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19.02.2011

Schnaps, das war mein erstes Wort

D-Jugend machte Werbung für Alkohol

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Schnaps! Heute nahezu verbotenes Teufelszeug, einst Treibstoff des Vereinslebens. Dirk Gieselmann lief als D-Jugendlicher sogar mit Schnapswerbung auf dem Trikot herum. Eine schreckliche Welt. Aber er vermisst sie.

Schnaps, das war mein erstes Wort - D-Jugend machte Werbung für Alkohol


»Schnaps, das war sein letztes Wort«, heißt es in einem Volkslied. »Dann trugen ihn die Englein fort.« Das könnte auch auf mich zutreffen. Eines Tages. Allerdings war es auch eines meiner ersten Wörter: Schnaps. Das war bei uns so. Damals.



Heute weiß ich: Wer Schnaps an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Steht ja in jedem Kiosk auf der Hinweistafel. Damals wusste ich das noch nicht. Und es kam mir auch nicht im Geringsten verwerflich vor, dass auf unseren Trikots »Bullenschluck« stand. Schnapswerbung! Wir waren in der D-Jugend. Wir waren zehn Jahre alt.

Wogegen auch immer, der Schnaps wirkte

Die Rentner in ihren Steppjacken hatten verlässlich Durst auf den Bitterlikör, wenn sie Sonntagmorgens am Spielfeldrand standen. »Machma noch ein' feddich da, Inge!« So ging das alle zwei Minuten. »Prost, nä!« Ob das an dem »Bullenschluck«-Schriftzug auf unseren Trikots lag, an der erbärmlichen Kälte oder daran, dass unsere Darbietungen nüchtern schlichtweg nicht zu ertragen waren, vermag ich nicht zu beantworten. Womöglich war es eine Mischung aus all dem.

Wogegen auch immer, der Schnaps wirkte. »Bullenschluck« enthält stattliche 43 % Alkohol. Erfunden wurde das Getränk 1949 von Apotheker Hans Dunker, seitdem hält es Leib und Leben der Leute in meiner Heimat zusammen. »Konzentriertes Restitutions-Fluid«, steht auf dem Etikett, das der alte Dunker noch selbst formuliert hat. »Empfiehlt sich besonders bei Lahmheit der Pferde, Rinder und Zugochsen. Auch für Menschen zur innerlichen Einreibung geeignet.«

Ich kann mich zwar nicht erinnern, gegen die Lahmheit, die unsere D-Jugend durchaus geprägt haben mag, jemals mit »Bullenschluck« behandelt worden zu sein. Es muss drei, vier Jahre später gewesen sein, dass ich den ersten Schnaps trank, halbheimlich im Zwielicht, auf dem Schützenfest, hinter der Bratwurstbude. Die Bedenkenlosigkeit aber, mit der man uns Zehnjährige Werbung für Schnaps machen ließ, sie ist mir heute unvorstellbar. Die Gemüter, die darin nichts Verwerfliches sahen, gibt es nicht mehr. Ein ganzes Milieu ist ausgestorben. 

Schnaps, Kettenrauchen, schmutzige Witze

»Komasaufen« war noch kein Begriff. Das hieß aber nicht, dass früher kein Halbstarker harten Alkohol getrunken hätte, bis er ihm wieder hochkam, es gab bloß noch kein Wort dafür und niemanden, der sich darüber aufgeregte. Sie ließen uns ja auch im Cäsiumregen des Jahres 1986 trainieren. Der Trainer rauchte Kette im Mannschaftsbus. Der Obmann erzählte uns schmutzige Witze. Und sie flockten uns »Bullenschluck« auf die Hühnerbrust.

Sie meinten es ja nicht böse. Sie wussten nur nicht, was wir heute wissen. Freilich, sie hätten es wissen können, schon damals. Aber sie wollten es nicht wissen. So wie sie auch nicht wissen wollten, dass das verkohlte Grillgut Krebs erregt. Senf drauf. Das kann man doch noch essen!

Und? Ist es nun gut oder schlecht, dass das vorüber ist? Obwohl ich als Vater wahrscheinlich ausrasten würde, wenn mein Sohn solchen Bedingungen ausgesetzt wäre – was meine eigene Kindheit im Dorfverein anbelangt, werde ich ganz wehmütig. Der Geruch nach nassem Hund in den Kabinen, die nie gewaschenen Trainingsleibchen, Nikotin an den Wänden des Vereinsheims, der Schnaps, der all das erst erträglich machte. Um diese Welt schön zu finden, muss sie wohl erst untergegangen sein.

Darauf erst mal einen »Bullenschluck«. Prost, nä!

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Kommentare

  • User
  • 10.02.2011 14:22:32 simraid

    Um diese Welt schön zu finden, muss sie wohl erst untergegangen sein.
    Das muss sie nicht. Die Wonnen der Wehmut haben wir doch jetzt schon wegen vielem Alten.

