Die Geschichte der Fußballfans

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25.04.2011

Revolution von der Tribüne – die 11FREUNDE-Reportage

Die neue Macht der Fans

Text: Philipp Köster und Christoph Biermann  Bild: Imago

Ein Gespenst geht um in der Bundesliga. Ob in Köln, Hamburg oder Stuttgart, überall in der Republik machen Anhänger plötzlich Vereinspolitik und fordern mehr Demokratie. In 11FREUNDE #113 berichten wir darüber.

Revolution von der Tribüne – die 11FREUNDE-Reportage - Die neue Macht der Fans


Eigentlich war Stefan Müller-Römer schon auf dem Weg nach Hause. Die Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln war zwar noch nicht vorbei, doch der 42 Jahre alte Medienanwalt bereits müde und desillusioniert. Dreitausend Vereinsmitglieder hatten sich stundenlang Reden und wirre Wortmeldungen zur prekären sportlichen Lage angehört. Frustriert trotteten immer mehr von ihnen nach Hause, doch ein Freund von Müller-Römer drängte darauf, wenigstens ein kleines Zeichen zu setzen. Man solle dem Vorstand um Wolfgang Overath die Entlastung verweigern. Als um bald schon 23 Uhr zur Abstimmung aufgerufen wurde, hielten nur fünfhundert Mitglieder ihre Karten zur Zustimmung hoch. »Ich sehe, das ist die Mehrheit«, sagte der Versammlungsleiter und ein Sturm der Empörung brach los. Stühle flogen um, »Schieber«-Rufe wurden laut, denn angesichts von noch fast zweitausend Leuten konnte von einer Mehrheit nicht die Rede sein. Müller-Römer stellte den Antrag auf Nicht-Entlastung, der mit einem für Overath deprimierenden Ergebnis von 1317 zu 520 angenommen wurde.



Das Misstrauensvotum im November letzten Jahres war auch die Geburtsstunde von »FC Reloaded«, einer Initiative für einen Wandel des Traditionsklubs. Etliche Mitglieder sprachen Müller-Römer noch am gleichen Abend an, am nächsten Tag bekam er Dutzende Mails, in denen Mitarbeit angeboten wurde. »Das war null geplant und zeigt, was man mit wildfremden Menschen aus dem Nichts erreichen kann«, sagt Müller-Römer. Seither kämpft die Initiative für eine außerordentliche Mitgliederversammlung, um die »extrem mitgliederfeindliche, intransparente und missbrauchsanfällige Vereinssatzung«, wie er sie nennt, durch eine demokratischere zu ersetzen.

Fast eine Revolution

»Das ist ja fast eine Revolution, was hier versucht wird«, hat Vereinsboss Overath bereits geklagt. Mit seinem Ängsten vor dem großen Umsturz steht er unter Deutschlands Fußballfunktionären aber nicht allein, denn auch anderswo regen sich zumindest vorrevolutionäre Umtriebe. Beim Erstligaabsteiger VfL Bochum lösten sie gar einen Wechsel an der Vereinsspitze aus. Hier trat die Initiative »Wir sind VfL« mit einem »Manifest für einen Neuanfang« an die Öffentlichkeit und bereitete vor der Jahreshauptversammlung im vergangenen Oktober eine Stimmung vor, die zur verweigerten Entlastung des Aufsichtsrates führte. Empört legte Präsident Werner Altegoer nach 17 Jahren an der Spitze des Vereins sein Amt nieder. Tektonische Verschiebungen im Machtgefüge werden auch beim Hamburger SV beobachtet, wo der Supporters Club, die Fanabteilung im Verein mit stolzen 55 000 Mitgliedern, kürzlich durch ihre Delegierten im Aufsichtsrat dafür sorgten, dass die Vertragsverlängerung des Vorstandes um Bernd Hoffmann abgelehnt wurde. Auch das Ende von Felix Magaths Allmacht bei Schalke 04 konnte man auf einer Mitgliederversammlung im vergangenen Mai vorausahnen, als sein Antrag abgelehnt wurde, die Grenze für Transfers aufzuheben, denen der Aufsichtsrat zustimmen muss. In Stuttgart schließlich kämpft die »Aktion VfB 2011« für eine reformierte Vereinsstruktur mit größerer Teilhabe der Mitglieder.  

