Zum Geburtstag des Torwart-Pechvogels Jürgen Pahl
Das Tor eines Lebens
Text: Alex Raack Bild: Imago
Jürgen Pahl hat viel erlebt. Er floh aus der DDR und aus der BRD, verzockte sein Geld, verzückte die Massen und züchtet heute Obst in Paraguay. Und trotzdem erinnert man sich nur daran, wie er sich selbst den Ball ins Tor warf.
Fußball ist Ansichtssache. Es sind die legendären Szenen, die im kollektiven Gedächtnis hängen bleiben. Klitzekleine Ausschnitte oft langjähriger Karrieren, die Fußballspieler auf jenen Moment reduzieren, der sie einst berühmt gemacht hat. Und nicht immer war das in der Geschichte dieses Sports ein Tor, ein Solo, eine Rettungstat. Friedel Rausch war ein toller Fußballer, aber er wird immer der Mann sein, dem ein Schäferhund ein Stück Fleisch aus dem Hintern biss. Stefan Effenberg wird der »Stinkefinger« wahrscheinlich noch auf den Grabstein gemeißelt. Und Norbert Siegmann mag der freundlichste Kerl der Nachbarschaft sein – den reißerischen Spitznamen »Schlitzer« wird er nach seinem Foul gegen Ewald Lienen nie wieder loswerden. Jürgen Pahl ist Bruder im Geiste der Effenbergs und Siegmanns dieser Welt. Früher, als er noch Torwart war, hat sich Pahl mal einen Ball ins eigene Tor geworfen. Er sagt: »Ohne diese Glanztat würde mich heute doch kein Schwein mehr kennen.«
Am 4. Dezember 1982 spielt Eintracht Frankfurt bei Werder Bremen. Nur 16.000 Zuschauer sind im Weserstadion, das aufgewärmte Wohnzimmer ist den Bremern dann doch lieber als ein Spiel gegen den Tabellensechzehnten der Bundesliga. Bei den Frankfurter steht Jürgen Pahl im Tor. Der 25-jährige Schlussmann hat bereits eine bewegte Vergangenheit. Gemeinsam mit Norbert Nachtweih war Pahl im November 1976 am Rande eines U-21-Länderspiels der DDR in der Türkei nach West-Deutschland geflüchtet. Nach einer 16-monatigen Sperre fand das Duo bei Eintracht Frankfurt eine neue sportliche Heimat – eine Liaison mit Startschwierigkeiten. Die jungen »Republikflüchtlinge« genossen in Frankfurt das westdeutsche Leben. Nachtweih hatte sich schnell ein fragwürdiges Image erarbeitet, Trainer Gyula Lorant moserte: »Der Nachtweih ist ein Nachtfalter. Der kennt sich am Bahnhof, wo die zweibeinigen Pferdchen laufen, besser aus, als auf dem Fußballplatz.« Auch Pahl bestätigte Jahre später: »Ich habe in Saus und Braus gelebt.« Sein Fett bekam der Keeper von Trainer Lorant allerdings aus ganz anderen Gründen weg: Als Pahl die Frankfurter Vereinsführung bat, doch nebenher Russisch studieren zu dürfen, bellte der strenge Übungsleiter: »Du fangen Bälle, nicht Vokabeln!«, und riet seinem Präsidium: »Den verkaufen wir.« Doch Pahl blieb. Auch weil er statt Vokabeln (wie fängt man die eigentlich?) eben Bälle fing. Und das durchaus passabel. Bis zu jenem verhängnisvollen 16. Bundesliga-Spieltag am 4. Dezember 1982.
Wie der Schritt in eine Pfütze
Drei Minuten sind gespielt, da hat Jürgen Pahl seinen ersten Ballkontakt. Er nimmt den Ball mit den Händen auf, schaut sich nach einer Anspielstation um und findet Ralf Falkenmeyer. »Aber der guckte plötzlich weg«, erinnert sich der Torhüter. Einen Augenblick lang weiß der Arm nicht mehr, was das Hirn will, Pahls Finger lassen den Ball zu spät los, und das Spielgerät fliegt dem Mann, der dieses Tor eigentlich hüten soll, ins eigene Tor. Unglaublich! So unglaublich, dass die TV-Kameras längst den Schwank aufs Spielfeld getätigt haben – bis heute existieren von Pahls Eigentor keine bewegten Bilder. Er selbst findet nach dem Spiel immerhin die passenden Worte: »Das ist so, als wenn man nicht in eine Pfütze treten will, den Schritt aber schon gemacht hat und mitten reinplatscht.« Treffer, versenkt.
Doch der Horror ist für Pahl noch nicht vorbei. Kurz vor der Pause tritt er den Bremer Norbert Maier um und muss froh sein, nicht noch vom Platz fliegen. Dafür sorgt dann Trainer Branko Zebec, der seinen Torwart für Ersatzmann Joachim Jüriens austauscht. Auch der kann die 0:3-Niederlage für Frankfurt nicht verhindern. Pahls Jahrhundert-Selbsttor hat die achte Auswärtsniederlage im achten Auswärtsspiel eingeleitet.
Der Torhüter, der sich ein Ei ins eigene Nest gelegt hat
Klar, das am Montag danach ganz Deutschland über den Torwart lacht, der sich das Ei selbst ins Nest gelegt hat. Jürgen Pahl hat vorgesorgt: Man wird sich ewig an ihn erinnern.
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Eintracht Frankfurt





