Der Titan besucht ein Gefängnis in Köln
Kahn't get no sleep
Text: Dominik Drutschmann Bild: Dominik Drutschmann
Das Handy und den Personalausweis am Eingang abgegeben. Die erste Stahltür fällt ins Schloss. Zu Gast in der JVA Köln, Eintritt in eine andere Welt. Oliver Kahn gibt sich die Ehre und Heerscharen von Journalisten folgten seinem Ruf.
Der Gang über die Flure der JVA in Köln versprüht Krankenhaus-Flair. Wären da nicht die Stahltüren – und die Staatsgewalt. Auf dem Innenhof ein Fußballplatz wie man ihn tausendfach in Deutschland findet: Zwei Tore, Eckfahnen, ein Tartan-Allwetterplatz. An den Seiten säumen zwei vierstöckige Gebäude das Feld: Links die Frauen, rechts die Männer. Drei bis vier Personen pro Zelle drücken sich von innen die Nase an den Gitterstäben platt. Sie halten Ausschau nach Oliver Kahn.
Die versammelte Journalistengruppe scharrt sich derweil um das eigens aufgebaute Zelt. Es gibt Kuchen und wässrigen Filterkaffee. Niemand denkt daran, auf den Platz zu gehen. Zu den Zellen hält man lieber Abstand. Die Aufregung der Gefangenen knistert in der Luft. Immer wieder rufen einige aus den Zellen in den Innenhof: »Ey, mach mal ein Foto.« Um der bedrückenden Stimmung entgegenzuwirken, läuft Musik. Die dunklen Bässe von Faithless' »I can´t get no sleep« schallen über den Innenhof. Kein Schlaf: Für viele Insassen Alltag.
Wer fotografiert, fliegt raus
Wagt man doch den Gang über das Feld, überschlagen sich die Stimmen aus den Zellen. Ein Gefühl wie im Zoo. Nur ist nicht klar, auf welcher Seite des Käfigs man steht. Die Kollegen machen sich derweil über die Gulaschkanone her. »Ab jetzt keine Fotos mehr. Wer sich nicht dran hält, wird aus der JVA verwiesen«, sagt ein Wärter. Gelächter – eine komische Drohung, aus einem Knast herausgeschmissen zu werden.
In einer ersten Gesprächsrunde mit Oliver Kahn und NRW-Justizminister Thomas Kutschaty wird das Projekt der Sepp-Herberger-Stiftung erläutert. »Anstoss für ein neues Leben« heißt es. Häufig fällt das Wort »Vorbild«. Die Kraft des Fußballs wird betont. Credo: Über den Fußball wieder in die Gesellschaft zurückfinden. Soweit die Theorie. In der Praxis wird ein Fußballturnier im Knast ausgetragen.
Der Übermensch. Der Titan.
Die Jungs und Mädchen der teilnehmenden Mannschaften kleben an Kahns Lippen. Er kommt an. Seine Worte richtet er häufig direkt an die Insassen. Nachhaltigkeit sei ihm wichtig, deswegen hat er zugesagt. Im letzten Jahr in Siegburg war er auch schon dabei. Später im Vieraugen-Gespräch wird deutlich, wie nah ihm die Sache geht. »Im letzten Jahr habe ich ein bis zwei Tage gebraucht, um die Eindrücke zu sortieren. Ich merke, wieviel Glück ich in meinem Leben gehabt habe«, sagt Kahn.
Oliver Kahn. Dieser Übermensch. Der Titan. Auf einmal wirkt er menschlich, fast verletzlich. Die beklemmende Atmosphäre nimmt ihm die Aura des Übermächtigen. Wäre da nicht die Traube von Journalisten, die ihn auf Schritt und Tritt während des Finales verfolgt, könnte man meinen, er sei einfach irgendwer.
Im Anschluss an das Finale gibt Kahn Autogramme, redet mit den Insassen. Verteilt Schulterklopfen und aufmunternde Worte. Langsam wird Oliver Kahn durch die Menge komplimentiert. Die Insassen widmen sich jetzt dem Kuchen oder den Mädchen von der anderen Seite. Kahn steigt ins Auto und fährt zurück in sein Leben. Der Blick zurück wirkt nachdenklich. Die nächsten Tage werden es wohl auch sein.


Oliver Kahn tiefenentspannt beim Plausch an der Seitenlinie. Der Herr in der Mitte huldigt dem Kahnschen Humor.





