Die Geschichte der Fußballfans

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17.07.2010

RWE vor dem Neuanfang

»Hauptsache, wir existieren«

Interview: Tilo Mahn  Bild: Imago

Abstieg, Lizenzentzug, Insolvenzverfahren. Der Niedergang von Rot Weiss Essen endet in der fünften Liga. Filmautor Hardy Hausberg kennt die Geschichte und sprach mit uns über Fehler und Chancen des Tradititonsvereins.

RWE vor dem Neuanfang - »Hauptsache, wir existieren«


Hardy Hausberg ist Journalist, Moderator und Filmautor. Zum 100-jährigen Jubiläum von Rot Weiss Essen hat Hausberg eine 100-minütige Dokumentation über den Verein gedreht. Seit 1985 geht der gebürtige Essener regelmäßig zu Spielen seines Lieblingsvereins.

Hardy Hausberg, der Verein verkündet die erhaltene Lizenz für die NRW-Liga als großen Erfolg. Ist das jetzt das wirklich das Ende einer langen Talfahrt?

Es ist zwar bitter, bei einer Lizenz für die fünfte Liga von einem Erfolg zu sprechen. Aber wichtig für den Verein ist, dass es überhaupt erst einmal weitergeht. Das war vor vier oder fünf Wochen noch nicht klar. Zumindest die Frage,  ob der Verein überhaupt weiter bestehen kann, ist jetzt erst einmal beantwortet.



...aber eine Basis für langfristigen sportlichen Erfolg besteht weiterhin nicht.

Im Moment ist es nun mal so, dass ein Insolvenzverwalter alles im Verein entscheidet. Wenn nicht einmal 500 Euro im Jahr für die Pflege von Georg Melches Grab ausgegeben werden darf, zeigt das deutlich, dass der Verein momentan nicht in der Hand von RWE-Verantwortlichen ist.

Ist das nicht nur eines der vielen Beispiele dafür, dass sich der Verein schon lange zu weit von seinen Traditionen entfernt hat?

Wenn man mit Verein den Vorstand und die Entscheidungsträger meint, dann gibt es diesen Verein momentan nicht. Insofern kann der Verein gar nicht anders als sich auf finanzielle Fragen zu beschränken. Das hat mit der Beziehung zum Fan nicht mehr viel zu tun.

Das birgt die Gefahr, dass der Verein die gesamte Verantwortung abgibt.

Ich glaube, dass das gar keine schlechte Lösung ist. Der Insolvenzberater steckt nicht im ganzen Wirrwarr des Vereins, hat keine Versprechungen abgegeben und kann in Ruhe seinen Job machen. Er muss einfach nur dafür sorgen, dass genügend gespart wird. Die Fans müssen sich wahrscheinlich auch eine neue Identität suchen. Das ist nicht mehr der Verein, der kurzfristig sportlich denkt.

Hat sich diese Entwicklung nicht schon länger angedeutet?

In den letzten Jahren ist viel Geld ausgegeben worden. Es war zwar durch Sponsoren und die Stadt Essen auch viel Geld da. Letztendlich sind mit dem Geld aber falsche sportliche Entscheidungen getroffen worden.

Welche Entscheidungen waren das?

Der Verein war ja nie richtig arm. Auch wenn die Spieler nicht mit goldenen Ringen am Finger angereist sind: RWE hat ja auch in der Zweiten Liga immer einen ordentlichen Etat gehabt. Dann muss ein Team aber irgendwann mal Erfolg haben. Das kann eine Mannschaft vielleicht ein oder zwei Spielzeiten verkraften, billiger zu spielen, als sie eigentlich ist. Aber wenn das über Jahre hinweg so geht, dann muss der Verein reagieren. Und einen sportlichen Leiter finden, der die Mannschaft richtig zusammenstellt. Das ganze Trainerteam war nicht gut genug während der letzten Jahre.

Wo liegen die Knackpunkte der Fehlentscheidungen?

Beim letzten Abstieg aus der Zweiten Liga 2007 hatte ich den Eindruck, dass RWE in eine Saison geht, in der der Verein krankt. Mit Stürmern wie Arie van Lent, damals auch schon 35 Jahre alt, praktisch Sportinvalide, und einem Alexander Löbe, der in der Zweiten Liga eigentlich nie besonders erfolgreich gewesen ist. Dann hat natürlich auch keiner Tore gemacht. Trainer Köstner hat daraufhin die Mannschaft umgestellt auf eine sehr handwerkliche, robuste, defensive Taktik. Das war für mich schon vor der Saison eine sportliche Fehleinschätzung, so dass der Misserfolg vorhersehbar war.

