Die Geschichte der Fußballfans

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08.07.2010

Deutschlands Aus gegen Spanien

Ein unvollendeter Jugendtraum

Text: André Görke  Bild: Imago

Die deutsche Mannschaft verlässt gegen ballsichere Spanier der Mut. Nach der 0:1-Niederlage im Halbfinale bleibt nur die Sehnsucht nach dem ganz großen Titel. Im Trostspiel um Platz drei trifft das Team jetzt auf Uruguay.

Deutschlands Aus gegen Spanien - Ein unvollendeter Jugendtraum


Den Platz wollte Bastian Schweinsteiger einfach nicht verlassen. Als ob er darauf hoffen würde, dass sich doch noch eine Chance bieten würde zum Ausgleich für die deutsche Mannschaft. Aber das Spiel war abgepfiffen, das Turnier für Deutschland in seinem Kernteil beendet. Die Sehnsucht nach dem Finale bleibt unerfüllt, und wie groß die Enttäuschung darüber ist, ließ sich nicht nur an Schweinsteigers hängenden Schultern und leerem Blick ablesen. Gegen nüchternen Systemfußball der Spanier fand die bisher so erfrischend aufspielende Nationalelf im Halbfinale kein Mittel. Das Spiel glich dem EM-Finale von 2008. Und auch das Ergebnis war dasselbe: 0:1 (0:0). Deutschland spielt nun am Samstag gegen Uruguay um Platz drei, Spanien steht zum erstmals im Finale einer WM und trifft am Sonntag auf Holland.



Während Kapitän Philipp Lahm mit den Tränen kämpfte, wirkte Bundestrainer Joachim Löw gefasst. »Die Spanier haben uns an die Grenzen unserer Möglichkeiten gebracht. Manche Hemmungen konnten wir nicht richtig abbauen«, sagte Löw und stellte anerkennend fest: »Letztendlich hat Spanien toll gespielt.«

Ungewohnt statisch

Unbedeutend blieb, dass das Spiel in Durban stattfand, wo die Deutschen ihr erstes Glanzstück dieser WM angefertigt hatten, das 4:0 gegen Australien, und wo die Spanier trotz ihrer Favoritenrolle so verdreht in das Turnier gestartet waren, mit einem 0:1 gegen die Schweiz. Eine gefestigte spanische Mannschaft begann dafür jetzt dieses Halbfinale vor 60 960 Zuschauern und eine fast schon ungewohnt statische deutsche. Der Ball lief von einem spanischen Fuß zum anderen, fand schon in der sechsten Minute den rechten von David Villa, dessen Schuss Manuel Neuer abwehrte. Und nach einer Viertelstunde landete der Ball auf dem Kopf von Carles Puyol, der ihn über die Latte beförderte.

Halbherzig bestrittene Zweikämpfe waren ein Grund dafür, warum sich die deutsche Mannschaft den Rhythmus vorgeben lassen musste. Ungenaue Zuspiele ein anderer. Wenn sich in der ersten Halbzeit einmal die Gelegenheit zu einem entlastenden Angriff bot, beendete ihn meist ein Fehlpass. Thomas Müller, der wegen zweier Gelber Karten gesperrt auf der Tribüne saß, hätte an der Gesamtsituation wohl auch nur wenig ändern können. Der für ihn in die Mannschaft geholte Piotr Trochowski hatte nach einer halben Stunde die erste nennenswerte Gelegenheit der deutschen Mannschaft, Iker Casillas lenkte seinen Distanzschuss zur Ecke.

Die personelle Umstellung im spanischen Team machte sich ohnehin stärker bemerkbar als die im deutschen. Pedro, der für Fernando Torres spielte, konnte die Abwehr der Deutschen mehrfach verwirren, am meisten zu schaffen machte allerdings die rechte spanische Seite, auf der Sergio Ramos so ungestüm Druck machte, als sei er gar nicht für die Abwehrkette eingeteilt. Die meiste Arbeit hatte in der Anfangsphase daher der deutsche Verteidigungsriegel, der den Spaniern ein ums andere Mal den Einlass in die Gefahrenzone verwehrte. Zeit zum Nachrücken in die Offensive blieb dadurch kaum. Erst kurz vor der Halbzeit tauchte Mesut Özil noch einmal im Strafraum auf, verstolperte diese Chance aber.

Keine Frische wehte über den Rasen

Eine neue, mutige deutsche Mannschaft schien doch eigentlich die Spanier herauszufordern zu wollen. Darauf deutete der bisherige Verlauf der WM hin mit den furiosen Siegen gegen England und Argentinien. Und beinahe die Hälfte der deutschen Elf, fünf Spieler an der Zahl, war nicht dabei, als die Nationalelf das Finale der EM 2008 verlor. Die Frische wehte diesmal jedoch nicht über den Rasen.

Ausnutzen konnten das die Spanier lange nicht. Aus der zweiten Reihe flogen ihre Schüsse heran. Nach knapp einer Stunde war es erst das Geschick Neuers, dann das Glück, was den Rückstand verhinderte. Pedros Schuss konnte Neuer abwehren, den Abpraller schnappte sich Andres Iniesta, seine Hereingabe rollte vorbei an Freund und Gegner – und auch am ausgestreckten Bein von David Villa. Es war die bis dahin gefährlichste Szene.

Mit Marcell Jansen für Jerome Boateng und Toni Kroos für Trochowski wollte Löw dem Spiel eine andere Wendung geben. Was auf dem Rasen vor sich ging, bereitete ihm offensichtlich jede Menge Kopfzerbrechen, nervös lief er durch die Trainerzone. Seine Mannschaft verschaffte ihm nur wenig Entspannung. Es fehlten mutige Einzelaktionen oder schnelle Gemeinschaftsaktionen. Immerhin gelang die bis dato beste Chance, als Kroos eine Flanke von Lukas Podolski Dropkick nahm und an Casillas scheiterte. Doch nur kurz darauf passierte das, was sich mehrfach angedeutet hatte: das Führungstor für Spanien. Nach einer Ecke wuchtete der heranfliegende Puyol den Ball per Kopf ins Tor.