  • User
  • 10.02.2011 14:28:42 Jim Panse

    Hehe, nen ganz netter Text, schön zu lesen.

    Aber zum wiederholten Male: Was soll diese ständige Hervorhebung gewisser Worte, hier Schnaps. Ist das schonmal die Ankündigung, dass in Zukunft beim darüberzeigen ein Infofenster aufploppt? Na dann Prost.

  • User
  • 10.02.2011 14:33:31 FalscherHase

    Bullenschluck, sehr schön. Wikipedia schreibt dazu unter anderem:

    Eine örtliche Gaststätte hat vor einigen Jahren versucht, ebenfalls einen eigenen Likör zu vermarkten, allerdings mit wenig Erfolg. Dieser Likör war farblich goldgelb und sollte unter dem Namen „Stutenpisse“ vertrieben werden.

  • User
  • 10.02.2011 14:34:50 saloth sar

    ausserdem heisst das SCHNAPS!

  • User
  • 10.02.2011 14:38:39 calimero

    dein lebenselexier.

  • User
  • 10.02.2011 14:41:37 Jim Panse

    Hehe Hase, auch nicht schlecht. Namentlich geht allerdings nix über DAS HIER

  • User
  • 10.02.2011 15:25:37 pathologe

    Jaja, der Bullenschluck. Was ein feiner Tropfen. Den haben wir früher kartonweise mit in den sommerlichen Frankreich-Urlaub genommen, um der örtlichen Jugend mal zu zeigen, aus welchem Holz die Norddeutschen (in dem Fall Bremer-) Jungs geschnitzt sind. Aber auch hier im Hessischen verbreitet das Etikett des aus der Heimat mitgebrachtem Kräuter-Destillat immer wieder Freude.

  • User
  • 10.02.2011 15:39:28 Hotte80

    ein feiner text, endlich mal wieder. und wahr. ich krieg nervöse zuckungen, wenn ich eltern sehe, die einen hysterischen anfall kriegen und den sofortigen tod ihres kindes befürchten, weil dieses sich gerade in der fußgängerzone auf dem boden wälzt. und freue mich jedesmal, wenn meine kleine tochter mich mit vermatschten klamotten begrüsst oder sich wieder mal den kleinen erdwall runterkullern lässt. und ich bin froh, das meine frau das zulässt. und wenn ich mich recht erinnere, in meiner kindheit machten unsere altersgenossen vom fsv jever werbung für das bier aus unserer stadt. hach...

  • User
  • 10.02.2011 15:40:51 saloth sar

    wenn ich mich recht erinnere, in meiner kindheit machten unsere altersgenossen vom fsv jever werbung für das bier aus unserer stadt.

    das erklaert einiges

  • User
  • 10.02.2011 15:42:33 Hotte80

    ups... aus ihrer stadt latürnich, nech.

  • User
  • 10.02.2011 15:56:14 Redondo71

    Goldene Zeiten...Im Auto zum Auswärtsspiel: Vorne zwei rauchende Väter, hinten drei Knirpse, denen das egal war. Nach dem Spiel in die Vereinskneipe (lauter Hochdosierte): Spezi, Pommes, Eis drüber und nen Heiermann für´n Flipper abstauben. Zur Sportschau zu Hause.

  • User
  • 10.02.2011 16:10:42 misterkite

    ekelhaft! neben der geschmacklichen komponente (würg) sind es ja oft auch die namen wie schlüpferstürmer oder hintenhoch (aus hameln) und das alles sind irgendwelche geheimrezepte , die seit generationen weitergegeben werden(geheime zutat: die gesammelten fussnägel von urururururoppa willi) guter tipp in hd wenn man auf sowas steht: die schnapskarte der sonderbar.
    und dirk: wenn dein sohnemann in dem alter ist, dann ist schnaps in deutschland längst durch die eu verboten. zumindest bei sportevents.

  • User
  • 10.02.2011 16:14:14 Karpfenluder

    Trotzdem schöner Bericht!

  • User
  • 10.02.2011 19:20:03 smj

    Die Sonderbar in Heidelberg! Grossartig! Auch wenn da natürlich seinerzeit immer die Pauli-Flagge hing, was ich allerdings in soweit in Ordnung fand, als dass der Wirt wirklich wie ich Hamburger war und sich nicht als fussballerisch am Rande bewanderter Politikfreak gerierte. Ist der immer noch Chef dort?

    Die Untere Strasse war zeitweise echt witzig.

  • User
  • 10.02.2011 21:05:36 raoul_duke

    Tsss...Trikotwerbung in der D-Jugend.
    Ich wünschte wir hätten damals Trikots gehabt! Oder 2 Tore! Wir mussten noch mit nem Ball aus den 50ern trainieren. Und wenns geregnet hat (IMMER!) war der Ball 25 Kilo schwer.
    Selbstredend, daß wir nicht auf Asche oder gar Rasen gespielt haben, sondern auf Glasscherben.