All diese Bündnisse haben über Vereinsgrenzen hinweg den Umstand gemeinsam, dass sie zunächst einmal keine klassischen Faninitiativen sind. Die üblichen Reizthemen zwischen Kurven und Vorständen, etwa Eintrittspreise oder Legalisierung von Pyrotechnik, tauchen in den Forderungskatalogen nicht auf. Stattdessen eint die Aktivisten der generelle Wunsch nach mehr Rechten der Mitglieder und Teilhabe an Entscheidungsprozessen. Zudem sind personelle Überschneidungen, etwa zwischen der Ultraszene und den neuen Bewegungen, noch noch überschaubar. »In unserem zehnköpfigen Orgateam geht es quer durch«, sagt der Stuttgarter Patrick Knorr, »die Mitglieder kommen aus allen Bereichen des Stadions.« Es verbindet sie weniger die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene als die Sorge um die Zukunft ihres Klubs. Die Protagonisten sind tendenziell mittelalt und als Ingenieure, Unternehmensberater oder Juristen überdurchschnittlich gebildet. Viele leiden eher still auf der Gegentribüne und sind damit wahrscheinlich den Demonstranten gegen den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof ähnlich, die ja ebenfalls nicht dem klassischen Protestmilieu entspringen.

Heute werden keine Busse mehr blockiert

Das gesetztere Alter der Protagonisten prägt naturgemäß auch die Formen der Auseinandersetzung. Wo sich jugendliche Fanwut öfter in der Blockade des Mannschaftsbusses äußert, setzen die neu entstandenen Initiativen auf das Vereinsrecht und das Studium einschlägiger Paragraphen.

»Im Unterschied zu vielen anderen Mitglieder- und Faninitiativen haben wir keine Beißhemmung«, sagt Müller-Römer über »FC Reloaded«. Der Rechtsanwalt mit dem Pferdeschwanz und seine Mitstreiter scheuten selbst juristische Schritte nicht, um eine außerordentliche Mitgliederversammlung auf den Weg zu bringen. In Stuttgart hingegen ist die Haltung weniger konfrontativ, die Mitglieder der  »Aktion VfB 2011« trafen auch schon Vereinsvertreter zum Gedankenaustausch. Hier wie dort aber hält man den wenig glamourösen Weg über die Vereinssatzungen und Gremien für nachhaltiger als mit Pomp inszenierte Blockade- oder Boykottaktionen. 



Aus Heft#113 04/2011

Uns Poldi – Ein Heimatroman


weiterlesen [1] [2] [3]





Kommentare

  • User
  • 25.04.2011 18:44:19 Donaldo

    Tja, jetzt dauert's noch ein paar Jahre, dann haben auch die Hoeneße unserer Zeit begriffen, dass deren Uhr abgelaufen ist.
    Bitter, aber notwending.

  • User
  • 25.04.2011 22:53:15 gil y gil

    leider zeigt schon der name der hamburger bewegung "sozialromantiker" das größte problem solcher gruppierungen. die meisten betrachten nicht die betriebswirtschaftlich realistische Umsetzbarkeit ihrer forderungen und wirken somit oft infantil und naiv.

  • User
  • 25.04.2011 23:46:07 prazzomoto

    Was soll denn dieser Bullshit jetzt wieder?
    Nur weil man sich an ultrakonforme familientaugliche, sponsorenfähnchenschwingende Familienfans gewöhnt hat, ist man plötzlich irritiert, wenn angepisste Banner in der Fankurve (ja, sowas gibts tatsächlich noch, heisst jetzt halt nur Telekom-Turnaround oder Krombacher-Kurve) auftauchen?

    Herrgott, vor nichtmal zehn Jahren wurde sich im Stadion über Gott und die Welt ausgekotzt und jetzt springt ihr aufs selbe Pferd, wie die Oberkonformanten Rummenigge und Hoeness auf? Seid wann geht ihr denn bitte zum Fussball??

    Um Gottes Willen, spielt doch nicht immer dasselbe scheiss Spiel mit, dass euch vom Boulevard vorgegeben wird!
    Ich fand 11Freunde wirklich irgendwann mal interessant, aber ihr habt schon lange extrem abgebaut und seid nur noch ein Folkloreblättchen, dass sich über 80er-Jahre-Kicker-Friesen lustig macht, Bud Spencer feiert und sich mittlerweile wundert, wenn der Pöbel in der Kurve tatsächlich mal seinen Unmut äussert.

    Zum Kotzen!
    Nennt euch doch gleich "Sommermärchen-Mag 06 – 12"!

  • User
  • 25.04.2011 23:59:24 Conde de Cordoba

    Heute 23:46:07 prazzomoto

    Du bist ein echter Blindfischer, keine Ahnung, aber
    vulgärer überflüssiger unqualifizierter
    Dünnschisskommentar! Du tust mir weh im Herzen.

  • User
  • 26.04.2011 00:12:09 waldorf99

    Dass die Jolly-Rouge-Proteste beim Heimspiel gegen Freiburg und nicht beim Heimspiel gegen Hannover96 stattfanden ist ja noch ein verzeihlicher Recherche-Fehler, wo sich da wer was von Manchester United abgeguckt haben soll, müsste mir der Autor aber mal erklären. Darüber hinaus ist das nun beileibe kein neues Phänomen beim FC St.Pauli, Fanproteste und basisdemokratische Einflussnahme hat da eine schon etwas längere Tradition.