Eine Einheit seit drei Jahren

Die jetzt nach vorne orientierte Nationalelf öffnete den Spaniern Lücken zum Kontern. Einmal konnten sie jedoch selbst eine Zwei-zu-eins-Situation mit Pedro und dem eingewechselten Torres nicht zum 2:0 nutzen. Aber auch die Angriffsbemühungen der Deutschen blieben ohne Ergebnis, die Unbekümmertheit kehrte nicht noch einmal zurück. »Die Spanier sind seit drei Jahren eingespielt«, sagte Löw, »wir seit sechs, sieben Wochen«.






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Kommentare

  • User
  • 08.07.2010 11:06:27 AbteilungAttacke

    Ah, wie erwartet der Niederlage-Thread.

    Werd' heute Abend noch was zur dazu schreiben. Leider deutet der Artikel mit "Mut" und "Frische" die Hintergründe der Niederlage nur an.

  • User
  • 08.07.2010 11:22:23 gelsenkirchen

    eben! die eigentlichen gründe lagen nämlich darin, dass die jungs von bundepräsidentenwahl, erhöhung der krankenkassenbeiträge, bob proberts tod während und billigen saturn-bahn-tickets im vorfeld der wm vollkommen ablenkt wurden! deswegen gelses forderung: 8 wochen sonderferien für wm und vorbereitung bundesweit, für alle! keine bundestagsdebatten, keine wahlen, nix! einfach mal die seele baumeln lassen!

  • User
  • 08.07.2010 11:53:36 lebowski

    Unterstütze ich!

  • User
  • 08.07.2010 12:04:44 brotsalami

    Genau, so wie in Frankreich 3 Monate Sommerferien für alle!

  • User
  • 08.07.2010 12:40:42 rumpler

    Schade, dass unsere Jungs wegen Feigheit vor dem Feind ausgeschieden sind und wieder mit leeren Händen da stehen.

    Aber die haben wohl die Supermotivationsparole des Trainers "Ziel erreicht, ab jetzt ist alles Zugabe" wörtlich genommen.

  • User
  • 08.07.2010 13:01:10 CRoberto

    Ich denke, Schuld ist der verdammte Krake.

  • User
  • 08.07.2010 13:41:55 Ursoph

    Danke, Jungs!

    Der Traum ist zu Ende.

  • User
  • 08.07.2010 14:06:04 curryeck

    Ich denke, Schuld ist der verdammte Krake.
    nö, DIE krake ist schuld. schuld sind immer die frauen...

  • User
  • 08.07.2010 14:16:14 Buthelezi

    Schade, dass unsere Jungs wegen Feigheit vor dem Feind ausgeschieden sind

    Ich vermute mal, die Kriegsrethorik soll lustig oder "ironisch" sein... Naja, jeder so wie er es kennt und mag. Mein Fall ist es absolut nicht.

    Spanien ist einfach die bessere Mannschaft. War sie vor dem Turnier und ist sie immer noch. Ist nicht so einfach gg. die gut auszusehen, wenn sie wirklich konzentriert und fokussiert sind.

    Schade drum, aber ab Sonntag abend können wir die Leistung bei diesem Turnier dann richtig einschätzen und mit Abstand sehen.

    Heute ist halt alles Kacke.

  • User
  • 08.07.2010 14:26:44 ditschi

    Zitat aus der schweizerischen Zeitung "Blick":

    "Ein logisches Ergebnis. Denn Deutschland ist sich untreu geworden. Noch am Vortag hat Trainer Jogi Löw gesagt, man habe keine Chance gegen diese Spanier, wenn man nicht offensiv spiele. Doch was macht sein Team? Es wartet ab. Und wartet ab. Und wartet ab."

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

  • User
  • 08.07.2010 15:28:55 Bergkamp83

    Nach den ersten 5, spätestens nach 10 Minuten war mir klar, dass das Spiel nur schwer zu gewinnen sein würde.

    Ich habe auf das Elfmeterschießen gehofft, aber nach dem Tor war mir klar, dasses nach 90 Minuten vorbei ist.

    Iniesta war Weltklasse. Özil, Podolski, Khedira waren Totalausfälle. Besonders von Özil kamen Null Impulse. Klose hing in der Luft. Schweinsteiger war stark. Trochowski hätte ich zur Pause schon rausgenommen.

    Alles n allem verdienter Sieg von Spanien. Perfektes Spiel.

  • User
  • 08.07.2010 20:21:40 AbteilungAttacke

    So, wie angekündigt, mein Statment: Versuchs kurz zu halten, wird aber nicht klappen.

    Prolog: Folgende Beobachtungen stellen natürlich nur meine subjektive Meinung dar. Sie sind nicht widerspruchsfrei oder unangreifbar. Sie erfolgen unbeschadet der unbestrittenen, spanischen Klasse sowie taktischen Gesichtspunkten, die zur deutschen Niederlage führte und der Binsenweisheit, dass es für Ereignisse selten monokausale Begründunsmodelle gibt.


