Die Geschichte der Fußballfans

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05.11.2011

Uwe Seeler wird 75

»Wir kotzten wie die Reiher«

Interview: Tim Jürgens und Alex Raack  Bild: Imago

Whisky mit Schön, Schwarzwälder Kirsch mit dem HSV – bis auf ein paar Schnäpse war Uwe Seeler Deutschlands Vorzeigefußballer Nummer eins. Wir sprachen mit ihm über Partys in London und Dienstfahrten nach Hannoversch-Münden.

Uwe Seeler wird 75 - »Wir kotzten wie die Reiher«


Uwe Seeler, Jürgen Werner hat über Sie geschrieben: 1946 begann die Beziehung Uwe Seeler und HSV auf einem kleinen Sportplatz in Ochsenzoll.

Das stimmt. So kurz nach dem Krieg lag Hamburg ja noch in Schutt und Asche, aber am Ochsenzoll baute Günther Mahlmann – damals Studienrat – die Jugendarbeit beim HSV wieder auf. Und ich war mit dabei. So wie Jürgen Werner und all die anderen Jungs, die später den HSV symbolisierten.



In welcher Jugend starteten Sie?

1946 gab es noch keine Jugendteams, wie man das heute kennt. Wir fingen in der fünften Mannschaft an, natürlich waren die Teams in verschiedene Altersklassen eingeteilt. Aber es konnte durchaus vorkommen, dass man als talentierter 11-Jähriger gemeinsam mit 15-Jährigen auf dem Platz stand. Die Verbände hatten das aber bald geregelt und wir liefen für die HSV-Knabenmannschaft auf.

So kurz nach dem Krieg – wie oft mussten Sie hungrig zum Training?

Gar nicht so häufig, wie man denken könnte. Ich komme zwar aus sehr einfachen Verhältnissen, aber weil mein Vater Erwin schon vor dem Krieg für den HSV gespielt hatte und nun so etwas wie eine Identifikationsfigur im Verein war, hatten wir Seelers immer ein paar kleine Vorteile.

Zum Beispiel?

Damit die HSV-Herren nicht mit leerem Magen auf den Platz mussten, spendierte der Verein ordentliches Essen. Ich war derjenige, der die großen Pötte mit Essen ins Vereinsheim am Rothenbaum schleppen musste. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass da nicht regelmäßig  auch genügend Futter für die Familie Seeler abfiel...

Die HSV-Jugend trainierte derweil am Ochsenzoll. Gut zwölf Kilometer von Ihrer Wohnung in der Winzeldorferstraße in Hamburg-Eppendorf entfernt. Wie sind Sie dahin gekommen?

Anfangs mit der U-Bahn, später mit einem von mir selbst konstruierten Fahrrad. Dem Vater eines Mannschaftskollegen gehörte ein Fahrradgeschäft, da habe ich so lange gearbeitet, bis ich zwei Räder und und einen Rahmen zusammen hatte. Damit ging es dann die zwölf Kilometer hin und zurück. Außer den Wettkampftagen, da hat uns Trainer Günther Mahlmann das Training verboten – er wollte nicht, dass wir schon vor dem Spiel zu sehr verausgabten.

Bevor Sie beim HSV anfingen, sollen Sie eine äußerst ruhmreiche Karriere als Straßenbolzer hingelegt haben.

Allerdings! Da ging es Straße gegen Straße, gespielt wurde auf Asphalt zwischen Schutt und Asche. Was besonders bei mir regelmäßig für Schürfwunden und blauen Flecken gesorgt hat, ich lag ja dauernd quer in der Luft.

Konnte man damals schon die kommende Weltkarriere von Seeler junior erahnen?

Ich urteile sehr ungern über mich selbst, aber was ich Ihnen immerhin verraten kann: Ich wurde meistens als Erster in die Mannschaften gewählt, obwohl ich der Kleinste und Jüngste war. Mein Bruder Dieter ist fünf Jahre älter als ich, aber der musste immer warten, bis sein kleiner Bruder zugelost worden war...

