Was der Raul-Transfer bedeuten kann
Operettenliga oder Turbostaat?
Text: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
Raul ist Schalker. Was klingt wie ein Witz, ist seit ein paar Stunden Bundesligarealität. Doch was ist von diesem Transfer zu erwarten? Entweder Schalke wird zur Großmacht oder die Liga verkommt zum Rentnereldorado.
Lange war Raul eine Legende. Zumindest dann, wenn man sich auf die originäre Bedeutung des Begriffs stützen möchte. Demnach ist eine Legende eine verbreitete Behauptung, die nicht belegt werden kann oder grotesk übertrieben wirkt. Und mal ehrlich, gab es Groteskeres, als die Vorstellung, dass Raul Gonzales Blanco, das wandelnde Denkmal von Real Madrid, eines Tages wirklich seinen Weg ins Trikot des FC Schalke 04 finden wird?
Sommerloch, Saure-Gurken-Zeit, Transfergerücht – man konnte es nennen, wie man wollte, daran geglaubt hat niemand. Selbst als sich der 33-Jährige am Montag tränenreich aus seiner Heimatstadt verabschiedete und seine intensiven Gespräche mit Schalke 04 bestätigte, traute niemand in Gelsenkirchen-Buer, -Bismarck, -Horst und -Erle dem Braten so Recht.
Doch seit heute ist klar: Raul trägt ab der kommenden Saison für zwei Jahre Königsblau. Ein Transfercoup von Felix Magath, bei dem sich die eine Seite fragend anschaut und die andere Freudentränen an die Schultern schluchzt.
Was bedeutet der Transfer?
Für den FC Schalke ist dieser Transfer in vielerlei Hinsicht ein Satz mit Siebenmeilenstiefeln. Nach der überraschenden Champions-League-Qualifikation in der letzten Saison drückte Trainer Magath ordentlich auf die Tube. Er entrümpelte den sündhaft teuren Kader gnadenlos von trägen Altlasten und machte auch keinen Halt vor Vereinsikonen. Schalke wird mehr und mehr zu Magaths Turbostaat, in dem Metzelder hinten statthält und vorne Raul regiert.
Die Diskussionen um Rauls Fitness dürften bald obsolet sein, gilt der Spanier doch als Musterprofi. Kein Typ für Weizenbier und Vanilleeis, sondern einer der in der Saisonpause schuftet, weil es weitergeht. Immer. Irgendwie.
Magath bastelt weiter
Doch es ist so gut wie sicher, dass Magath mit dem Kaderbasteln noch nicht fertig ist, schließlich hat er hart gekämpft für das hübsche Einkaufsbudget von 20 Millionen Euro. Und es muss auch weitergehen, denn Rauls Ankunft auf Schalke bedeutet auch eine sportliche Umstellung. Konnte man sich in den vergangenen Jahren noch auf Kopfball- und Stocherqualitäten von Kevin Kuranyi verlassen, stehen nun mit Farfan und Raul andere Typen in vorderster Front. Die brauchen vor allem flache, präzise Zuspiele, um effektiv sein zu können. Für dieses Spiel fehlt es Schalke derzeit noch an Qualität im Mittelfeld.
Allerdings hat Rauls Transfer nicht nur sportlichen Wert, seine Strahlkraft ist auch aus ökonomischer Sicht gewinnbringend. Der Name lockt Sponsoren, heizt die Trikotverkäufe an und öffnet auch den Weltmarkt ein Stück weiter für S04. Nicht auszuschließen, dass vor einem Jahr nicht jeder Schalke 04 kannte. Doch jetzt wird man auch in Spanien, Südamerika und sonstwo hinschauen, wenn das Real-Vereinsdenkmal im Ruhrgebiet aufläuft. Dieser Posten ist zwar nicht direkt messbar, aber in einer globalisierten Fußballwelt unabdingbar.
Die Bundesliga als Operettenliga?
Doch nicht nur auf Schalke darf man sich über den Raul-Coup freuen, denn die ganze Liga profitiert. War Arjen Robbens Gang zum FC Bayern sportlich noch durchaus sinnvoll, überraschten die Wechsel von Van Nistelrooy, Hyypiä und Ballack die Fußballwelt schon sehr. Mit Rauls Engagement setzt sich nun ein Minitrend fort: Die Bundesliga wird zum Eldorado für klangvolle Namen im fortgeschrittenen Fußballalter.
Bleibt zu hoffen, dass die Liga nicht zum Auffangbecken für alternden Topstars in Frührente verkommt wie einst die amerikanische Operettenliga NASL. Dort ließen sich Ende der Siebziger zahllose Altprofis einen schönen Karriereausklang fürstlich entlohnen. Pele und Beckenbauer, Müller und Cruyff, sie alle spielten nebenbei Fußball und sorgten hauptsächlich für zahllose Anekdoten, die längst Teil einer Legende sind.
Eine Legende ist Raul in Madrid schon lange. Auf Schalke kann er es noch werden. Wenn auch in einem anderen Sinn als noch vor ein paar Stunden.
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