    Zur Einleitung möchte ich einen Artikel erwähnen, auf den Hotte mich aufmerksam gemacht hat:
    Link
    Für die Lesefaulen: Deutschlands Niederlage lag allein an mangelnder Klasse seitens Deutschland, in der überlegenen Klasse Spaniens und ausdrücklich NICHT am mangelnden "Mut" der deutschen Mannschaft.
    Ohne den Artikel eingehender auseinander zunehmen, folgende, kurze Anmerkungen:
    - Spaniens Klasse ist unbestritten
    - Unbestritten ist daher auch, dass man Spanien nicht schlagen kann mit mehr Klasse. Keine Mannschaft der Welt besitzt diese.
    - Der Turnierverlauf Spaniens war - anders als z.B. 2008, alles andere als souverän und gibt diesbezüglich wichtige Hinweise.
    - Es gab in diesem Turnier mehr als eine Mannschaft, die den Spaniern mehr als Paroli bieten konnten, deutlich mehr als die deutsche Mannschaft, obgleich sie wohl unstrittig weniger Klasse sowohl als Spanien wie auch Deutschland besitzen.
    - In dem Halbfinale gab es nicht eine Gelbe Karte. An dieser Stelle schon mal die Wette, das van Bommel Gelb für Faul an Xavi oder Iniesta kriegt. Vermutlich in den ersten 5 Minuten.
    - Der Artikel ignoriert bewusst (im Text deutlich) die Anmerkungen so ziemlich aller deutschen Spieler

    Daher möchte ich einen anderen Geschehensablauf für die Ereignisse an diesem verhängnisvollen Morgen in Dalles bieten, liebe Geschworene. Weg von der "Oswald-Alleintäter/Spaniens Klasse"- hin zur "Verschwörungs/Deutschland hat die Hosen voll"-Theorie. Die These lautet: Das Spiel war in den Köpfen der Deutschen schon verloren, ehe es auf dem Spielfeld hätte verloren gehen können.

    Entscheidend für die Theorie sind die ersten Minuten des Spiels. Noch ehe Spanien Gelegenheit hatte, durch ihr Kurzpasspiel den Druck aufzubauen, gaben die Deutschen bereits einem Druck nach und überliessen quasi kampflos zwei Drittel des Spielfeldes dem Gegner. Zweikämpfe wurden nicht angegangen, das Spiel nach vorne nciht gewagt und wenn man die Gesichter der spanier genau studiert, kann man - abgesehen vom umbedingten Willen - Erstauen darüber sehen, wie leicht sie die Bälle in der deutschen Hälfte wiedereroberten. Das deutsche Spiel war von Anfang an vom - wie Siegenthaler es nennt - kulturellen Muster des Querverschiebens und des Wegbolzens geprägt. Sicher spielten die Spanier ein aggressives Pressing und sorgten dafür, dass aus Anfangsdruck ein Dauerdruck wurde. Doch zu keinem Zeitpunkt bis zur 70. Minute gelang es den Deutschen, ansatzweise entgegenzuhalten. "Den Schneid abkaufen" ist eine der schönen Redewendungen des Fussballs. Hier musste Spanien aber gar nichts kaufen. Die Deutschen schenkten es ihnen.

    Wenn es aber nicht der Druck der Spanier war, sondern ein bereits a priori vorhandener Druck, der diese Ausgangslage schuf, so stellt sich die Frage, woher dieser kam und warum er da war. Und hier sind die Beobachtungen im Vorfeld entscheidend:

    1. Vor dem Turnier hatte keiner mit so einer auftrumpfenden, deutschen Mannschaft gerechnet. Die Aussage, man gehöre zum "erweiterten Favoritenkreis" wurde auch selten und wenn mit kaum verholenem Zweifel geäussert.
    2. In der K.O.-Runde gegen England und Argentinien war Deutschland der Aussenseiter, im ersten Spiel weniger, im zweiten Spiel mehr. Hier gelang es einer deutschen Mannschaft offenkundig unbeschwert und frei aufzuspielen.
    3. Gegen Spanien jedoch erfolgte ein folgenschwerer Paradigmenwechsel. Vom Aussenseiter wandelte man sich - zumindest gefühlt - zum Turnierfavorit, mindestens Ebenbürtig mit Spanien. Dies ging nicht nur vom Umfeld, sondern auch und gerade von Spielern aus der Mannschaft selbst aus. Es fielen verräterische Sätze wie "den nächsten Schritt wagen" und "auf Augenhöhe"sein. Sätze wie "Spanien ist auf dem Papier besser" und "Argentinien ist auf dem Papier besser" - nahezu 1:1 so auf den PK's zu hören, unterschieden sich merklich im Ton. Bei manchen spukte sicher auch das Traumfinale von Holland gegen deutschland im Kopf herum. Unumwunden gaben einige Spieler zu, mit Spielern von Holland darüber kommuniziert zu haben - vor dem Halbfinale wohlgemerkt. Man kann dies nur gut verstehen: nimmt man die deutschen Fans und betrachtet ihre Reaktion, ist es nicht abwegig, sie umso mehr auf die deutschen Spieler zu projezieren. Die Strahlkraft fand sogar Beachtung im Ausland, wie man am Beispiel von socio del Barca schön sehen kann. Er fürchtete die deutsche Mannschaft. Wie lange ist es her, dass so eine Strahlkraft von einer deutschen Mannschaft ausging ? Diese Rolle hatte aber eine deutsche Mannschaft seit etlichen Jahren nicht mehr inne. Eine Überforderung war die Folge.
    4. Dieser "Rollen" - Wechsel entwickelte sich zum Supergau.
    a) Das immer zur Schau getragene Selbstbewusstsein zeigte Risse bereits im Spiel gegen Ghana. Es war sicher da, aber alles andere als gefestigt. Es war wenn, dann nur oberflächlich gegeben. Zwischen Wissen um das eigene Können und Selbstbewußtsein, dieses Können auch in und gegen die Umwelt einzusetzen, besteht ein Unterschied. Die deutschen Spieler lieferten dafür ein schönes Beispiel.
    b) Solchermaßen war es für die deutsche Mannschaft 'bequem', locker gegen England und Argentinien aufzuspielen. Niemand erwartete etwas, nichts lag in Griffreichweite und niemand hätte bei Ausscheiden enttäuscht zu sein brauchen.
    c) Im Halbfinale jedoch ist das Finale in greifbarer Reichweite. Bei manchem deutschen Spieler - so etwa Lahm - konnte man förmlich bei Anpfiff die Gedankenblase aufploppen sehen: Oh scheiße, ich kann ja das finale erreichen...
    d) Hinzu kommt, dass diese deutsche Mannschaft den Nimbus mit sich rumschleppt, den deutsche Mannschaften seit 1998 haben: Keine große Mannschaft mehr, (Mit)Favorit nur auf Grund der Geschichte. Vergleicht man das mit - ironischerweise - dem Selbstverständnis von Mannschaften wie Argentinien und England ergibt sich ein starker Kontrast.
    e) Psychologisch tödlich erwies sich die Tatsache, dass Spanien der Gegner war - eben jener Gegner, der der Mannschaft noch 2008 eine wahre Lektion erteilt hatte.
    f) Es gibt weitere, kleine Hinweise: Vorm Argentinienspiel attackierte Schweinsteiger den Gegner, vorm Spanienspiel tat dies Lahm nolens volens. Eine solche Aktion - egal wie man sie bewertet - verrät vor allem mangelnde Konzentration und (wie sich zeigte, zu großes) Selbstbewußtsein.
    5. Dies alles führte zu einer nachvollziehbaren Kettenreaktion: Der Vermischung des "Underdog"-Bewusstseins mit dem Wiedererstarken des "Auf Augenhöhe sein"-Gedankens. Wie und in welchem Verhältnis diese beiden Faktoren mit- und zueinanderstehen,ist müßig. Einiges spricht dafür, dass der "Favoritengedanke" überwiegte, den deutschen Spielern aber offenkundig die Fähigkeit fehlte, damit umzugehen. Das Resultat ist aber eindeutig: Der Rollenwechsel überwältigte das Selbstbewusstsein, überforderte die deutsche Mannschaft und führte zu eben jener Lähmung, die von Minute 1 an die Deutschen erfasste. Glänzend aufspielende Spanier taten das ihrige dazu, dass Deutschland nie eine Chance hatte.
    Als Sinnbild mag das tor dienen: Puyols Kopfball war ein reiner Akt des Willens. Spanien hatte ihn. Deutschland nicht.