...bis RWE letztendlich in der fünften Liga gelandet ist. Wie schnell kann der Verein da wieder rauskommen?

Im jetzigen Zustand ist der Verein für ein professionelles Umfeld nicht geeignet. Das Stadion ist eine 50er Jahre-Ruine. Selbst die Räume der Geschäftsstelle wirken traurig. Das ist momentan einfach kein Umfeld, in dem etwas entstehen kann.

Müssen sich die RWE-Fans also darauf einstellen, über Jahre hinweg nur fünftklassigen Fußball zu sehen?

Ich glaube, dass RWE mit viel, viel weniger Geld, das vernünftig eingesetzt wird, relativ schnell aus der fünften Liga wieder aufsteigen kann. Aber danach könnte es dann schon wieder schwieriger werden. Wichtig ist, dass der Verein noch existiert. Aber die Zeit für große Träume ist wohl erstmal vorbei.






Kommentare

  • User
  • 17.07.2010 22:37:25 libbero

    Das ist ein wirkilich trauriges Kapitel.Aber wer ist der Schuldiige? oder wer sind die Schuldigen? Bei diesem bitterboesen Spiel
    wo der Zuschauer und treue Fan der Verlierer ist.Es ist aber auch so da waren Leute am Werk die nicht gemekt habenm oder nicht merken wollten,dass man sich im Leben nie eine groessere Hose anziehen sollte als man einen Po hat.Nur jetzt sollten alle Blicke nach vorn gerichtet sein und in der NRW LI«iga muessen Leute ran die ihren Job verstehen und ihn auch giut machen.Dort werden Arbeiter und Handwerker gebraucht und keine Dummschwaetzer
    und Moechtegern Praesidenten und Manager.Gut das das mein zu frueh verstorbener Schulfreund Helmut ein beinharter RWEler nicht mitbekommen hat.Der wuerde sich im Grabe umdrehen.....

  • User
  • 18.07.2010 03:49:42 UrmelAusmEis

    Komische Ansichten des Interviewten.

    RWE ist eines der aktuell besten Beispiele für einen vom Kopf her stinkenden Fisch, aber die Fehleranalyse erschöpft sich in ein bisschen sportlicher Einschätzung (Trainer spielte zu defensiv, Mannschaft war zu erfolglos).

    Die Sauresahnehaube dann dieser Satz: "Die Fans müssen sich wahrscheinlich auch eine neue Identität suchen. Das ist nicht mehr der Verein, der kurzfristig sportlich denkt."
    Als sei der "Plan", alles Geld und auf Pump noch ein bisschen mehr für den möglichen kurzfristigen Erfolg rauszuhauen, identitätsstiftender...

  • User
  • 18.07.2010 09:27:21 schlappen69

    Nettes Interview, leider verkennt Herr Hausberg die Tatsache, daß Rot-Weiss mit diesem "einfachen" Fußball, den zehnten Platz in der Rückrundentabelle belegt hatte. Die Hinrunde war damals die wahre sportliche Fehleinschätzung. Letztlich haben sich in der Folge dann sportliche Fehleinschätzungen und auch persönliches Versagen immer wieder die Hand gereicht und den Verein dorthin geführt, wo er jetzt erst einmal hingehört. Solange gilt nun das, was die Fans im letzten Heimspiel treffend bemerkten: "Ihr könnt spielen wie Ihr wollt, uns vertreibt Ihr nicht"!

  • User
  • 19.07.2010 14:59:14 gelsenkirchen

    stimme urmel zu: es schwingt der unterton mit: WENN der trainer anders gespielt hätte und die spieler sich mal den arsch aufgerissen hätten, DANN wär man jetzt schärfster barca-verfolger in europa und serienmeister in deutschland.
    irgendwie ein phänomen das ich bei den geliebten nachbarn aus essen häufig beobachten durfte: schuld waren immer die anderen!

  • User
  • 19.07.2010 15:12:06 einrudithömmes

    So isses doch bei allen, oder?

