Marcel Reif über das Deutsche WM-Aus
Lotterie ohne Los
Text: Marcel Reif Bild: Imago
Alle Welt jubelt über den ach so innovativen spanischen Fußball. Unser WM-Experte Marcel Reif indes findet, die Seleccion spiele, wie eine alte Frau strickt. Eine Masche, auf die Jogi Löw hätte besser reagieren können.
Ehrlich, aus den Schuhen haben die Spanier die Deutschen gerade nicht gespielt. Mich langweilt der Fußball Spaniens inzwischen, der ist ungefähr so, wie Oma einen Schal strickt. Masche für Masche und immer die gleiche Masche. Maradona hatte schon recht, dass die Spanier die Tore an den Außenlinien suchen. Bezeichnend, wie dieses Tor fiel, nicht rauskombiniert, sondern nach einer Ecke, jede Woche zu besichtigen beim FC Barcelona.
Eine Innovation ist das jedenfalls nicht, dass Señor Puyol bei solchen Standards mit Anlauf nach vorne kommt. Womit ich bei der Kritik bin: Wusste das keiner bei der deutschen Mannschaft? Wir freuen uns doch sonst stets über dieses fulminante Scoutingteam von Joachim Löw, das alles und jedes ausforscht beim Gegner. Und diesen Klassiker haben sie übersehen?
Löw wählte die falsche Taktik
Grundsätzlich, was war das gegen Spanien? Mir fällt der alte Spruch ein, wonach man erst ein Los kaufen muss, wenn man in der Lotterie gewinnen will. Die deutsche Mannschaft hat kein Los gekauft, dazu fehlte ihr der Mut. Warum nur? Insgesamt war diese WM auf durchaus überschaubarem Niveau. Mit einem Team, das weit herausragte, das deutsche Team nämlich.
Warum dann diese taktische Bremse im Halbfinale? Man wusste doch, dass man gegen die Spanier gewinnen kann, wenn man ihnen die Luft abschneidet, wenn man sie festsetzt und so ihr Breitwandkleinklein unterbindet. Bei allem Wunderbaren, das Löw geschaffen hat mit dieser Mannschaft, bei dieser WM, im Halbfinale wählte er die eindeutig falsche Taktik.
Jerome Boateng war überfordert
Hinzu kamen Wechsel, die schlicht unverständlich waren. Gomez einzuwechseln ist schon fast blindwütig. Kroos zu bringen, ja, um noch eine zusätzliche Offensivkraft aufs Feld zu bringen, aber dann tausche ich ihn doch nicht gegen Trochowski. Und Boateng? Der war von Anbeginn übernervös und überfordert, der Wechsel mit Jansen kam viel zu spät. Nein, das war nicht der Tag des Joachim Löw, das Halbfinale wurde nicht wegen eines übermächtigen Gegners verloren, nicht, weil in der deutschen Mannschaft der ein oder andere seine Form nicht gefunden hätte, dieses Spiel wurde von der Idee her verloren.
Abgehakt. Denn diese Mannschaft hat Zukunft, ihr gehört sie. Sie wird uns im Wesentlichen, das ist keine kühne Prophezeiung, noch viele Jahre viel Freude machen. Sie hat sich internationale Anerkennung erspielt, hat Spaß verbreitet und bereitet. Und das ist doch die eigentliche Erkenntnis dieses Turniers: Dass wir eine Mannschaft haben, die jederzeit konkurrenzfähig ist. Und aus den Fehlern des Halbfinales kann die Teamleitung ja lernen.






