Revolution von der Tribüne – die 11FREUNDE-Reportage
Die neue Macht der Fans
Text: Philipp Köster und Christoph Biermann Bild: Imago
Ein Gespenst geht um in der Bundesliga. Ob in Köln, Hamburg oder Stuttgart, überall in der Republik machen Anhänger plötzlich Vereinspolitik und fordern mehr Demokratie. In 11FREUNDE #113 berichten wir darüber.
Eigentlich war Stefan Müller-Römer schon auf dem Weg nach Hause. Die Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln war zwar noch nicht vorbei, doch der 42 Jahre alte Medienanwalt bereits müde und desillusioniert. Dreitausend Vereinsmitglieder hatten sich stundenlang Reden und wirre Wortmeldungen zur prekären sportlichen Lage angehört. Frustriert trotteten immer mehr von ihnen nach Hause, doch ein Freund von Müller-Römer drängte darauf, wenigstens ein kleines Zeichen zu setzen. Man solle dem Vorstand um Wolfgang Overath die Entlastung verweigern. Als um bald schon 23 Uhr zur Abstimmung aufgerufen wurde, hielten nur fünfhundert Mitglieder ihre Karten zur Zustimmung hoch. »Ich sehe, das ist die Mehrheit«, sagte der Versammlungsleiter und ein Sturm der Empörung brach los. Stühle flogen um, »Schieber«-Rufe wurden laut, denn angesichts von noch fast zweitausend Leuten konnte von einer Mehrheit nicht die Rede sein. Müller-Römer stellte den Antrag auf Nicht-Entlastung, der mit einem für Overath deprimierenden Ergebnis von 1317 zu 520 angenommen wurde.
Das Misstrauensvotum im November letzten Jahres war auch die Geburtsstunde von »FC Reloaded«, einer Initiative für einen Wandel des Traditionsklubs. Etliche Mitglieder sprachen Müller-Römer noch am gleichen Abend an, am nächsten Tag bekam er Dutzende Mails, in denen Mitarbeit angeboten wurde. »Das war null geplant und zeigt, was man mit wildfremden Menschen aus dem Nichts erreichen kann«, sagt Müller-Römer. Seither kämpft die Initiative für eine außerordentliche Mitgliederversammlung, um die »extrem mitgliederfeindliche, intransparente und missbrauchsanfällige Vereinssatzung«, wie er sie nennt, durch eine demokratischere zu ersetzen.
Fast eine Revolution
»Das ist ja fast eine Revolution, was hier versucht wird«, hat Vereinsboss Overath bereits geklagt. Mit seinem Ängsten vor dem großen Umsturz steht er unter Deutschlands Fußballfunktionären aber nicht allein, denn auch anderswo regen sich zumindest vorrevolutionäre Umtriebe. Beim Erstligaabsteiger VfL Bochum lösten sie gar einen Wechsel an der Vereinsspitze aus. Hier trat die Initiative »Wir sind VfL« mit einem »Manifest für einen Neuanfang« an die Öffentlichkeit und bereitete vor der Jahreshauptversammlung im vergangenen Oktober eine Stimmung vor, die zur verweigerten Entlastung des Aufsichtsrates führte. Empört legte Präsident Werner Altegoer nach 17 Jahren an der Spitze des Vereins sein Amt nieder. Tektonische Verschiebungen im Machtgefüge werden auch beim Hamburger SV beobachtet, wo der Supporters Club, die Fanabteilung im Verein mit stolzen 55 000 Mitgliedern, kürzlich durch ihre Delegierten im Aufsichtsrat dafür sorgten, dass die Vertragsverlängerung des Vorstandes um Bernd Hoffmann abgelehnt wurde. Auch das Ende von Felix Magaths Allmacht bei Schalke 04 konnte man auf einer Mitgliederversammlung im vergangenen Mai vorausahnen, als sein Antrag abgelehnt wurde, die Grenze für Transfers aufzuheben, denen der Aufsichtsrat zustimmen muss. In Stuttgart schließlich kämpft die »Aktion VfB 2011« für eine reformierte Vereinsstruktur mit größerer Teilhabe der Mitglieder.
All diese Bündnisse haben über Vereinsgrenzen hinweg den Umstand gemeinsam, dass sie zunächst einmal keine klassischen Faninitiativen sind. Die üblichen Reizthemen zwischen Kurven und Vorständen, etwa Eintrittspreise oder Legalisierung von Pyrotechnik, tauchen in den Forderungskatalogen nicht auf. Stattdessen eint die Aktivisten der generelle Wunsch nach mehr Rechten der Mitglieder und Teilhabe an Entscheidungsprozessen. Zudem sind personelle Überschneidungen, etwa zwischen der Ultraszene und den neuen Bewegungen, noch noch überschaubar. »In unserem zehnköpfigen Orgateam geht es quer durch«, sagt der Stuttgarter Patrick Knorr, »die Mitglieder kommen aus allen Bereichen des Stadions.« Es verbindet sie weniger die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene als die Sorge um die Zukunft ihres Klubs. Die Protagonisten sind tendenziell mittelalt und als Ingenieure, Unternehmensberater oder Juristen überdurchschnittlich gebildet. Viele leiden eher still auf der Gegentribüne und sind damit wahrscheinlich den Demonstranten gegen den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof ähnlich, die ja ebenfalls nicht dem klassischen Protestmilieu entspringen.
Heute werden keine Busse mehr blockiert
Das gesetztere Alter der Protagonisten prägt naturgemäß auch die Formen der Auseinandersetzung. Wo sich jugendliche Fanwut öfter in der Blockade des Mannschaftsbusses äußert, setzen die neu entstandenen Initiativen auf das Vereinsrecht und das Studium einschlägiger Paragraphen.
»Im Unterschied zu vielen anderen Mitglieder- und Faninitiativen haben wir keine Beißhemmung«, sagt Müller-Römer über »FC Reloaded«. Der Rechtsanwalt mit dem Pferdeschwanz und seine Mitstreiter scheuten selbst juristische Schritte nicht, um eine außerordentliche Mitgliederversammlung auf den Weg zu bringen. In Stuttgart hingegen ist die Haltung weniger konfrontativ, die Mitglieder der »Aktion VfB 2011« trafen auch schon Vereinsvertreter zum Gedankenaustausch. Hier wie dort aber hält man den wenig glamourösen Weg über die Vereinssatzungen und Gremien für nachhaltiger als mit Pomp inszenierte Blockade- oder Boykottaktionen.
Aus Heft#113 04/2011







