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21.04.2011

DFB-Pokalschmied Wilhelm Nagel über den Copa del Rey

»Ein hässlicher Silberling«

Interview: Moritz Herrmann  Bild: Imago

Nach dem Sieg von Real Madrid in der Copa del Rey ließ Verteidiger Sergio Ramos die königliche Trophäe vom Bus fallen. Wir sprachen mit Wilhelm Nagel, Erschaffer des DFB-Pokals, über peinliche Pokalpannen.

DFB-Pokalschmied Wilhelm Nagel über den Copa del Rey - »Ein hässlicher Silberling«


Wilhelm Nagel, gestern gewann Real Madrid die Copa del Rey. Auf der nächtlichen Triumphfahrt im Doppeldecker ließ Verteidiger Sergio Ramos den Pokal fallen, die Trophäe wurde vom Bus überrollt. Werden da Erinnerungen wach?

Wilhelm Nagel: Natürlich, da denkt jeder sofort an 2002, als Rudi Assauer den DFB-Pokal demolierte. Allerdings ist es um den spanischen Pott nicht so schade. Das ist ja ein ganz hässlicher Silberling – wie im Übrigen fast alle Trophäen, die heutzutage verliehen werden. Industrieprodukte, die man an jeden Ecke kaufen kann.



Real Madrid konnte sich die Copa del Rey zuletzt 1992/93 sichern, außerdem ging es im Finale gegen den Erzfeind aus Barcelona. Haben Sie gar kein Verständnis, wenn im Taumel solcher Emotionen ein derartiges Malheur unterläuft?


Wilhelm Nagel: Man darf sich doch freuen, aber das muss eben intelligent passieren. Es geht auch um Haltung, um Respekt vor der künstlerischen Arbeit. Die Spieler wissen gar nicht, was sie in der Hand halten. Für die ist das nur ein Gegenstand, der dann weitergereicht wird.

Wieso wurden Sie eigentlich damals für die Gestaltung des DFB-Pokals ausgewählt? Wie kam der Kontakt zustande?

Wilhelm Nagel: Ich hatte als Schüler eines Goldschmiedes schon an der deutschen Meisterschale mitgearbeitet. Seitdem bestand ein guter Draht zum damaligen DFB-Präsidenten, Peco Bauwens. Bauwens war ein hochintellektueller Mann, der wollte etwas Besonderes geschaffen wissen.

Sie kritisieren die Beliebigkeit der Trophäen, die heute im Weltfußball kursieren. Was haben Sie denn beim DFB-Pokal anders gemacht? Was hat Sie inspiriert?

Wilhelm Nagel: Es gab damals, 1964, ausreichend abschreckende Beispiele. Ich hatte bei einem Spiel in Köln den Rheinischen Pokal gesehen. Der erinnerte in jeder Hinsicht an eine Vase, nur die Blume hat gefehlt. Nicht viel besser war es um den Weltmeisterpokal bestellt, das war ein kleiner Becher. Ich wollte mit meinem Entwurf neue Maßstäbe setzen. Zuvor hatte ich meist in kirchlichem Auftrag gearbeitet. Der DFB-Pokal sollte den Brückenschlag schaffen und eine sakrale Aura einfangen, die Respekt einflößt und Achtung gemahnt.

Bei Rudi Assauer hat dieser Ansatz seine Wirkung verfehlt. Auch er ließ als Manager von Schalke 04 den Pott fallen und sorgte so für ein Kuriosum. Wie und wo haben Sie davon erfahren?

Wilhelm Nagel: Ich saß mit meiner Frau vor dem Fernseher und sah, wie die Schalker Mannschaft den Sieg feierte. Ich ahnte Böses. »Guck mal, das geht bestimmt gleich schief«, waren meine Worte. Die Prognose sollte sich leider bewahrheiten.