Was, außer blauen Flecken, haben Sie noch in Erinnerung, wenn Sie an die Zeit auf der Straße denken?

Bälle und Fensterscheiben. Die Bälle waren unsere Schätze, unsere Heiligtümer. Mit denen wurde so lange gebolzt, bis die Luft vollständig aus ihnen entwichen war – und dann haben wir sie wieder eigenhändig zusammen genäht. Das waren am Ende richtige Eier, aber immer noch unsere Schätze. Das Thema Fensterscheiben endete für mich meistens schmerzhaft: Wann immer ein Fenster in Eppendorf zu Bruch ging, wurde ich dafür verantwortlich gemacht. Häufig zu Recht. Zu Hause gab es dann ein paar Hiebe mit dem Kochlöffel von Muttern. Glücklicherweise hielt sich der finanzielle Schaden meist in Grenzen. Bei uns im Haus wohnte Glasermeister Buhl, bei dem hatte mein Vater schon einen speziellen Deal ausgehandelt.

Ihr Vater Erwin wurde beim HSV nur »Old Erwin« oder gleich »Vadder« genannt. Haben Sie beim Bolzen wenigstens mit seinen alten Schuhen auftrumpfen können?

Ach was, die waren mir doch viel zu groß. Schuhe bekam man damals nur gegen Bezugsschein, die waren also extrem rar. Meine waren immer ziemlich schnell kaputt, aber barfuß ging ja auch nicht bei all den Glassplittern und Trümmerteilen auf der Straße. Also habe ich mir die Töppen meiner Schwester »geliehen« und als die Sohle schon halb ab war, wieder zurück in ihren Schrank gelegt. Mein Gott, das gab ein Theater!

Sie kommen aus einer richtigen Fußballer-Familie, Ihr Vater war Fußballer, Ihr älterer Bruder auch – da war doch eigentlich klar, dass Sie auch Fußballer werden mussten.

Nicht unbedingt, denn mein Vater hat uns nie dazu gedrängt in seine Fußstapfen zu treten. Der hat Dieter und mir nur eines gesagt: »Damit ihr Bescheid wisst: Weicheier will in meinem Haus nicht haben.« Das saß. Er war ja selbst ein harter Kerl, der im Hafen malochte und auch auf dem Fußballplatz keine Gefangenen machte. Wenn wir mit Beulen, Schrammen oder kleinen Wunden nach Hause kamen, wurde ein nasser Lappen über die verletzte Stelle gelegt und gut war. Das hat mich geprägt, kein Zweifel.

Dabei wäre Ihre HSV-Karriere fast gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hätte: Schon nach den ersten Übungseinheiten am Ochsenzoll sollen Sie lieber wieder auf der Straße gebolzt haben, als regelmäßig zum Training zu gehen...

Auf der Straße bei den Jungs war ich der König. Das war natürlich reizvoller, als sich im Training zu schinden.

Was hat Sie letztlich bekehrt?

Wieder einmal mein Vater. Mein Bruder kam eines Abends vom Training nach Hause und meinte: »Ich soll dir von Herrn Mahlmann ausrichten, dass du ruhig auch mal wieder zum Training kommen könntest.« Das hat mich allerdings nicht sonderlich beeindruckt.

Was hat Ihr Vater gesagt?

Er meinte: »Wie du willst. Ich habe nur gedacht, dass du ein guter Fußballspieler werden willst.« Das saß erneut! Wenig später tauchte ich wieder reumütig am Ochsenzoll auf. Auch, weil mir Günther Mahlmann inzwischen gedroht hatte, mich bei den Punktspielen nicht mehr einzusetzen.



Ergänzung zu Heft#109 12/2010

Wie gut war Netzer wirklich?


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Kommentare

  • User
  • 26.12.2010 21:35:29 Stollenschuh

    Selten so ein sympathisches Interview gelesen!
    Das sind die Typen, wie ich sie heutzutage in der Bundesliga sehen möchte!!!
    Einzig der häufig verpöhnte und nicht durch überragende Leistungen auffallende Lukas Podolski ist in Abstrichen noch einer, der mit Herz für seinen Verein spielt und auch für viel weniger Geld, als es bei anderen Vereinen der Fall wäre.