    Schluss:
    Diese Ausführungen sollen keineswegs die Leistung Spaniens schmälern oder die Niederlage Deutschlands rechtfertigen. Mit ziemlicher Sicherheit hätte sich Spanien, die einen guten Tag erwischt hatten, auch gegen die deutsche Mannschaft durchgesetzt, wenn diese nicht vor Ehrfurcht erstarrt wären. Und wie gesagt kamen taktische Gesichtspunkte hinzu, Wichtig aber ist, dass die Deutschen aus dieser Niederlage ebenso lernen, wie 2008. Und die Schlussfolgerung muss sich zwangsläufig aauf Folgen für den mentalen Bereich beziehen.

  • User
  • 08.07.2010 20:22:26 AbteilungAttacke

    Uff, langer Text. Wer die Kraft hat, möge ihn lesen und antworten ^^

  • User
  • 08.07.2010 23:27:05 Catilina

    Zu lang, zu komplex - Fußball ist keine Raketenwissenschaft. :-)

    Außerdem scheint mir der Troll von heute morgen eher ein Xberger Latte Macchiato-Autonomer.

    Die mentale Verfassung, in der eine Mannschaft in ein solches Spiel hineingeht, ist ein Buch mit sieben Siegeln. Beispiel: Das beste deutsche Länderspiel aller Zeiten, das 3-1 gegen England im Wembley. Vor dem Spiel waren alle Spieler der Meinung, sich in einer desaströsen mentalen Verfassung zu befinden.

    Umgekehrt war die Nationalmannschaft, die im Sommer `82 in Gijon Quartier bezog, voller guter Dinge, strotzte vor Selbstbewußtsein. "Mit schönen Offensivspielen dem Fußball neue Impulse geben" (Derwall). Was folgte, war ein durchwachsenes Turnier, nicht ohne heroische Momente, aber letzten Endes moralisch diskreditiert. Der Optimismus der Spieler war fadenscheinig. Die Bayern hatten das Rotterdamer CL-Finale unglücklich gegen Aston Villa verloren, schon während des Trainingslagers am Schlucksee hatten sich Verfallserscheinungen offenbart.

    "Mentale Verfassung" ist ein Unsicherheitsfaktor, den es so weit als möglich auszuschalten gilt. Euphorie kann genauso schädlich sein wie Anspannung. Beide Eigenschaften können unter anderen Bedingungen aber auch beflügelnd wirken. Es gibt Spiele, in denen sich die mentale Verfassung drei- oder viermal ändert. Das ist schlecht, aber es ist so.

  • User
  • 08.07.2010 23:38:41 Catilina

    Vielleicht ist es auch so, daß man die Wechselfälle eines Fußballspiels nicht anders erklären kann, als in der Schaumsprache individueller Befindlichkeit.

    Die Mannschaft war ängstlich/überheblich

    " " zögerlich/übermotiviert

    (anders gesagt: Riskante Pässe, die zu Ballverlusten führten/ Quergeschiebe, Sicherheitspässe)

    Manchmal gibt ein Tor Sicherheit, ebenso oft ist es aber vorgekommen, daß eine Mannschaft, nachdem sie ein Tor erzielt hatte, erschlaffte und dem Gegner die Iniative überließ. Es gibt keine Fußballweisheit, von der nicht zugleich das Gegenteil wahr wäre. :(

  • User
  • 08.07.2010 23:47:42 AbteilungAttacke

    @ catilina
    fussball ist keine raketenwissenschaft, stimmt. aber erfolg im fussball ist planbar und wer nicht aus der geschichte lernt, ist verdammt etc.
    werde morgen nochmal genauer ausführen, welche lehren man aus der niederlage m.E. ziehen muss...