    Mal kurz auf den *hust* ehemaligen Ligarivalen geguckt:

    WENN die Eintracht vor *schluck* fünf Jahren nicht um EIN Tor schlechter als Cottbus da gestanden hätte (und wie es zu den entscheidenden Toren kam, weiß ja jeder, der ein bißchen Ahnung vom Fußball hat!), DANN wäre der spielstarke Traditionsverein mittlerweile wohl ohne ZWeifel in Liga EINS etabliert.

  • User
  • 19.07.2010 15:36:40 gelsenkirchen

    bei rwe zieht sich das halt wie ein rot-weisser-faden durch die vereinshistorie. dabei hat man verpennt zu bemerken dass sämtliche nachbarn, von dortmund über bochum, oberhausen und duisburg, mittlerweile ihre nische gefunden haben, die eine kleiner, die andere größer und darin mehr oder weniger erfolgreich platz im linienbus "revierfussball" genommen haben. in essen hat man hingegen selbst zu oberliga-zeiten schon wieder von der bundesliga geträumt anstatt sich mal mit dem status quo abzufinden. die größte stadt des ruhrgebiets (selbst den titel ist man mittlerweile los) verlangte natürlich nach dem größten pokal! dass der nicht erreicht wurde, dafür gibt's bestimmt einen schuldigen in GE, DO, BO oder irgendwo "da oben". hausgemachte probleme.

  • User
  • 19.07.2010 15:45:43 einrudithömmes

    Eben.

    Saarbrücken etwa ist als Aufsteiger durchmarschiert. Herne spielt mittlerweile keine Rolle mehr.

    Weisste, was ich mein?

  • User
  • 19.07.2010 16:07:29 Hilli69

    [quote]Ich glaube, dass RWE mit viel, viel weniger Geld, das vernünftig eingesetzt wird, relativ schnell aus der fünften Liga wieder aufsteigen kann.[/quote]

    Haben wir in Siegen auch gedacht nach der Insolvenz und dem Fall innerhalb von 3 Jahren von Liga 2 bis runter in die NRW Liga. Aber da sollen die sich mal nicht vertun. Auch in dieser Liga werden einem keine Punkte geschenkt, nur weil man nen halbwegs bekannten Namen und nen schönes Stadion hat.

    Aber mit SW Essen, RW Essen, Siegen, F. Köln und Herne bei zur Zeit nur 2 Zweitvertretungen ist die NRW Liga sogar attraktiver als die RL.

  • User
  • 19.07.2010 17:17:56 AbteilungAttacke

    Es war zwar durch Sponsoren und die Stadt Essen auch viel Geld da

    War es das ? Gemessen an den Möglichkeiten der Stadt Essen ? Irgendwie ist das ein Kernproblem, was im Interview irgendwie gar nicht so richtig rüber kommt: Gelsenkirchen spricht es in seinem Beitrag von 15.36 Uhr an. RWE hatte in den letzten Jahren immer auch ein massives Imageproblem, was nicht wenige Sponsoren abschreckte. Nix gegen die Westfalia, aber Herne ist von der Finanzkraft und Infrastruktur her nicht Essen.
    Ob das Imageproblem mit schwierigen Fans oder eben dem Verpassten "auf den Revierfussballzug aufspringen" zu tun hat, sei mal dahingestellt. Aber um den Verein wieder auf Vordermann zu bringen, dürfte eine MEnge Kommunikationsarbeit nach außen nötig sein.

  • User
  • 19.07.2010 20:41:22 Andreas Blenke

    Ist zwar eine Binsenweisheit, aber es lohnt sich, diese hin und wieder zu vergegenwärtigen:

    Erfolg ist nicht planbar, weil alle Konkurrenten den Erfolg planen.

    Seriöses Wirtschaften bedeutet demzufolge dies: die besten Voraussetzungen für den Erfolg zu schaffen, dabei aber vorrangig den drohenden bzw. möglichen Absturz mit einem dicken Fundament abzupolstern.

    Wer sich hingegen vom Erfolg abhängig macht, wird beim Mißerfolg entspechend tiefer fallen. Jetzt also schon gleich wieder an den Durchmarsch durch irgendwelche Ligen zu denken, weist eher darauf hin, daß man dieses einfache Gesetz konservativen Wirtschaftens nicht verstanden hat.

    Gilt nicht nur für RWE. Ich hab hier vor meiner Haustüre das mahnende Beispiel Waldhof Mannheim vor Augen.

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