Antonio da Silva über Dortmunds Höhenflug
»Selbst die Bank ist Luxus«
Interview: Alex Raack Bild: Imago
Dortmunds Antonio da Silva machte gegen Hoffenheim ein wunderbares Tor – und saß im Spitzenspiel gegen den FSV Mainz 05 doch nur wieder auf der Bank. Warum er trotzdem zufrieden ist und wie Jürgen Klopp in der Kabine ist, verrät er hier.
Antonio da Silva, Schalke 04 redet offiziell vom Abstiegskampf. Jetzt wäre doch der ideale Zeitpunkt als Dortmunder von der Meisterschaft zu sprechen. Machen Sie den Anfang?
Ich werde mich hüten, irgendwelche Langzeitprognosen abzugeben. Wir machen uns beim BVB wirklich keine Gedanken über das Ende der Saison – wir stecken doch erst mitten drin! Also denken wir von Spiel zu Spiel, ein Stein auf den anderen...
Dann reden wir über die Spiele. Beim 2:0 gegen Ihren ehemaligen Verein Mainz 05 sind Sie erst nach 86 Minuten eingewechselt worden und haben Saisonminute 20, 21, 22 und 23 absolviert – wie viel Spaß macht Ihnen die laufende Spielzeit?
Es ist großartig, in dieser Mannschaft zu spielen, selbst wenn man nur auf der Bank sitzt. Immerhin habe ich von dort eine wunderbare Sicht. Und dieser Mannschaft nur beim Fußball spielen zuzugucken ist schon ein Luxus.
Sie haben Spaß? Als Auswechselspieler?
Ja. Auch weil mich die Situation nicht kalt erwischt hat. Als ich vor der Saison mit Jürgen Klopp über einen möglichen Wechsel nach Dortmund sprach, hat er gesagt: »Toni, ich will dich in meiner Mannschaft haben. Als Ergänzungsspieler.«
Sind Sie auch wegen Klopp gekommen?
Vor allem wegen ihm. Ich kenne ihn jetzt seit drei Jahren, und es macht riesig Spaß, mit ihm zusammen zu arbeiten. Sein Training ist gut, die Mannschaftssitzungen fast noch besser. Und er weiß genau, was er tut. Alles, was er dir taktisch erklärt, verstehst du sofort.
Wie muss man sich Mannschaftssitzungen mit Jürgen Klopp vorstellen?
Das unterscheidet sich gar nicht so sehr von seinen Auftritten als TV-Experte: Er ist sehr charismatisch und auf seinem Gebiet ein Experte – das macht es so unterhaltsam, ihm zuzuhören.
Klopp hat Sie als Ersatzmann für Nuri Sahin verpflichtet. Der spielte eine großartige Saison, ist aber noch sehr jung. Sie sind 32 – sollten nicht eigentlich Sie auf dem Platz stehen?
Ich stehe gerne jede Minute auf dem Platz, aber wer Nuri aktuell spielen sieht, der würde doch nie im Leben behaupten wollen, dass dieser Spieler auf der Bank Platz nehmen sollte. Nuri ist ein ganz fantastischer Spieler, seine Saison verläuft großartig – er steht vollkommen zu Recht auf dem Rasen.
Heizen Sie im Training gemeinsam mit den anderen Ersatzleuten den Konkurrenzkampf an?
Es ist unser Job, dass wir alle immer spielen wollen. Sonst wären wir nie Profifußballer geworden. Aber Konkurrenzkampf? Den gibt es momentan nicht beim BVB. Jeder gönnt dem anderen, dass er auf dem Platz steht. Und so lange der Erfolg nicht ausbleibt, wird sich daran nichts ändern. Diese Mannschaft hat einen so positiven Spirit, so ein echtes Miteinander, dass es eine Freude ist, Teil dieser Auswahl zu sein.
Am vorletzten Spieltag gegen die TSG Hoffenheim wurden Sie nach 74 Minuten eingewechselt und schossen in der Nachspielzeit den 1:1-Ausgleich mit einem wunderbaren Freistoß. Tut es da nicht weh am nächsten Spieltag wieder auf der Bank Platz zu nehmen?
Das ist nicht mein Lieblingsplatz, und ich würde auch gerne mehr Minuten Spielpraxis bekommen. Gegen einen Einsatz von Beginn an habe ich nichts einzuwenden, aber die Mannschaft ist so, wie sie momentan aufgestellt ist, auf Platz eins der Bundesliga. Warum sollte sich daran etwas ändern? Ich warte auf meine Chancen und versuche sie zu nutzen. Gegen Hoffenheim hat es geklappt, und dafür werde ich bezahlt.
Wer ist eigentlich der bessere Freistoßschütze, Sie oder Nuri Sahin?
Nuri ist ein ausgezeichneter Schütze. Und unsere erste Wahl wenn es einen Freistoß gibt.
Und im Training: Wer macht mehr Tore per Freistoß?
Keine Ahnung. Wir haben keinen speziellen Wettbewerb und den wird es auch nicht geben.
Machen Sie nach dem Training eigentlich auch Überstunden und schießen noch ein paar Freistöße?
Im Sommer, wenn es schön warm ist, gerne. Aber jetzt im Winter folge ich den Kollegen doch lieber in die Kabine.
Beim 2:0-Sieg gegen Mainz war der 18-jährige Mario Götze der entscheidende Spieler – was macht diesen Youngster so stark?
Mario ist ein unglaublich beweglicher und schneller Spieler. Wenn Sie wüssten, wie der uns manchmal im Training auseinander nimmt! Sein Antritt, sein Spielwitz, seine Unbekümmertheit – ihr Deutschen werdet noch sehr viel Freude an ihm haben!
Sie sind gebürtiger Brasilianer – gibt es einen Spieler, an den Sie Götze erinnert?
Kein Brasilianer, dafür ein Tscheche: Tomas Rosicky. Beide besitzen eine Leichtigkeit und eine Spielauffassung, wie es nur wenige Fußballer haben.
Der führte Dortmund 2002 zur Deutschen Meisterschaft. Ich versuche noch einmal mein Glück: Wer wird Deutscher Meister? Dortmund oder Mainz?
Keine Chance. Ich weiß es nicht. Sicher ist, dass beide Mannschaften so weit oben spielen, weil sie es verdient haben, einen guten Trainer besitzen und aktuell den attraktivsten Fußball der Liga zu bieten haben. Sicher ist aber auch, dass beide Mannschaften irgendwann auch mal eine Niederlagen-Serie verkraften müssen. Dann müssen die jungen Aufsteiger beweisen, wie gefestigt sie sind.
Sonst kommt die Zeit der erfahrenen Ergänzungsspieler über 30, die den Karren wieder aus dem Dreck ziehen?
Das haben Sie gesagt.
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