  • User
  • 09.07.2010 00:10:52 Catilina

    aber erfolg im fussball ist planbar

    In den Halbfinalspielen

    Deutschland vs. Frankreich (1986)

    Italien vs. Deutschland (2006)

    Spanien vs. Deutschland (2010)

    siegten Mannschaften, die in dem Spiel ihre wirklich erste überzeugende Turnierleistung ablieferten - gegen Gegner, die ihr Bestes bereits verausgabt hatten (und zwar bei Spielen gegen ähnlich hochkarätige Gegner. Zwei davon hintereinander, und beim Dritten ist man höchstwahrscheinlich fällig).

  • User
  • 09.07.2010 00:20:52 Catilina

    Gegen die Roten hätte wahrscheinlich nur Beten und ein frühes Tor geholfen, und Paraguay wäre in der Manier von 2002 bezwungen worden - mit dunklen Vorahnungen in Richtung Finale.

  • User
  • 09.07.2010 00:51:28 emporkömmling

    Die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs im Fußball ist mittels langfristig guter, umfassender Vorbereitung planbar, nicht aber der Erfolg an sich.
    Dafür gibt es im Fußball einfach zuviele Zufälle & ohne Glück geht kaum was. Das mag man romantisch oder furchterregend finden, ändert aber nix.

    Beispiel Halbfinale:
    Hätte Kroos die einzige deutsche Chance verwertet, weil er den Ball vielleicht unsauber getroffen und so aus Versehen ins lange Eck geschmiert hätte...
    Oder noch ein "hätte": Möglicher Elfmeter in der 45. für die Berührung an Özil an der Strafraumkante, gab schon mehrere Schiris bei dieser WM, die das gepfiffen hätten, reine Glückssache.
    Vermutlich hätte der Löwjogi dann nur noch Klose vorne rumsprinten lassen, alle anderen hätten hinten noch mehr dichtgemacht. An neun Verteidigern kann auch Spanien schon mal scheitern. Schließlich noch ein Konter in der 88. zum 2:0 und alle Welt jubelt über die ach so abgeklärten Deutschen, die á la Muhammad Ali weiland in Kinshasa den Gegner erstmal anrennen lassen, mit (dann so interpretierter) "perfekter Verteidigung" hinten dicht machen und zielgerichtete Nadelstiche setzen. "Was eine taktische Meisterleistung" hätten BILD & auch seriösere Kolumnisten gejubelt.
    Und noch in Jahrzehnetn hätte man sich neben de Fußballfest gegen Argentinien an die bestandene Reifeprüfung gegen Spanien entschieden

    Tscha, und alles nur wegen eines versehentlichen Kroos-Tores oder eines etwas (zu) sensiblen Schiris...

    Unangenehme Vorstellung, muss ich sagen. Aber es gab ja doch einen Fußballgott. Oder so.
    ;-)

  • User
  • 09.07.2010 02:15:00 Catilina

    mit (dann so interpretierter) "perfekter Verteidigung" hinten dicht machen und zielgerichtete Nadelstiche setzen.

    So wie gegen Rußland im letzten WM-Qualifikationsspiel. :-)

  • User
  • 09.07.2010 09:38:39 CRoberto

    Ich ziehe meine Meinung bzgl. der Krake zurück und schließe mich der knallharten Analyse von AbteilungAttacke an.
    Danke dafür.

  • User
  • 09.07.2010 09:55:21 gelsenkirchen

    die schweiz hat doch gezeigt wie man als unterlegener gegner den haushoehen favoriten schlagen kann: indem man hochkonzentriert defensiv spielt und die angriffsbemühungen des gegeners immer und immer wieder abprallen. dann den entscheidenden nadelstich setzen (hier ebenfalls konzentriert zu werke gehen!).

  • User
  • 09.07.2010 10:04:19 penalty

    jawoll, holt wieder frings und ballack zurück und dazu am besten noch so strategen vom kaliber kohler, körbel, vogts. und vorne hilft der liebe gott oder klose oder eine haarsträubende verkettung von für die spanier unglücklichen zufällen. da wird das schon.

  • User
  • 09.07.2010 10:57:07 AbteilungAttacke

    @Gelsen

    Hat Deutschland vom Prinzip her doch auch versucht. Man denke doch nur, es wäre, wie emporkömmling beschrieben hätte: Elfmeter und Rote Karte nach Özil-Foul oder gar Toni schiesst das 1:0... das wäre sowas von unverdient gewesen, weil Spanien klar klar klar die bessere Mannschaft gewesen ist. Hätte ich mich darüber beklagt ? Vermutlich nicht. Aber mein Gerechtigkeitssinn wäre im Dreieck gesprungen.

    @ Catilina

    "Erfolg kann man planen" ist ein direktes Zitat vom Urs Siegenthaler. :) Der meint es sicherlich auch eher im stochastischen Sinne.

    Aber in einem Punkt spielst du mir schön den Ball zu - und zwar mit dem 3:1 Sieg über England. Genau so einen "Wendepunkt" könnte diese WM werden, wenn Jogi aus der Niederlage lernt.
    Denn vor dem SPiel galt der Zustand der deutschen Mannschaft als schlecht. Danach setzte eine lange, sehr lange Phase mit nur wenigen Unterbrechungen ein, wo die deutsche Mannschaft gefürchtet war, nicht zuletzt wegen ihrer mentalen Stärke (Das SPiel gegen Deutschland ist erst mit der Schlussminute vorbei)

    Es ist doch so: Seit 1998 geht die deutsche Mannschaft im Büßergewand umher. Es komtm soweit, dass man sich bis auf die Knochen blamiert (2000 und 2004) und sich sogar für den Einzzug in ein WM-Finale entschuldigen muss (2002). Diese mentale Grundeinstellung muss sich ändern.

