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03.09.2010

Vor dem Spiel gegen Belgien

Ein bisschen reinquälen

Text: Stefan Hermanns  Bild: Imago

Die deutsche Nationalmannschaft blickt dem Qualifikationsspiel in Belgien respektvoll entgegen. Der Bundestrainer zählt die Belgier zu den schärfsten Konkurrenten in der Qualifikation und spricht von »einem ernsthaften Problem«.

Vor dem Spiel gegen Belgien - Ein bisschen reinquälen


Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat in der vergangenen Woche eine erfreuliche Meldung verbreiten können. Bundestrainer Joachim Löw hatte gerade seinen Kader für die beiden EM-Qualifikationsspiele in Belgien und gegen Aserbaidschan benannt, und weil sich keine Debütanten in seinem Aufgebot befanden, hatte die Pressestelle des DFB als wichtigste Nachricht ausgemacht, dass 17 WM-Teilnehmer in Löws Kader stehen. Wow! 17 WM-Helden. Gegen Belgien. Das kann ja ein Fest werden. Nur für Joachim Löw ist das erst einmal gar keine gute Nachricht.



Der Bundestrainer hat sich in diesen Tagen wieder an eine Begebenheit aus dem Winter erinnert. Nach der Auslosung der Qualifikationsgruppen waren die Trainer aller Gegner in der Zentrale des DFB zusammengekommen, um die Spieltermine auszuhandeln, und Dick Advocaat, damals noch Trainer der Belgier, hatte »mit aller Vehemenz« darauf bestanden, gleich zum Auftakt gegen die Deutschen zu spielen. Am Ende hat er sich durchgesetzt, was Löw wohl heute noch ein bisschen ärgert. Der Bundestrainer zählt die Belgier zu den schärfsten Konkurrenten um den Gruppensieg, und dass sie die Deutschen bereits jetzt im eigenen Stadion empfangen, »das ist schon ein ernsthaftes Problem«.

Noch nicht am Leistungslimit

Es ist weniger ein mentales Problem für die Deutschen, die sich nach den Höhen der WM wieder in den Niederungen des Alltags zurechtfinden müssen, Löw sieht seine Spieler eher körperlich benachteiligt. Als in Belgien die neue Saison losging, sind Deutschlands WM-Teilnehmer gerade ins Training eingestiegen. Vier Wochen sind seitdem vergangen, der Rhythmus fehlt noch. Sami Khedira, als zentraler Mittelfeldspieler eine wichtige Stütze, hat seit der WM exakt einen Einsatz über 90 Minuten gehabt – das war mit Real Madrid im Freundschaftsspiel gegen Bayern München. »Das ist nicht optimal«, sagte Khedira. »Wir können noch nicht am Leistungslimit sein.«
Man kann das für maßloses Understatement halten – aber offensichtlich ist Löws Sorge echt. Zumal die Erwartungen nach den Auftritten in Südafrika hoch sein werden: Wer England und Argentinien wegfiedelt, wird doch wohl gegen Belgien keine Schwierigkeiten bekommen. »Wir können nicht erwarten, dass es so wird wie gegen England und Argentinien«, sagte Philipp Lahm. »Wir sind noch nicht in der Verfassung, dass wir so ein hohes Tempo über 90 Minuten gehen können.«

Der Münchner wird die Mannschaft in Brüssel als Kapitän aufs Feld führen. »Das ist eine große Ehre«, sagte er. Andererseits gilt er nach der Entscheidung des Bundestrainers für Michael Ballack auch weiterhin nur als offizieller Vertreter des offiziellen Kapitäns. Dass diese Lösung bei Lahm hemmungslose Freude auslösen würde, konnte niemand erwarten. Er machte eher den Eindruck, als fügte er sich ins Unvermeidliche. »Diese Entscheidungen müssen immer akzeptiert werden«, sagte Lahm, »und sie werden auch akzeptiert.«

Reinquälen und über sich hinauswachsen

Das Spiel gegen Belgien wird für Ballacks Herausforderer eine weitere Gelegenheit sein, sich unentbehrlich zu machen: sowohl für Lahm als Kapitän als auch für Khedira auf Ballacks Position im Mittelfeld. Doch die Deutschen wissen, dass das kein Selbstläufer wird. »Ein bisschen reinquälen« müsse sich die Mannschaft in das Spiel, glaubt Hans-Dieter Flick, der Assistent von Joachim Löw, »ein Stück weit über sich hinauswachsen« gar, wie der Bundestrainer sagte.

Es gebe überhaupt keinen Grund, Belgien »zu unterschätzen«, wie Flick berichtete. Unter den gegebenen Bedingungen schon mal gar nicht. Löw hat beim Blick in die jüngere Geschichte festgestellt, dass der Neustart nach einer WM häufig nicht einfach war. Italien zum Beispiel quälte sich 2006 im ersten Pflichtspiel nach dem WM-Titel zu einem 1:1 gegen Litauen, und die Spanier, Europameister 2008, mussten sich mit einem 1:0 gegen Bosnien-Herzegowina begnügen. QIntern wissen wir schon, welche Gefahren auf uns lauer«, sagte der Bundestrainer.