Sie sollen später mit Assauer im Clinch gelegen haben, auch weil der angeblich polterte: »Wenn wir den Pott noch mal gewinnen, haben wir die Möglichkeit, ihn wieder kaputt zu hauen.«

Wilhelm Nagel: Eine sehr komische Theorie, auch wenn mir von diesem Spruch nichts bekannt ist. Fakt ist, dass ich Rudi Assauer bis zum Pokal-Vorfall gar nicht kannte. Später wurde die Geschichte von den Medien fürchterlich aufgebauscht, so dass mich Assauer eines Tages anrief und zürnte, ich solle ihm nicht länger die Journalisten auf den Hals hetzen. Assauer hat jedenfalls bewiesen, dass auch er gar keinen Sinn für den Pokal als wertiges Objekt hat.

Würden Sie denn dafür plädieren, dass ein Pokal nach der Verleihung sofort von Verbands- oder Vereinsfunktionären verwahrt wird? Damit entfielen gefährliche Ehrenrunden, Busfahrten oder der Missbrauch des Pokal als Sekteimer.

Wilhelm Nagel: Es würde schon reichen, einen bewussteren Umgang mit diesem Gegenstand, der ja auch ein Kunstwerk ist, anzumahnen. Der Pokal war für mich keine alltägliche Sache, ich bin Goldschmied mit Leib und Seele. Sieht man das eigene Werk dann so missbraucht, blutet einem das Herz.

Dann finden Sie es bestimmt auch furchtbar, wenn die feiernden Fußballer den Pokal als riesiges Bierglas missbrauchen.

Wilhelm Nagel: Sekt und Bier können einem Pokal nichts anhaben. Der Gold- oder Silberbelag ist immun und wird nicht beeinträchtigt, einzig der Gestank muss ausgewaschen werden. Nach der Assauer-Affäre wollte ich zuerst nicht mehr Hand an den kaputten Pott anlegen. Ich drängte darauf, ihn als abschreckendes Beispiel beim DFB in Frankfurt auszustellen. Dem wurde von Verbandsseite nicht entsprochen, weil man das Historische des Pokals weitertragen wollte.

Wie lange haben Sie damals gebraucht, um den Pokal wieder herzurichten?

Wilhelm Nagel: Der Pott war total demoliert. Ich musste die verbogenen oberen Ringe austauschen, den krummen Sockel entbeulen, die Seiten entdellen, Bergkristalle und Turmalien neu einsetzen. Ich saß fast vier Monate vor dem Pokal. 700 Arbeitsstunden hat die Reparatur verbraucht.

Am 21. Mai 2011 steht wieder der FC Schalke 04 im Pokal-Finale, dann gegen den MSV Duisburg. Werden Sie das Spiel im Stadion verfolgen, um ihren Pokal zu sehen?

Wilhelm Nagel: Ich gucke mir die Partie an, allerdings nur im Fernsehen. Der Pokal ist eine Jugendarbeit von mir, riesige Gefühlsregungen gibt es heute nicht mehr. Ich bin 83 Jahre alt. Die Sockelfläche bietet ohnehin nur noch bis 2020 Platz, um das Siegerteam mit einer Gravur zu verewigen. Danach sollte einem jungen Künstler die Gelegenheit gegeben werden, um eine neue Trophäe zu schaffen.






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Kommentare

  • User
  • 21.04.2011 16:59:40 Rafael Thunderfart

    Wenn - ausgerechnet ! - Real Madrid - ausgerechnet ! - den Königspokal ruiniert, ist das, als ob Juan Carlos von seinem eigenen Pagencorps gemeuchelt würde. Symbolischer Regizid. Ein, je nach Standpunkt, gutes oder böses Omen. Das Ende der spanischen Monarchie steht bevor.

    Einem Mann von Welt und Geschmack wie Assauer möchte man beinahe Absicht unterstellen: Der olle Messingpott ist wahrlich kein gerechter Lohn für die Strapazen des Pokalwettbewerbs und seiner unergründlichen "eigenen Gesetze". Das Ding mag kostbar sein, aber es sieht billig aus. Die Premier League-Trophäe stammt, soviel ich weiß, von Betsy Windsors Hofjuwelier persönlich, eine gute Arbeit - da könnte der DFB sich einen standesgemäßeren Pokal anfertigen lassen.

