HSV-Reporter Dieter Matz über das Hamburger Chaos
»Der große Traum heißt Felix Magath«
Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Chaos in Hamburg: Vorstandschef Bernd Hoffmann wurde jüngst entmachtet, Armin Veh verkündete seinen Abschied. Es geht führungslos in die Zukunft. Wir sprachen mit Dieter Matz, seit 30 Jahren HSV-Frontreporter des Hamburger Abendblatts.
Dieter Matz, der HSV versinkt im Chaos: Nach Bernd Hoffmanns Entmachtung streicht nun auch Armin Veh die Segel. Sie sind seit 30 Jahren HSV-Reporter für das Hamburger Abendblatt. Haben Sie eine ähnliche Situation schon einmal erlebt?
Dieter Matz: Es sagt sich so leicht, doch ich versichere Ihnen: So etwas hat es noch nie gegeben!
Sie schrieben gestern: »Wenn das Führungschaos beim HSV in den nächsten Tagen nicht behoben wird, droht dem HSV Schlimmes.« Können Sie das ausführen?
Dieter Matz: Zum einen laufen etliche Spielerverträge aus, und keiner der betroffenen Spieler weiß aktuell, woran er ist. Das wirkt sich natürlich auf die sportliche Leistung aus, denn auch wenn die Profis gerne beteuern, dass ihre Leistung auf dem Platz nicht von Vereinspolitik beeinflusst sei, werden sie verunsichert in die Partien gehen. Andererseits ist da die große Frage: Wer sucht eigentlich einen neuen Trainer?
Der neue Sportchef Frank Arnesen?
Dieter Matz: Der ist noch beim FC Chelsea angestellt. Ich hoffe trotzdem, dass er im stillen Kämmerlein einen adäquaten Mann sucht. Vielleicht hat er sogar schon einen gefunden.
Armin Veh trat gestern vor die Presse und verkündete seinen Abschied zum Sommer. Wie bewerten Sie den Auftritt des Trainers?
Dieter Matz: Es war schon vorher ein kleines offenes Geheimnis, dass Trainer und Klub am Ende der Saison getrennte Wege gehen. Armin Veh hätte also nicht vor die Presse treten müssen. Nun sieht er natürlich ganz gut aus.
Immerhin spricht er als einziger offen aus, dass der HSV ein großes Führungsproblem hat.
Dieter Matz: Dagegen sage ich auch nichts. Wir Hamburger Journalisten haben seine offene Art sehr geschätzt – im Gegensatz zum Vorstand und dem Aufsichtsrat. Ich finde auch, dass er zum HSV passt. Leider kam er zum falschen Zeitpunkt, die Mannschaft war so durcheinander, sie konnte sich nur schwer zu einer Einheit formen lassen. Armin Veh hätte eine Mannschaft auffinden müssen, die funktioniert.
Bernd Hoffmann ist zwei Tage zuvor entmachtet worden. Sein Vertrag, der erst Ende des Jahres ausläuft, wird nicht verlängert. Was ist bei dieser Personalentscheidung falsch gelaufen?
Dieter Matz: Man hätte diese Entmachtung niemals öffentlich machen dürfen. Man hätte die Entscheidung im Aufsichtsrat, also unter den zwölf Mitgliedern, besprechen und das Gespräch mit Bernd Hoffmann und Katja Kraus suchen müssen. Das Absurde ist ja auch: Die Tendenz, Hoffmanns Vertrag nicht zu verlängern, gab es schon. Bei der Publikmachung hätte man also sofort einen neuen Mann parat haben müssen. Nun bekommt man Absagen wie die von Björn Gulden über die Presse. Das ist sehr peinlich.
Personalentscheidungen wurden beim HSV zuletzt selten unter Verschluss gehalten.
Dieter Matz: Das ist ein sehr großes Problem beim HSV und basiert auf einem Profilierungsinteresse einiger Aufsichtsratsmitglieder. Da werden regelmäßig die Hosenträger gespannt und Interna ausgeplaudert. Frei nach dem Motto: »Ich arbeite gut mit euch zusammen, schreibt mal was Positives über mich.« Was immer diese Leute reitet – ich kann es nicht nachvollziehen.