    So, und nun lynche man mich aufgrund meiner positiven Meinung bezüglich L.Podolski...

  • User
  • 26.12.2010 22:43:53 Yvy

    Uwe ist der Inbegriff des aufrichtigen Menschen und fairen Sportsmannes (und Lausbubs) !

    Welch ein Interview. Applaus !

  • User
  • 27.12.2010 22:00:03 WorpswederTyp

    @stollenschuh

    Na dann fang ich mal an :)
    Lukas Poldolski hat sich in seinem Fußballerleben schon Sachen geleistet, die auf keine Kuhhaut gehen. Der Junge hat einfach keinen Respekt, weder vor Gegenspielern, noch vor MITspielern. Man denke nur mal an die Geschichte mit Ballack. Sowas geht gar nicht. Einfach nur total daneben. Aber wenn er danach dümmlich in die Kamera grinst und irgendeine Phrase ablässt, verzeihen ihm alle... und er kann nur Phrasen :) Alles andere geht bei ihm nicht.
    Trotzdem, das muss ich ja zugeben, ist es sympathisch, dass er zu "seinem" Klub für weniger Geld zurück gegangen ist. Obwohl er vorher wahrscheinlich eh schon ausgesorgt hatte...
    Aber er ist absolut kein Profi. Die verhalten sich anders.

  • User
  • 27.12.2010 22:40:14 einrudithömmes

    Klar issern Profi, sonst würde er so vierte/fünfte Liga spielen, meinstenichauch?

    Und was den Seeler angeht - wenn ich Interviews mit dem lese, denke ich immer, dann denke ich immer, also, wenn er sich das so gedacht, der Uwe, sachichmal, dann, ne, also, dann is das astrein in Tusche umgessetzt, aber eigentlich, also, weisste, dann glaub ich das nich, dass das ohne Ghostwriter und -thinker entstanden sein kann, sachichmal.

    Aber war sicher ne tolle Zeit - früher!

  • User
  • 28.12.2010 00:42:33 Stollenschuh

    @ WorpswederTyp:

    "Trotzdem, das muss ich ja zugeben, ist es sympathisch, dass er zu "seinem" Klub für weniger Geld zurück gegangen ist. "

    Nur darum ging es mir, nur um dieses Statement!
    Das Poldi nicht der brave Schwiegersohn von nebenan ist, das ist ja bekannt! Ist halt 'n Hitzkopf. Uwe Seeler ist da schon nochmal eine andere Hausnummer ...

  • User
  • 05.11.2011 19:35:54 prazzomoto

    "Da-Da-Da-Damm-Damm-Damm!"

    Was soll denn das für ein Lied sein?

  • User
  • 05.11.2011 19:47:07 AntiMöller

    Ähem...Podolski ist gaaanz sicher für mehr Geld zurückgegangen, und nicht für WENIGER Geld. Glaubt Ihr echt, er verdient weniger, als bei Bayern? Könnt Ihr noch mal 1,5 Mios draufpacken. Soviel zur Heimatliebe.
    Natürlich wird er ausschließlich extern bezahlt, aber 4 garantierte Mio (meine Anahme): die hat er bei den Beiern nie gehappt.

    Podolski ist so`n Wirtschaftsdingens.

  • User
  • 05.11.2011 19:52:18 Dschungelking

    Heute Nacht kommt Uns Uwe Fußballheld zu Ehren das Endspiel der WM '66 ("Wembleytor") und danach noch ein Spiel, Viertelfinale WM 1970 Mexico Deutschland - England! Auf N3!

    Angucken! Auf Knien!

  • User
  • 06.11.2011 07:05:05 AntiMöller

    `66 sind WIR zwar von Bobbies gestützt, aber NIE AUF KNIEN! aus Wembley...

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