  • User
  • 21.04.2011 17:47:02 rumpler

    Das ist ja ein ganz hässlicher Silberling – wie im Übrigen fast alle Trophäen, die heutzutage verliehen werden. Industrieprodukte, die man an jeden Ecke kaufen kann.

    Mein lieber Herr Nagel, als Kreateur des hässlichen Potts und Mitwurschtler an der Meisterschale wäre ich in Designfragen lieber etwas zurückhaltender.

  • User
  • 21.04.2011 19:14:15 GTEvo

    Wilhelm Nagel: Man darf sich doch freuen, aber das muss eben intelligent passieren. Es geht auch um Haltung, um Respekt vor der künstlerischen Arbeit. Die Spieler wissen gar nicht, was sie in der Hand halten. Für die ist das nur ein Gegenstand, der dann weitergereicht wird.

    Is der Kerl nen Witzbold, odda doch wirklich so beschmiert!?

    Von nem schnöseligen Wohlstandsjüngling, der rund ne halbe Million Schwarzgeld pro Monat verdient, erwartet er Respekt und Demut im Jubeltaumel mit ihrem Götzenbild!

    Sone Scheisse kann wirklich nur ein dekadenter Künstler von sich geben der noch nie in seinem Leben die Gruppendynamik nach einem erfolgreichen Jahresabschluss Finale live miterlebt hat.
    Im Jubeltaumel nach einem Finale gibts keine Disziplin.

    Es wird der Tag kommen da wird einem Spieler, Trainer etc, in München bei dieser Weissbierdusche nochmal die Kehle durchgeschnitten odda die Murmel rasiert, wenn Pophansel HerrSchweinsteiger extra für BILDzeitung das obligatorische Heuschreckenfoto mit der Weissbierdusche inszenieren darf.

    Es wird der Tag kommen da passiert ein Unglück bei dieser gefährlichen Rumturnerei mit dem Weissbierhumpen.
    Auch wenn die Pötte aus Plastick sein sollten..die bohren sich genauso rein wie das heisse Messer durch die "GuteButter" wennde auf so einen Pott mit dem ganzen Körpergewicht drauffliegst.

  • User
  • 21.04.2011 19:33:21 fredteller

    "Bauwens war ein hochintellektueller Mann, der wollte etwas Besonderes geschaffen wissen."

    Das wollte der hochintellektuelle Peco Bauwens auch schon von 1933-45, als er als DFB Funktionär und NSDAP Mitglied seine jüdische Ehefrau verraten hat und sie in den Suizid trieb.

    Ganz große Recherche und prime Fingerspitzengefühl beim Druck, 11Freunde...

  • User
  • 21.04.2011 20:02:58 berlina

    der typ is irgendwie unsympathisch: alle anderen pokalen sind häßlich, der typ der ihn ausgewählt hat natürlich hochinteligent usw....

    und der dfb-pokal is wirklich keine schönheit. und die autofelge, die sie an den 1. der 2.liga verteilen auch nicht.

    Link

  • User
  • 22.04.2011 00:53:08 Marco Polo

    @fredteller:
    Hab mal etwas recherchiert wegen Bauwens. Allein das zeigt mir, dass die "in den Suizid getrieben These" nicht sachlich haltbar ist. Außerdem, inwiefern widerspricht sich das intellektuell sein mit Nazi sein? Hier gehts es ums INTELLEKTUELL das ist nicht das gleiche wie INTELLIGENT (nicht war berlina?); auch wenn die meisten keines von beiden haben.
    So viel zu DEINER Recherche und deinem Fingerspitzengefühl.

    An 11Freunde: Schönes Interview

    PS: Ich finde die Meisterschale und den DFB-Pokal schön.

  • User
  • 22.04.2011 04:18:57 fredteller

    @Marco Polo
    "inwiefern widerspricht sich das intellektuell sein mit Nazi sein?

    Ist das Ihr Ernst??

