoziert wurde oder mit der Situation überfordert war, steht noch dahin. Fakt ist, dass die UF97 in der Vergangheit häufiger durch Gewaltaktionen auffielen. Wie bewerten Sie die Gruppe?
Jonas Gabler: Frankfurt, das ist Großstadt, Milieu, hartes Pflaster, viele Subkulturen – und das spiegelte sich lange Jahre auch in der Fankurve wider. Dazu gehörte immer auch eine relevante Hooligans-Szene. Als die Ultras Mitte der Neunziger die Kurve übernahmen, waren sie, was den Support anging, lange so etwas wie ein Vorreiter für andere deutsche Fanszenen. Sie standen weniger für Gewalt, sondern vielmehr für Lautstärke und spektakuläre Choreographien.
Wie ist es heute?
Jonas Gabler: Viele sagen tatsächlich, es sei sukzessive schlechter geworden und die zweite und dritte Generation der Frankfurter Ultra-Szene würde gewalttätiger sein. Wenn man sich allerdings die Choreo im letzten Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern anguckt, kann man festhalten: In Bezug auf Choreographien setzen die UF97 immer noch Maßstäbe. Folglich kann eine Ultraszene schwer auf ein bestimmtes Image reduziert werden, man kann sie nicht per se als gewalttätig abtun. Es verläuft alles in Sinuskurven.
Vor dem Eintracht-Auswärtsspiel beim 1. FC Kaiserslautern im Oktober 2010 wurde via Youtube ein Video veröffentlicht, in dem ein Schlachter »Lauternschweine« zerlegt. Am Ende kündigte man einen »Pfalzüberfall« mit Uhrzeit und Datum an. Wo sind da noch die Grenzen zum Hooliganismus der Achtziger und Neunziger?
Jonas Gabler: Es ist allgemein bekannt, dass die Frankfurter Ultras stolz darauf sind, auf der Straße einen bestimmten Ruf zu genießen. Doch sollte man bei diesem Beispiel festhalten, dass an dem Tag niemand mit dem Schlachtermesser rumlief, es gab keine Ausschreitungen. Das Video wurde in den Medien und von den Vereinen überhöht, es wurde schlichtweg falsch interpretiert. Im Endeffekt ging es hier – und geht es im allgemeinen – um Symbolik und Auftreten, simpel übersetzt bedeutet jede noch so martialische Botschaft: »Wir können euch nicht leiden.« Ähnliches gilt für das Graffito »Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot« aus FC-Kreisen, Spruchbänder der Schickeria, das Löwen-Logo im Fadenkreuz und in gewisser Weise sogar für den Platzsturm im Olympiastadion.
Kann man das tatsächlich auf eine überzeichnete Provokation runterbrechen?
Jonas Gabler: Ich denke, ja. Wir finden es in vielen anderen Sportarten, dass man den Gegner vor dem Spiel durch Masse und Symbole versucht zu dominieren. So wie australische Rugbyspieler vor jedem Spiel eine Art Kriegstanz aufführen, treten Ultragruppen martialisch und einschüchternd auf.
Der Fanforscher Gunter A. Pilz spricht seit einigen Jahren von dem Begriff »Hooltras« und bezeichnet damit die gewaltbereiten Ultras, die sich an den Hooligans der Achtziger orientieren. Was halten Sie davon?
Jonas Gabler: Dieser Begriff impliziert, dass Ultras früher friedfertig gewesen seien. Ultras waren – wenn man dem italienischen Terminus folgt – immer ein Stück weit gewalttätig. Es war jedenfalls stets schon in der Gruppenlogik verankert, Gewalt zu akzeptieren. Das Credo: Wenn wir angegriffen werden, dann verteidigen wir uns.
Ende der Neunziger verschwanden die großen Hooligan-Gruppen aus den Stadien. Zeitgleich kamen die Ultras auf. Gab es dabei eine personelle Kontinuität?
Jonas Gabler: In der Literatur wird gerne davon gesprochen, dass Ende der Neunziger ein Vakuum in der Fankultur entstanden ist, in das die Ultras reingestoßen sind. Mir stellt sich mittlerweile ein anderes Bild dar. Hooligans gab und gibt es die ganze Zeit, auch wenn sie im Stadion nicht mehr als Schläger präsent waren. Sie haben sich trotzdem eine Autorität in der Kurve bewahrt. Und sie prügeln immer noch mit, ohne dass sich Ultras explizit davon distanzieren. Allerdings darf man hier nicht pauschalisieren – da müsste man sich die einzelnen Szenen anschauen.


Nach Kölns 1:4 gegen den VfL Woflsburg (April 2011) schmierten »Chaoten« (Sportbild) den Spruch »Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot. Come on FC!« an die Werbebande des Trainingsplatzes. (Bild: Youtube)






