Türkiyemspor Berlin vor dem Kollaps
»Ich habe geweint«
Text: Felix Laurenz Bild: Imago
Deutschlands Migrantenverein Nummer eins, Türkiyemspor Berlin, spielte zuletzt in der Regionalliga gegen den VfB Lübeck ums sportliche Überleben. Kurz zuvor war der Verein knapp an der Insolvenz vorbei geschrammt. Eine Bestandsaufnahme.
Im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg, wo sonst hauptsächlich esoterisch angehauchte Alternative mit hinreichend gefülltem Geldbeutel flanieren, findet alle zwei Wochen der raue Fußballalltag der Regionalliga im Jahnstadion sein zuhause. Gerade mal 116 Zuschauer haben sich zum Spiel von Türkiyemspor Berlin gegen VfL Lübeck in das alterwürdige Stadion verirrt dass eigentlich Platz für fast 20 000 bietet. Wo einst ganz große Stimmung war, etwa als Michael Jackson hier auftrat, sind heute nur noch leere, bunte Sitze. Es ist kalt und neblig. Trocken ist es auch nicht. Süreyya Inal, seit drei Monaten Aufsichtsratsvorsitzende bei Türkiyemspor Berlin, ist trotzdem glücklich.
Der Grund für ihre Freude ist ein Treffen in Kreuzberg vor wenigen Tagen. An jenem hektischen Nachmittag wurde Türkiyemspor Berlin, der bekannteste Migrantenverein Deutschlands, vor dem finanziellen Ruin gerettet. »Die Sitzung war voller Emotionen und sehr chaotisch. Irgendwann habe ich dann gesagt: Wenn ihr euch jetzt nicht einigt, gehe ich morgen los und melde Insolvenz an.« Satte 600 000 Euro Schulden hatte der Verein zu diesem Zeitpunkt angehäuft, rund die Hälfte bei ehemaligen Vorstandsmitgliedern, der laufende Spielbetrieb konnte nicht mehr bezahlt werden. Das Süreyya Inal, diese kleine, zierliche Frau mit der leisen Stimmen für den Kreuzberger Verein eine entscheidende Rolle bei der Sanierung gespielt überrascht auf den ersten Blick – Doch Inal ist gelernte Steuerberaterin und kennt sich mit ihrem Handwerk bestens aus.
Der Verein wurde zur Geldverbrennungsanlage
In der Vergangenheit haben die Vorstandsmitglieder des Vereins bei ihren großen Visionen oft das Wirtschaften vergessen: » Der letzte Vorstandsvorsitzende Oğuz Ilter musste in drei Monaten 50.000 Euro von seinem eigenen Geld in den Verein stecken, um die laufenden Kosten zu decken.«, berichtet Inal. Nach drei Monaten als Vorstandsvorsitzender mussten Ilter und der Rest des Vorstands Anfang Oktober zurücktreten - Ilter war nicht mehr im Stande, die fehlenden Gelder durch sein Erspartes auszugleichen. »Als der letzte Vorstand zurücktreten musste, war keiner mehr da, der den Job machen wollte, weil alle Angst hatten, für die Schulden zu haften. «, erinnert sich Inal. Auf einmal war sie als Aufsichtsrat mitten im Tagesgeschäft, verbrachte Tage und Nächte damit, sich einen Eindruck von Türkiyems Finanzen zu verschaffen: » Ich habe mit sehr vielen ehemaligen Funktionären gesprochen, musste gucken wie viele Jugendmannschaften wir haben, wer wo tätig war, wer die Trainer sind, wer wann Geld bekommen hat. Das war ein Crashkurs in Fußballvereinsführung.«






