Zu Besuch beim »Tag der Legenden«
Stars a.D.
Text: Alex Raack Bild: Imago
Alljährlich lädt Reinhold Beckmann zum »Tag der Legenden« nach Hamburg. Ein gewaltiges Benefizspektakel mit Fruchtstäbchen, ehemaligen Weltmeistern und operierten Atemwegen. Ein Ortsbesuch.
Legendär ist anders. Kurz vor dem Millerntor möchte der 11FREUNDE-Redakteur dem noch etwas trägen Körper eine Rutsche Kaffee gönnen. Gesagt, bestellt. Dann der hauptstadtverwöhnte Blick zur Frischmilch auf dem Bäckerstresen. Ein Griff zur Tüte, die muss neu sein – der Deckel geht nicht auf. Eine freundliche Dame mittleren Alters hält die Tüte fest, auf dass der kaffeedürstende Zugereiste endlich an den Inhalt gelangt. »Besten Dank«, sagt der und dreht fester. »Das ist meine Tüte«, sagt die freundliche Dame. Schneller hat ein Journalist eine Bäckerei in Hamburg noch nie verlassen, jede Wette.
Der »Tag der Legenden«. Eine Fußball-Show made by Reinhold Beckmann. Zum nunmehr sechsten Mal hat Beckmann einen ganzen Haufen ehemaliger Fußball-Profis aus Hamburg, Deutschland und der ganzen Welt aktiviert; das Spektakel am Millerntor dient der Finanzierung seines Benefizprojekts »NestWerk«, eine auf Beckmannsche Initiative gegründete soziale Einrichtung, die Kinder aus Problembezirken unterstützen soll. Und weil Beckmann in der deutschen Medienszene so etwas wie der Bundespräsident ist, sind sie alle gekommen. Vier Reisebusse und Dutzende Shuttlefahrzeuge spucken am Sonntagvormittag einen Star a.D. nach dem anderen vor der Südtribüne der Heimstätte von Bundesligaauftsteiger FC St. Pauli aus. Buchwald, Thon, Matthäus, Seeler, Hrubesch, Ivanauskas, Bein, Mill, Lehmann, Golz, Magath, Veh – am Ende sind es mehr als 80 (!) Ex-Profis, die Beckmanns Einladung folgen. Ein gewaltiger Auflauf leicht untersetzter Herren, die ihr Geld einst – im mehr oder weniger großen Stil – damit verdienten gegen einen Ball zu treten.
Oktoberfest mit ein bisschen Fußball
Das alleine wäre schon der Show genug, doch passend zum Motto der Altherren-Party – »Götter des Fußball-Olymp« – haben die Veranstalter ein etwas abgehobenes Drumherum-Szenario auf die Beine stellt. Zig Bühnen, etliche Bespaßungen vor den Eingängen, ein ohrenbetäubendes Rahmenprogramm; das alles ist ein wenig wie Oktoberfest mit ein bisschen Fußball im Programm. Und während sich draußen das Hamburger Volk für die große Party im Fußballstadion bereit macht, herrscht vor dem VIP-Eingang dichtes Gedränge. Frauen mit zu viel Gesichtstinte treiben Kameramänner und Kabelträger wie Packesel durch die Spätsommerhitze. Massige Fotografen schieben sich in Position. Die Fotografin der renommierten Agentur »Witters« bittet streng um die Einhaltung der freien Zone für ihr Objektiv, ihr Wort hat scheinbar Gewicht in der Blitzlichtszene. Vielleicht zehn Kamerateams der verschiedensten TV-Anstalten und ein dreifaches an Fotografen steht Spalier. Auf dem Infoblatt für die Journalisten steht: »Ankunft der Legenden: 13.00 Uhr«. Jetzt ist es 13:12 Uhr und da endlich öffnen die Ordner einen Absperrzaun und lassen einen donnernden Motorrad-Tross vorbei. Kurze Verwirrung, kommen »Uns Uwe« und die Seinen auf motorisierten Zweirädern? Nein, die scheppernden Ungetüme jagen auf einen nahen Parkplatz, ihre Fahrer werden auf ewig unerkannt bleiben. Dann: Der erste Bus. Felix Magath entsteigt galant dem Gefährt und wird gleich von einem Kollegen des »NDR« in Beschlag genommen. Wynton Rufer nutzt die Gelegenheit und schlendert gemütlich auf dem schmalen roten Teppich in die Kabinen. Nur einmal muss der ehemalige Bremer stoppen – ein in die Jahre gekommener Journalist, offenbar ohne Arbeitsauftrag oder in Rente, schiebt Rufer eine dicke Fußball-Chronik unter die Nase und bittet freundlich um ein Autogramm. Dieses Szenario wiederholt sich sicherlich noch knapp 80 Mal, denn der Mann mit Lederweste hat einen ganzen Stapel dicker Chroniken in seiner Tasche. Und alle müssen unterschreiben.
Niemand fragt Dieter Schlindwein
Sergei Barbarez ist da. Willkommen! Doch der ehemalige HSV-Angreifer hat den »Tag der Legenden« ganz offensichtlich mit dem »Tag der extrem wichtigen Menschen ohne Wunsch nach Kommunikation« verwechselt und stürmt sonnenbebrillt an allem vorbei was ein Mikrophonpuschel hat. Ähnlich wortkarg sind auch Michael Schulz. Dieter Schlindwein und Uwe Bein. Bloß: Sie fragt auch niemand. Uwe Bein schaut etwas traurig und man möchte ihn fast in die Arme nehmen und aus purer Nächstenliebe interviewen. Doch dafür bleibt wenig Zeit; die Legenden werden von lächelnden Hostessen mit Schildern (»Follow me!«) zum Weitergehen angehalten und marschieren artig in den für Journalisten nicht zugänglichen Kabinentrakt. Draußen vor der Tür ist immer noch einiges los. Die, die mit den kurzen Wortfetzen der im Akkord abgelieferten Stars eh nichts anfangen können, decken sich ein mit Currywurst und Zahnstocher in Überlänge, auf die bunte Südfrüchte gespießt sind. Die hübsch zurechtgemachte Schönheit mit OP-Erfahrung tritt derweil noch immer von einer Stiefelspitze auf die andere. Die ganz großen Helden sind immer noch nicht aufgekreuzt.
Während die Öffentlich-Rechtlichen Senderangestellten auf Uwe Seeler warten, sehnt die boulevardeske Medienbrigade nach Lothar Matthäus, dem Beziehungsexperten, Kolumnenschreiber und ehemaligem Weltfußballer. Sie kommen spät, aber immerhin. Lothar sagt etwas, aber es hat keine Bedeutung. Man versteht ihn einfach nicht in Reihe 3. Uwe Seeler scheint etwas überfordert und muss in der Kurve zum Kabinentrakt gar von Horst Hrubesch gehalten werden, der sich zuvor kernig wie ein Powerriegel einen Weg durch Medienmenschen und Autogrammjäger gebahnt hat.