    Nach 2008 zog Jogi die richtigen Schlüsse: Überalterte Mannschaftsteile wurden ersetzt und sich bemüht, mehr Spielqualität in die Mannschaft zu bringen.
    Kann dies dieselbe Lektion aus der Niederlage sein ? Mitnichten. Denn erstens ist die Mannschaft bereits radikal verjüngt, zum zweiten ist das spielerische Potential Deutschlands mit Özil, Kroos, Müller hinreichend erschöpft. Man KANN Spaniens Klasse nicht dadurch schlagen, indem man selbst größere Klasse aufs Geld schickt. Brasilien kann das, wir nicht. Und früher schlug man spielerisch überlegene Mannschaften mit körperlichem Einsatz und mentaler Stärke.

    Deshalb kann die Schlussfolgerung aus meiner Sicht aus der Niederlage 2010 unter anderem nur lauten, den mentalen Bereich zu verstärken. Dies wiederum kann nur geschehen, indem man der deutschen Mannschaft wieder die Favoritenrolle einimpft. Nur Müller, Lahm und Schweinsteiger fallen mir ein,die - und auch recht bescheiden - den Pokal vorm Turnier forderten. Die ganze Mannschaft muss aber dahin gehend geeicht werden, ein wirkliches, nicht nur oberflächliches Bewusstsein des "Wir sind die Besten und wir besiegen jeden Gegner" zu entwicklen. Kein "Wir können jeden schlagen" oder "Wir sind schwer zu schlagen." Das ist zu wenig. Und die WM mit ihren Triumphen über England und Argentinien scheint mir der rechte Impetus, um dies nun zu bewerkstelligen. Wenn Jogi denn auf diesem Bereich genauso lernfähig ist, wie auf dem taktisch-spielerischen Bereich.
    Natürlich ist da auch die Kehrseite. Wer mit so einem Selbstverständnis auftritt, steht umso mehr gegen jeden Gegner unter Druck. Aber genau darum geht es. Nur unter ständigem Druck gewöhnt man sich an diesen. Die Spanier sind 2010 ein schönes Beispiel dafür. Sie entscheiden ihre Spiele weniger durch ihre spielerischen Fähigkeiten (die natürlich grundlegende Voraussetzung sind) als vielmehr durch die Fähigkeit, dem Druck des Topfavoriten stand zu halten. Gegen die Schweiz ging das in die Hose, aber gegen Portugal, Paraguay, Chile und eben auch gegen uns klappte das vorzüglich. Es schützt auf jedenfall davor, auf einmal einer Situation wie die Deutschen vorm Halbfinale gegenüberzustehen, wo genau dieser Druck m.E. über die deutsche Mannschaft hereingebrochen ist.

    P.S.: Für die "Deutschen hatten Angs"-Theorie gibt es mittlerweile soviele Hinweise, dass der Spiegelartikel mit jedem Tag an Wert verliert. So hat der die DFB-Elf betreuende Psychologe angedeutet, dass viele Spieler besonders nervös vorm Halbfinale waren. Und schliesslich sind da noch die Kronzeugen Iniesta und Xavi, die von "Nervosität" und explizit "Angst" der Deutschen gesprochen hatten.

  • User
  • 09.07.2010 11:02:46 Arthur77

    Attacke, ich finde deine Analyse recht treffend. Allerdings ist hinzuzufügen, dass Spiele eine Eigendynamik entwickeln können, der sich schwer zu entziehen ist. MaW: Selbst wenn die Deutschen mit einer angemesseneren mentalen Verfassung ins Spiel gegangen wären, hätte der Spielverlauf ähnlich sein können, da nunmal die Spanier ihre Anfangsnervösität (die im WM-Halbfinale wohl völlig unvermeidlich ist) schneller überwunden haben. Und selbstsichere Spanier die ihre Passmaschine erstmal auf Hochtouren gebracht haben, sind nicht die geeigneten Gegner, um eigene Nervösität im Spiel zu überwinden. Ich hätte mir ein paar Fouls nach 15, 20 min gewünsch, Zeichen setzen und blablabla. Vielleicht, aber nicht wahrscheinlich, hätte man damit den fatalen Gleichklang von spanischer Sicherheit und deutscher Unsicherheit durchbrechen können. Andererseits sind Iniesta und co es gewöhnt, von Gegnern umgemäht zu werden, sei es aus taktischem Kalkül oder aus Frust.

    @Gelsenkirchen: Wenn ich Attacke richtig verstehe, dann war für ihn einer der Hauptfaktoren für die Niederlage, dass wir eben nicht gegen "haushohe Favoriten" gespielt haben - jedenfalls in der Wahrnehmung vor dem Spiel nicht.

    Mein Fazit: Kontinuität, und dann können wir 2012 und 2014 ein Wörtchen mitreden.

  • User
  • 09.07.2010 11:10:34 King Lui

    Inhaltlich nicht entscheidend,aber aus Neugier mal gefragt:

    Nach 2008 zog Jogi die richtigen Schlüsse: Überalterte Mannschaftsteile wurden ersetzt

    Was/wenn hattest du da im Sinn?

  • User
  • 09.07.2010 11:51:06 Catilina

    So - jetzt können wir uns darauf einigen,

    1) daß kein Fußballspiel wie das andere ist

    2) daß man gegen einen starken Gegner zuweilen verliert

    3) daß es - zumindest was das Resultat anbetrifft - schlimmer hätte kommen können

    4) daß also Löw vielleicht genau das Richtige getan hat

    5) daß man den Ausgang des Spiels nicht ändert, indem man es hinterher zerredet

    Hier ist viel Richtiges und Wichtiges gesagt worden, aber langsam ist es an der Zeit, die Gesprächstherapie zu beenden.

