Das Kölner Ultrà-Fanzine »Kallendresser«
»Fleißig zensiert oder direkt verboten«
Interview: Daniel Marx Bild: Coloniacs
Köln-Fan Eike ist Mitherausgeber des FC-Ultra-Fanzines »Kallendresser«. Wir sprachen mit ihm über Zensur vor dem Stadion, die Qualität der deutschen Fanzine-Landschaft und den Kölner Bürgerstolz.
Eike, Musik ist ein zentraler Bestandteil der vierten Ausgabe des »Kallendresser«: Eine Reportage über Köln als einer der Hauptstädte elektronischer Musik oder ein Interview mit einem DJ. Ist der Ansatz eher künstlerisch-literarisch oder doch politisch?
Eike: In der Ausgabe davor haben wir umfassend von der Problematik rund um das Kölner Schauspielhaus berichtet, da waren wir schon politisch. Wir unterstützen ja nicht nur unseren Verein, sondern repräsentieren auch unsere Stadt. Köln hat viele Facetten, die uns faszinieren und beschäftigen – von der Hoch- bis hin zur Subkultur. Unsere Mitglieder sind in diesen Szenen vernetzt und wir wollen den Lesern nahe bringen, dass neben dem Fußball noch sehr viel anderes in dieser Stadt passiert.
Warum eigentlich der Name »Kallendresser«?
Eike: Der »Kallendresser« ist eine Figur, die am Kölner Alter Markt direkt gegenüber des Rathauses angebracht ist, mit heruntergelassenen Hosen auf den der Dachrinne sitzt und herunter zu scheissen scheint. Er wurde von der Bürgerschaft angebracht, um den Ratsherren zu zeigen, dass sie beobachtet und zur Rechenschaft gezogen werden, falls sie nicht im Wohle der Bürger handeln. Im Grunde sind alle Fans Kallendresser. Wir müssen darauf achten, dass der Verein oder auch ein Fußballverband keinen Mist bauen.
Habt ihr in der aktuellen Ausgabe klassische Ultrà-Themen wie Stadionverbot oder die Legalisierung von Pyrotechnik bewusst nur am Rande behandelt?
Eike: Nein. Insbesondere die vorletzte Ausgabe war geprägt vom Thema Stadionverbot und anderen Formen von Repressionen für Fußballfans – beispielsweise durch die Polizei ausgesprochene »Stadtverbote«. Die Gewichtung fällt von Heft zu Heft unterschiedlich aus. Unser Anspruch war von Anfang an, nicht eines dieser klassischen Fanzines zu machen, die es überall in Deutschland gibt: Mit Spielberichten und zwei drei Geschichten rund um den Verein. Wir wollten ein breites Angebot darüber hinaus schaffen.
Wie haben sich deutsche Fanzines in den letzten Jahren verändert?
Eike: Das Klientel der Leute, die vor 15 oder 20 Jahren diese Hefte gemacht hat, war eine ganz andere. Da gab es eine Menge Gruppen, die viel Zeit investiert haben, Fanzines rund um den eigenen Verein zu stricken. Heutzutage sind es fast nur noch Ultrà-Gruppen, die Fanzines machen. Es gibt ein paar Hefte, die mehr wollen als nur Spieltags- und Reiseberichte zu machen, zum Beispiel die Nürnberger mit ihrem »Ya Basta!«. Zusätzlich gibt es die fanszenenübergreifenden Fanzines wie »Blickfang Ultra« oder »Erlebnis Fußball«. Da schreiben dann die einzelnen Szenen und auch wir steuern einzelne Artikel bei.
Wie hat der »moderne Fußball« Fanzines verändert?
Eike: Während sich früher hauptsächlich mit Fußball und Fußballkultur beschäftigt wurde, wird sich jetzt auch bewusst und kritisch mit den Auswüchsen des »modernen Fußballs« und den konkreten Auswirkungen auf Fans und Fankultur auseinandergesetzt. Darüber hinaus versucht »der moderne Fußball« heute, die Inhalte zu beeinflussen. Der 1. FC Köln zum Beispiel, lässt sich die Hefte vorlegen, die innerhalb des Stadions verkauft werden sollen. Da wird dann fleißig zensiert oder direkt verboten. Von den bereits vier erschienenen Kallendresser-Ausgaben durften wir bisher noch kein Heft im Inneren des Stadions verkaufen.
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