  • User
  • 22.04.2011 05:28:50 Ganna

    Zwischen den Worten von Wilhelm Nagel schwebt „der Mief von 1000 Jahren“.
    Der Pokal als wertiges Objekt ist mal eines.
    Aber den Pokal selber mal gewonnen zu haben kann sich Herr Nagel auch nicht auf die Fahne schreiben. Der Titel hat m.E. deutlich mehr wert als der Pokal.
    Ich finde es peinlich genug, wenn man sich die Blöße gibt, den Pokal zu demolieren. Man macht sich halt in aller Öffentlichkeit zum Affen.
    Andererseits: sowas kann im Zustand der fortgeschrittenen Heiterkeit halt auch mal passieren. Ichsachma: wenn‘s nur das ist…
    Wenn man einem Einfaltspinsel dauernd die Frage stellt, wie er denn zur Demolierung seines Werkes steht, braucht man sich aber auch nicht über eine wenig entspannte Haltung zu wundern.

  • User
  • 22.04.2011 06:17:19 Ganna

    Ich find allerdings den DFB-Pokal auch schöner als das Ding, was der Casillas da hochhält.
    Da gibt‘s noch ganz andere „Wunderwerke

  • User
  • 22.04.2011 10:30:44 GTEvo

    unsere Meisterschale ist die schönste Trophäe im Weltfußball.
    Der DFB Pott erinnert an nen Zwitter aus Heiligen Grahl und Bernsteinzimmer..kann mir vorstellen dassa genau datt suggerieren soll.^^

    "Wer is eigenklich nomma Rekordpokalgewinner"!?

  • User
  • 22.04.2011 12:18:53 Orangeat und Sukkade

    Wie man einem Pokalempfang etwas humaner und respektvoller entgegnet, haben wir ja 1954 gesehen. Überhaupt muss ich sagen, dass es für eine Titelfeier mit Pokalübergabe keines Rahmens bedarf - wo wir hier schon mal von der Industrie sprechen, so ist auch die Rumhampelei, die Weißbierdusche und Aprés-Ski-Mucke den feiernden Wohlstandjünglingen von einer Industrie aufoktroyiert. Modern ist also, wer nicht feiert.

    Nebenbei gesagt, mag ich von Pokaldesign vlt. nicht viel verstehen. Aber ein goldener, mit Halbedelsteinen besetzter pokalförmiger Pokal gefällt mir - zumal es im internationalen Vergleich kaum goldene Trophäen gibt. Als Kind wollte ich lieber den DFB-Pokal gewinnen, das Gold, die Turmaline... Mitterweile gefällt mir die Sachlickeit der Meisterschale aber auch ganz gut. Die Radkappe aus der 2. Liga mit den 8 Streben die für Dynamikscheiße stehen und so... leck mich am Arsch, ey!

  • User
  • 22.04.2011 13:39:00 Kleiner Preis

    @Marco Polo: Wikipedia allein ist keine Recherche; dass man hier auch anderer Ansicht sein kann zeigt schon dieser Artikel.

  • User
  • 22.04.2011 15:16:39 Marco Polo

    Recht hast du. Aber aus dem Artikel geht hervor, dass Bauwens nur ein jahr NSDAP Mitglied war.

    Und was der eigentliche Punkt ist: Was hat das damit zu tun, dass er intellektuell ist oder nicht? Das hat mit dem ncihts zu tun. Ein Mensch kann der größte Verbrecher sein und dennoch sehr gebildet. Und mit dem Pokal hat das erst recht nichts zu tun.

    Ich darf mal anmerken, dass ein paar meiner Freunde in Spanien, den DFB-Pokal für den schönsten Pokal im Weltfußball halten. Es ist alles Geschmackssache und wir Deutschen neigen oft alles an uns schlecht zu finden. Die Meisterschale und der Pokal sind zwei sehr Stilvolle Trophäen. Und darauf kommt es an. Schönheit liegt dnan im Auge des Betrachters.

  • User
  • 23.04.2011 03:12:08 AntiMöller

    Kinder, Wilhelm Nagel ist gut über 80.

    Der DFB-Pokal ist aber recht unproportioniert. Viel zu hoher Fuß.
    Der schönste Pokal ist die Medici-Vasenform des CL-Pokales. (dieses Beispiel bitte-bitte nicht fallen lassen!). Seit 2000 Jahren zeitloses Design.

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