  • User
  • 09.07.2010 11:55:15 curryeck

    "Nach 2008 zog Jogi die richtigen Schlüsse: Überalterte Mannschaftsteile wurden ersetzt"

    bei lehmann war ja eh klar, dass er zurücktritt. bei den feldspielern fällt mir nur frings ein. ballack wäre mit dabei gewesen, metzelder und hitzlsperger (beide 28) haben sich wegen schwacher leistungen rausgespielt.

    ansonsten muss man auch von der leistung und vom potential her erstmal junge spieler haben, die besser sind als die "alten".

    ich denke schon, dass klasse für das "siegergen" wichtig ist. wenn zwei mannschaften ein system ähnlich gut beherrschen, entscheiden dann die individuellen fähigkeiten von instinktfussballern wie özil. kroos wäre auch einer, der den unterschied machen könnte.

  • User
  • 09.07.2010 11:57:17 Catilina

    Eins noch: 8 Tore in 2 K.O.-Spielen. 8 Tore, richtig verteilt über 4 K.O.-Spiele, und man ist, sofern man hinten wenig zuläßt, Weltmeister.

    1986 reichten der deutschen Mannschaft 8 Treffer, um die Vorrunde zu bestreiten, die K.O.-Spiele zu überstehen und im Finale den Argentiniern knapp zu unterliegen.

  • User
  • 09.07.2010 11:58:57 gelsenkirchen

    ich denke man wird in zwei jahren für wichtige positionen genug alternativen haben! im sturm kommt noch sandro wagner dazu, es gibt noch gonzalo castro, innenveteidiger die erwähnten höwedes und hummels. das ist schon okay was sich da in den nächsten jahren zusammenfindet. man sollte nur auch das ende der entwicklung nicht verpassen und die mannschaft dann, wie sie ist, stärken, damit man selber dem gegener ein spiel aufzwingen kann!

  • User
  • 09.07.2010 12:16:59 penalty

    also attacke,
    du mit deinem nicht gegebenen özil-elfer, echt mal... haarsträubend ;)... da müßte es in jedem spiel elfer hageln.

  • User
  • 09.07.2010 12:26:54 GTEvo

    Gottmar Hitzfeld war Schuld!

    Hätte der "gewiefte UNmoderne Taktiker" nicht gegen Spanien mit der OttoRehhagel glücklich gewonnen, wäre Löw niemals auf die Idee gekommen und hätte uns so destruktiv eingestellt.
    Ich bin mir sicher das Löw und Hitzfeld vor dem Spiel einige Male telefoniert hatten um wertvolle Tipps (welche Wurstspezialitäten zum Frühstück haschtdu den Jungs gegeben))ausse Heimat vom Verteidigungsminister aus Lörrach einzuholen^^

    Mertesacker hat Libero gespielt! Der Rest Völkerball

    Fußball ist keine Mathematik, alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei
    Holger

  • User
  • 09.07.2010 12:46:32 AbteilungAttacke

    @ curryeck

    Einer der seltenen Momente, wo ich die zustimme.
    Aber ist ja auch nicht in der WM-Geschichte neu, dass Hurra-Mannschaften dann mit Bausch und Bogen aus dem Turnier fliegen, wie etwa Holland 2008. Da hat Deutschland eine bessere Figur gemacht.

    @ King Lui

    Das Durchschnittsalter wurde radikal gesenkt in der Breite. Auch mit Ballack wäre das Team immer noch verdammt jung gewesen. Daher war meine "Verjüngungsbemerkung" auch abstrakt gemeint. Die Implikationen, die dahinter stehen bezüglich Mannschaftsgefüge und Mannschaftshierarchie, kann man nur erahnen. Fakt ist aber, dass der Teamgeist 2010 dem von 2008 überlegen ist.
    Und hier kann man es in der Tat an Ballack und Frings festmachen. Ballack wurde in dem Sinne nicht "entfernt", nur seiner Rolle bei Chelsea entsprechend ins defensive Glied beordert. 2008 spielte im Finale auf der Position von Ballack Mesut Özil.

    @ Gelsenkirchen

    Das ist leider ein ganz neues Fass. Neben der von mir geforderten "geistig-moralischen" Wende im Team muss natürlich die spielerische Entwicklung weitergehen. Und hier sehe ich einiges, was knirscht. Denn man hat doch zwei Vorgaben, die diese WM zeigt:

    1. Ein eingespieltes Team. Deutschland während der WM-Quali war ein einziges Personalkarussell. Holland und Spanien hingegen hatten recht feste Kader.
    Auch ist es wohl kein Zufall, wenn direkt nach dem Spanienspiel Löw, Schweinsteiger und Zwanziger, in unterschiedlicher Formulierung aber doch im Kern übereinstimmend sagen: Für eine taktische Abstimmung untereinander braucht man mehr Zeit. Schweinsteiger sprach sogar explizit davon, dass ein paar Wochen dafür zu wenig sind. Das fimiert dann unter dem Topos "Eingespielt sein".