  • User
  • 10.02.2011 21:22:58 AntiMöller

    Barfuß, um das einzige Paar Schuhe zu schonen! Als Tor diente der ausgebrannte Panzer und man musste höllisch aufpassen, wegen der Verminung!

  • User
  • 11.02.2011 07:55:35 sgu07

    genau, die verminung. die heimmannschaft hatte da natürlich nen riesenvorteil. und es wurde aus sicherheitsgründen immer nur abwechselnd 1 gegen 1 gespielt.

  • User
  • 11.02.2011 07:56:52 sgu07

    und duke:

    Wir mussten noch mit nem Ball aus den 50ern trainieren.

    es gab in den 50ern halt noch keine bälle aus den 70ern.

  • User
  • 11.02.2011 09:26:56 oberhofer

    Wer erinnert sich noch an die Stiefel aus Glas? Wurden um den Tisch gereicht wie später die Joints. Erst waren sie mit Spezi gefüllt, ab der C-Jugend dann mit Bier. Der Blick der Erwachsenen ruhte gleichgültig bis wohlwollend auf der wilden Horde, die meisten Eltern waren gar nicht da und man hing das zu Hause auch nicht an die grosse Glocke.

    Heute muss der gemeine C-Jugendliche selbstverständlich wissen, wie man sich professionell verhält, richtig ernährt und im Training hart arbeiten, um sich in die Mannschaft zu spielen.

    Those were the days ...

  • User
  • 11.02.2011 09:31:40 rumpler

    Stiefel

    Großartig!

    Und der vorletzte zahlt den nächsten ...

  • User
  • 11.02.2011 09:49:59 misterkite

    heheh obi...jawoll...ich erinnere das mit so 15...kleinkitie willnen dicken machen und lässt sich "von den großen" an den tisch einladen und dann gehts los mitm stiefel saufen... (darf ja NICHT gluggern) in dem moment in welchem kleinkitie den stiefel ansetzt kommt mein dad ins sportlerheim...GLUGGER....und der ganze tisch ZAHLEN!ZAHLEN!ZAHLEN...jesses war mein oller sauer...

  • User
  • 11.02.2011 09:57:26 noorange

    Urgh Stiefel. Bei uns fingen die Oberalkis irgendwann an, Barcadi-Cola aus dem Stiefel zu saufen. Ekelig! Vor allem, weil die Kohlensäure noch schneller weg war und ... igitt.

    Darum: lieber was eigenes.

  • User
  • 11.02.2011 10:25:31 Beschorner

    Wir hatten in der D-Jugend Trikotwerbung von Ritas Bierstube. Da gibts bestimmt auch heute noch ein Herrengedeck für ne Mark Fuffzich.

  • User
  • 11.02.2011 12:56:08 Balkanmaradona

    will hier nicht aus der reihe fallen und rumunken, aber bin ich der einzige, der den titel des artikels total dämlich findet? "d-jugend machte werbung für alkohol" hört sich an wie ne bild-schlagzeile und passt überhaut nicht zum sonst ja fast prosaischen artikel (den ich gut finde, by the way).....

  • User
  • 11.02.2011 13:04:46 FalscherHase

    Dachzeile und Headline vertauschen, dann passt es.

  • User
  • 11.02.2011 13:28:03 Atatenango

    Dachzeile heißt das also...wäre das auch mal geklärt!

    Schöner Artikel! Und er beweißt doch, dass die lieben Kleinen heutzutage doch ein bisschen zu sehr behütet werden. Wenn ich schon die Sagrotan Werbung im TV sehe, könnte ich kotzen. Oh je, oh je, mein Junge fasst ne fremde Türklinke an, das muss SOFORT desinfiziert werden. Wenn der Junge später nicht gegen mindestens 25 Sachen allergisch ist würde mich das wundern.
    Und genauso verhält sich das mit der Alkoholwerbung auf Trikots. Ich will beileibe nicht sagen, dass früher alles besser war. Wenn ich an die rauchenden Erwachsenen im Mannschaftsbulli denke, könnte ich jetzt noch kotzen, aber ich glaube, dass der Jugendliche von heute trotzdem wesentlich mehr Alkohol als der Jugendliche von früher trinkt (von anderen Drogen mal ganz abgesehen), aber Alkoholwerbung wird verteufelt! Alles Quatsch in meinen Augen...davon abgesehen kann der Dorfverein sich das auch nicht unbedingt aussuchen von wem er seine Trikots sponsoren lässt, so groß ist die Auswahl halt nicht, und solange es nicht die NPD-Ortsgruppe ist oder so, find ich das vollkommen o.k.!

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