  • User
  • 26.04.2011 00:40:20 Bomber_FCB

    @ prazzomoto:

    100% Zustimmung.
    Sehr guter Beitrag!

  • User
  • 26.04.2011 09:13:53 GTEvo

    Gestern 23:46:07 prazzomoto
    Was soll denn dieser Bullshit jetzt wieder?
    Nur weil man sich an ultrakonforme familientaugliche, sponsorenfähnchenschwingende Familienfans gewöhnt hat, ist man plötzlich irritiert, wenn angepisste Banner in der Fankurve (ja, sowas gibts tatsächlich noch, heisst jetzt halt nur Telekom-Turnaround oder Krombacher-Kurve) auftauchen?

    Herrgott, vor nichtmal zehn Jahren wurde sich im Stadion über Gott und die Welt ausgekotzt und jetzt springt ihr aufs selbe Pferd, wie die Oberkonformanten Rummenigge und Hoeness auf? Seid wann geht ihr denn bitte zum Fussball??

    Um Gottes Willen, spielt doch nicht immer dasselbe scheiss Spiel mit, dass euch vom Boulevard vorgegeben wird!
    Ich fand 11Freunde wirklich irgendwann mal interessant, aber ihr habt schon lange extrem abgebaut und seid nur noch ein Folkloreblättchen, dass sich über 80er-Jahre-Kicker-Friesen lustig macht, Bud Spencer feiert und sich mittlerweile wundert, wenn der Pöbel in der Kurve tatsächlich mal seinen Unmut äussert.

    Zum Kotzen!
    Nennt euch doch gleich "Sommermärchen-Mag 06 – 12"!

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    Weltklasse Sportfreund!
    Ich happ sofort aufgehört zu lesen als ich MÜLLER-RÖMER gelesen hatte!
    Ich wette wenn wir gestern nicht Ostern gehappt hätten..wäre der Name Müller-Römer hier nicht gefallen!
    Genausowenig wäre Fukushima passiert, ausgerechnet da wo Wolfsburg "Dompfaffe" Littbarski lebte, wenn nicht heute auf den Tag vor 25 Jahren der TschernobylReaktor in Luft gegangen wäre.


    In diesem Sinne

  • User
  • 26.04.2011 09:50:15 prazzomoto

    Gestern 23:59:24 Conde de Cordoba
    Heute 23:46:07 prazzomoto

    Du bist ein echter Blindfischer, keine Ahnung, aber
    vulgärer überflüssiger unqualifizierter
    Dünnschisskommentar! Du tust mir weh im Herzen.


    Und wieso?
    Siehst Dus anders und bist einer von diesen Kandidaten, die sich vor mir im Block umdrehen und sagen, ich soll doch bitte aufhören mich aufzuregen, wenn die Truppe da unten gerade gegen den Vorletzten der 2. Liga verloren hat, sie können es einfach nicht besser, während den Versagern noch aufbauender Applaus zuteil wird?

    Oder bist Du einer von fehlinformierten Spaziergängern, die sich ab und an ins Stadion verirren und bei Bannern im Block, die sich auf die völlig fehlgeleitete Vereinspolitik und Klubklüngelei beziehen, mit Pfiffen und einem empörten "Die solle sich da naushalde, die Chaote da driwwe!" reagiert?

    Du gehörst also zu denen, die sagen, man soll die da mal machen lassen, denn wenn mans besser kann, soll man halt seine Bewerbung auf der Geschäftsstelle abgeben. Motzen kann ja jeder, gell?

    (Entschuldige, ich spreche aus Erfahrung, darum wohl mit etwas zuviel Lokalkolorit versetzt …)

  • User
  • 26.04.2011 12:35:07 Buthelezi

    @ prazzomoto

    Ich verstehe deine Aufregung nicht so ganz.

    Der Artikel stellt doch nur dar, dass es wieder neue Fanbewegungen gibt, die innerhalb der Vereine etwas verändern wollen - für meine Begriffe in einem recht neutralen Ton.

    Um Fans die Plakate in der Kurve in die Luft halten, geht es eben gerade nicht. Wie du darauf kommst, dass man plötzlich irritiert [ist] , wenn angepisste Banner in der Fankurve [...] auftauchen? ist mir nicht ganz klar.

    Vielleicht wäre ein etwas sachlicher und nicht ganz so geifernder Kommentar der Sache dienlicher gewesen.

  • User
  • 26.04.2011 12:43:52 Passivsportler

    @prazzomoto


    Ein leidenschaftliches Thema braucht auch eine leidenschaftliche Ausdrucksweise. Fatal wird's allerdings, wenn man hinter all den Ausdrücken vergisst den Inhalt seiner Gegenrede darzulegen.
    Letztlich sagt das mehr über dich aus, als über den Gegenstand, zu dem du kritisch Stellung beziehst. Schade. Eigentlich.

    Aber wahrscheinlich ist dir das eh wurscht.

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