    2. Auf der anderen Seite ist natürlich die spielerische Klasse entscheidend. und hier werden sich zwangsläufig Baustellen auftun.
    a) Man muss einen Ersatz für Arne Friederich finden udn diesen dauerhaft installieren, wenn man die Zukunft 2012 und vor allem 2014 im Auge behalten will..
    b) Wir brauchen dringend einen guten Außenverteidiger auf Links. Castro wurde da schon genannt.
    c) Poldi steht für mich zur Dispostion. Leider nicht für Löw. Und Anti wird Recht haben - der Lukas macht gegen Traktor Jerusalem wieder 3 Tore und bleibt im geschäft.
    d) Michael Ballack. Ihn unterzubringen klingt auf den ersten Blick leicht, auf den zweiten BLick ist es das leider nicht. Mal abgesehen davon, dass er nach 2012 weg vom Fenster ist, habe ich zumindest arge Bedenken bezüglich des Mannschaftsgefüges. Und selbst wenn Ballack eine Stärkung ist -wovon ich ausgehen möchte - stehen wir 2012 wieder vakant da.
    f) Miroslav Klose ist dasselbe in Grün. Bis 2012 da, danach weg. Es werden dringend Stürmer gesucht. Ein Systemwechsel könnte helfen.
    e) Kern- und Angelpunkt ist aber Özil. Wir spielen dieses 4 -2-3 -1 nur seinetwegen. Es wird sich zeigen, ob der die Konstanz besitzt, die ein Weltstar braucht. Hat er die nciht, muss man über Ersatz (Kroos) oder gar einen Systemwechsel nachdenken.
    Bisweilen frage ich mich, ob Schweinsteiger und ein flexibleres 4 - 3 - 2 - 1 nicht die bessere Lösung wäre. Warum nicht wie die Spanier mit einem 4 -1 - 3 - 2 spielen ? Mit Ballack als defensiver 6 und Schweinsteiger auf der Özilposition, aber halt mit zwei Stürmern. Gegen offensiv stärkere gegner wird dann wieder auf ein Mittelfeld mit zwei "6ern" umgeschwenkt.
    Selbst wenn man nicht in allen Punkten mit mir übereinstimmt, gibt es doch mehr als genug 'offene Baustellen' nach dem WM-turnier. Und dies steht doch im Widerspruch zum eben geforderten "Einspielen" der Mannschaft. Löw steht da die Quadratur des Kreises bevor. Allein Lahm und Schweinsteiger als Grundgerüst sind jedenfalls zu wenig.

  • User
  • 09.07.2010 14:27:44 Schutzschwalbe

    Der Mannschaft fehlte im Halbfinale schlicht der "Mumm", und wahrscheinlich auch der Müller.

    Für mich ist es wirklich unverständlich, wie es dazu gekommen ist. Favorit/Underdog gibt es in einem WM-Halbfinale nicht mehr. Das Spiel der Spanier kannte man doch, es gab da kein Überraschungselement. Löws Entschuldigung (?) des fehlenden "Eingespieltseins" genügt mir nicht, es ist unbestreitbar, dass Spanien insgesamt mehr individuelle Klasse hat (7 Barcelona- und 4 Real-Spieler, die es zusammen auf 157 Titel bringen), aber diese Angst- und Untergangsstimmung in der deutschen Mannschaft im entscheidenden Moment hat alles verhindert. Unverzeihlich.

    Natürlich war es ein geiles Turnier, einschließlich der Leistung, mit Argentinien endlich mal wieder ein Top-Team geschlagen zu haben, aber im entscheidenden Moment sich so zu verkriechen, ist einfach nicht in Ordnung.

    Als Portugal gegen Spanien das 0:1 kassiert hat und sich überhaupt nicht gegen die Niederlage gewehrt hat, meinte ein österreichischer Bekannter, die Deutschen würden doch in einer solchen Situation kämpfen und rennen und auf den Ausgleich drängen bis zum Schluss. Ich habe ihm da zugestimmt - so kann man sich täuschen.

  • User
  • 09.07.2010 15:08:08 oberhofer

    Einspruch! Die Deutschen haben bis zum Schluss auf den Ausgleich gedrängt, im Rahmen dessen was Spanien an diesem Abend zugelassen hat. Und ich fand sie klar besser als Portugal in deren Spiel gegen Spanien.

  • User
  • 09.07.2010 15:18:25 AbteilungAttacke

    Stimmt. Portugal war das einzige Team, dass im "schweizer Modell" schlechter aussah als die Deutschen nach dem 0:1. Man hatte den Eindruck, CR und Co hätten den Spielstand verdrängt.

    Fairerweise muss man sagen, dass Spanien danach Nerven oder Kalkül (je nach Interpretation) zeigte, weil es nach der 70. Minute Deutschland quasi das Feld überliess. Einen Druck wie die Deutschen dann auf das spanische Tor in den folgenden 15 Minuten entwickelten, konnte man im ganzen Turnier nicht sehen.

    Klar, aus den hohen Bällen aus dem Halbfeld auf Klose und Gomez Birne geschlagen kam nix heraus - nur ist es eigentlich unüblich, dass die Spanier 3-4 solcher Flanken am Stück zuliessen.

    Die Druckphase der Deutschen führte ja sogar dazu, dass der Ballbesitz gegen Ende des Spiels nahezu ausgeglichen war. (zumindest wenn die Jungs beim ZDF richtig beobachtet haben)

  • User
  • 09.07.2010 15:19:30 AbteilungAttacke

    Ja da vertraut man EINMAL den Videotext... Laut Datenbank waren es nun 44% zu 56%.

  • User
  • 09.07.2010 15:23:44 AbteilungAttacke

    Naja immerhin besser als bei Portugal (62% zu 38%) und Paraguay (65% zu 35%)

  • User
  • 09.07.2010 17:23:59 AbteilungAttacke

    Wenn ich mir Hansi Flick in der PK ansehe, bekomme ich Magenschmerzen.
    "Nein, man hätte nicht härter in die Zweikämpfe gehen können";
    "Man muss zufrieden sein".
    Die ganze Körpersprache, das ganze Gebärden, wahrlich schwach, nahezu hilflos. Den spanischen Sieg konnte oder wollte er nicht erklären. Den 3.Platz hält er vermutlich wirklich für einen Erfolg.

    Lahm wirkte wenigstens frustriert und man merkte, dass er das Spiel um Platz 3 schön zu saufen versuchte. Das mit der Spielführer-Binde und Ballack ist aber ein Bumerang. "Ich werde nie über einzelne Personalien was sagen, öffentlich". Hm, die Sache mit "Ich will Kapitän bleiben"-Aussage ist ziemlich öffentlich und äußert sich über gleich zwei Personalien: Ballacks und seine.

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