Der Aufsichtsratsvorsitzende Ernst-Otto Rieckhoff sagt, der »Druck ist nun weg«. Was meint er?
Dieter Matz: Vielleicht war an dem Tag, an dem er diese Aussage tätigte, tatsächlich erst einmal der Druck weg. Vom heutigen Standpunkt ist das natürlich ein seltsamer Satz. Er würde ihn sicherlich nicht wiederholen. denn der Druck ist größer als je zuvor. Zumal nun einige HSV-Mitglieder auf eine außerordentliche Mitgliederversammlung drängen, um den Aufsichtsrat abwählen zu lassen.
Die Frage ist auch, ob Bernd Hoffmann seinen Vertrag bis zum 31. Dezember 2011 erfüllt. Wann ist mit seiner Entscheidung zu rechnen?
Dieter Matz: Gestern hat Bernd Hoffmann eine Art Abschiedsrede vor den Mitgliedern der HSV-Geschäftsstelle gehalten. Dann ist er in den Urlaub gefahren. Nach seiner Rückkehr wird er sich mit Sicherheit erklären. Ich gehe davon aus, dass er weitermachen wird. Zumindest würde das sein Image ein wenig polieren.
Kann man das Ende von Bernd Hoffmann nicht auch als Chance auf einen Neunanfang begreifen?
Dieter Matz: Wenn die Trainer- und Vorstandssuche optimal läuft, ist das natürlich eine riesige Chance auf einen Neuanfang. Doch sollte man eines nicht vergessen: Bernd Hoffmann hat den Verein wirtschaftlich nach vorne gebracht. Ein Blick auf die vergangenen Transfers sagt viel über seine Tätigkeit aus. Von vielen Spielern, die in den letzten acht Jahren verpflichtet wurden, konnte der HSV in den Jahrzehnten zuvor nur träumen. Allerdings, und das wurde ihm immer vorgeworfen, ist er ein Alleinherrscher gewesen. Dietmar Beiersdorfer oder aktuell Oliver Scheel nahmen kaum an Entscheidungen teil.
Welcher Vorstandsvorsitzende würde gut zum HSV passen?
Dieter Matz: Ein Teamplayer. Also einer, der mit den drei anderen Vorstandsmitgliedern, dem Trainer und dem Sportdirektor im Reinen ist. Dann würde sich eine legendäre Chance bieten, den HSV dahin zu bringen, wo er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird: Unter die ersten Drei in der Bundesliga.
Müsste der neue Vorstandsvorsitzende sportliche Kompetenz haben?
Dieter Matz: Das würde ich mir wünschen. Hoffmann schaffte es ja nur bis zur D-Jugend in Leverkusen – das fehlende Fußballfachwissen wurde ihm häufig genug vorgeworfen. Mitunter auch zurecht, denn ein Vorstandsvorsitzender muss sich mit dem Sportchef austauschen, er muss wissen, wovon er spricht.
Laut Medienberichten verlässt Felix Magath zum Ende der Saison den FC Schalke 04. Würde er noch einmal das Traineramt beim HSV übernehmen?
Dieter Matz: Eine Rückkehr von Felix Magath ist der große Traum der Hamburger und der Presse. Das ist auch auf lange Sicht nicht unrealistisch, denn Magath will seinen Lebensabend hier verbringen, er soll sich sogar nach einer Immobilie umschauen. Er hat mir außerdem einmal verraten, dass er sich vorstellen könnte, eines Tages seine kurze Hose gegen einen Anzug einzutauschen – also ausschließlich als Funktionär zu arbeiten. An ein Engagement als HSV-Trainer glaube ich allerdings nicht.
----
Dieter Matz begleitet den HSV seit 29 Jahren als Abendblatt-Redakteur und bloggt regelmäßig auf Matz ab!
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Hamburger SV