Die Bilanz der deutsch-belgischen Vergleiche bietet immerhin Trost. Die letzte Niederlage einer DFB-Elf gab es am 26. September 1954. Wirklich beruhigend ist das allerdings nicht. Dieses Spiel im September 1954 war das erste des neuen Weltmeisters Deutschland nach dem Titelgewinn.


Tagesspiegel@11Freunde






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Kommentare

  • User
  • 03.09.2010 15:43:54 Ganna

    Mir ist es egal wie sie spielen, Hauptsache sie gewinnen. Schließlich ist es nur ein Qualifikationsspiel gegen einen im internationalen Vergleich letzterdings „zweitklassigen“ Gegner.
    Alles andere betrachte ich als Versagen. Sich jetzt schon dafür zu entschuldigen, dass sie einen Haufen Mist fabrizieren werden, ist zwar ein Beleg für Realismus (und ich werde mir deshalb das Spiel auch lieber nicht anschauen) aber es ist trotzdem unsportlich. Die sollten lieber die Klappe halten und alles geben!

  • User
  • 03.09.2010 16:50:06 AbteilungAttacke

    Die sachlichen Dinge, die Leute wie Flick und Lahm ansprechen, stimmen zwar, doch kommt hier wieder dieses Mentalitätsproblem zum Vorschein, welches uns m.E. gegen die Spanier im Halbfinale das Genick gebrochen hat.

    Während der ganzen PK Lahm kaum mehr als einmal das Wort "Favorit" in den Mund, dabei kann es, trotz eventueller Handycaps gar keinen Zweifel geben, wer das im heutigen Spiel ist.

    Reaktionen wie Gannas zeigen auch, dass dieses ewige Understatement ("es gibt keine Kleinen mehr") den Leuten gehörig auf den Keks geht und nach der vergangenen WM als präventive Absolution für eventuelles Versagen nicht mehr greift.

    Es ist eine Sache, dem Gegner Respekt zu zollen, eine andere ist, sich kleiner zu machen, als man ist. Wer soll denn bitte drauf hereinfallen ? Die Belgier sind sicher nicht so doof.

  • User
  • 04.09.2010 01:06:18 Ganna

    Attacke, was ist denn das für‘n Mentalitätsproblem, welches uns im Halbfinale das Genick gebrochen hat?
    Also: was meinste denn damit?
    Meiner Meinung nach war diese Spielweise gegen die Spanier im Halbfinale u.a. auch eine „Kopfsache“. Ein Fußballkollege von mir meinte dazu es hätte der „Enthusiasmus“ der vorangegangenen Spiele gefehlt.
    Aber was hat das mit Mentalität zu tun?
    Weisst Du da mehr als der „normale“ Zuschauer?

  • User
  • 04.09.2010 10:33:26 hagenpop

    NATÜRLICH war Deutschland Favorit und NATÜRLICH darf man keinen Gegner unterschätzen (wie das Wort schon sagt). Das ist letztendlich nichts als Rhetorik für die Öffentlichkeit, um schon vorher zu steuern wie man nachher da steht. Und noch eher um einfach zu bedienen was verlangt wird.

    Von dem was an Einstellung der Spieler notwendig ist und mehr noch was an taktischer Arbeit notwendig ist kriegt die Öffentlichkeit so wieso nichts mit. Zweites ist eigentlich sehr schade und wäre nicht die Aufgabe von Spielern oder Trainern sondern von Sportjournalisten.

  • User
  • 04.09.2010 13:04:38 AbteilungAttacke

    @ Ganna

    *Hust* Ne ein Inside Man bin ich wahrlich nicht. Habe mir nur Gedanken nach der Spanienniederlage gemacht - hier nachzulesen

    @ Hagenpop

    Sicher gibt es einen gewissen Spielraum für naturgemäßer "Es gibt keine Kleinen mehr"-Rhetorik.

    Doch wenn man sich Auftreten, Sprache, Selbstbewusstsein, Körperhaltung von Mannschaften wie Spanien oder England in entsprechenden PK's ansieht, fallen einem da schon Unterschiede auf.

    Die Deutschen sind mir, als "große Fussballnation, die wir sind", einfach eine Spur zu - ja - höflich und bescheiden. Es muss doch im Auftreten nach außen einen goldenen Mittelweg zwischen Respekt vor dem Gegner UND der "Wir hauen sie weg, keine Frage"-Einstellung geben.

  • User
  • 05.09.2010 01:27:25 Ganna

    Au Weia, Attacke. Da haste aber mal, hm (…), viel geschrieben. Also, wie sagte Cati? „Raketenwissenschaft“?
    Naja.
    Im Grunde nimmt der Fußball manchmal groteske Züge in der Öffentlichkeit an. Diese Kapitänsdiskussion der Medien zum Beispiel. Überall schwätzt Dir einer was vom Fußball entgegen, als ob‘s nichts wichtigeres gäb. Tagesschau: 2 Minuten Fußball, dass man noch immer keinen Impfstoff gegen Malaria gefunden hat, sich jedoch immer besser gegen Haarausfall schützen kann, beschäftigt wohl nur die Statistiker. Lahm würde vielleicht Kapitän machen wollen. Das ist das echte Leben!
    Aber vielleicht nehme ich das auch nur verkehrt wahr, wenn es aus dem Fernseher tönt „Da hat Herr X eine Steilvorlage geliefert, welche Herr Y dankend angenommen und verwandelt hat“…

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