Günter Hermann über die WM-Ersatzbank
»Man hat mich gebraucht!«
Interview: Alex Raack Bild: Imago
Fußball-Deutschland kennt Günter Hermann als als den Weltmeister ohne Spiel. Der ehemalige Bremer über das Turnier 1990, falsche Tipps von Jörg Wontorra, die Bayern-Lobby und das verpasste Spiel gegen Kolumbien.
Günter Hermann, jetzt mal ehrlich: Hat man Sie eigentlich gebraucht bei der WM 1990?
Diese Frage schon wieder! Natürlich hat man mich gebraucht, ich war Teil eines erlesenen 22-Mann-Kaders und Teilnehmer einer Weltmeisterschaft. Wenn man mich nicht gebraucht hätte, wäre ich doch erst gar nicht mitgefahren.
Das heißt, Sie können meine Frage nicht verstehen?
Ganz genau. Was sollen die ganzen Fragen nach dem Weltmeister ohne Spiel? Solche Fragen stellt man sich nur in Deutschland, in Italien ist jeder, der Teil eines WM-Kaders war, ein absolut gleichwertiger Weltmeister. Man gewinnt so ein Turnier eben nur als Mannschaft und nicht mit den elf besten Spielern.
Ihre »Leidensgenossen« 2010 heißen Dennis Aogo und Serdar Tasci. Die haben doch sicherlich eine miese Zeit, so einsam auf der Ersatzbank...
Quatsch. Die werden sich im Training voll reinhängen und versuchen auf sich aufmerksam zu machen. Es kann doch immer passieren, dass sich ein Mitspieler verletzt oder gesperrt wird. Auf diesen Moment hofft man als Ersatzspieler. Allerdings ohne es den Kollegen zu wünschen.
Zeichnet es eine gute Turniermannschaft aus, wenn auch die Ersatzspieler zufrieden sind?
Absolut. Denken sie an die Weltmeisterschaften 1982 oder 1986! Wie es da gekracht hat. Oder 1994 mit Effenbergs Mittelfinger als Höhepunkt. 1990 in Italien haben wir bei der ersten Trainingseinheit gemerkt: Diese Mannschaft passt zusammen wie Arsch auf Eimer. Jetzt, in Südafrika, kann man diesen Spirit, diese Gemeinschaft, bis nach Deutschland spüren.
Vermutlich auch, weil der Trainer so oft mit den Spielern spricht, oder?
Wie das Jogi Löw macht, kann ich nicht sagen. Aber der Franz (Beckenbauer, d. Red.) hat nicht viel mit uns gesprochen. Der hatte schon frühzeitig klar gemacht, wer seine besten 12, 13 Spieler sind. Da war es eigentlich unmöglich, sich noch in den Vordergrund zu spielen.
Dabei wären Sie beinahe zu einem Einsatz gekommen.
Stimmt, im letzten Gruppenspiel gegen Kolumbien. Andy Brehme war gesperrt, ich sollte als sein Ersatzmann auflaufen. Jörg Wontorra hatte mir gleich nach der Pressekonferenz vor dem Spiel gesteckt, dass ich gute Karten hätte, auch Beckenbauer wollte mich bringen.
Und was passierte dann?
Genau darüber wollte der Spielerrat mit Beckenbauer reden. Dumm für mich, dass im Spielerrat drei Bayern-Spieler saßen. Gegen Kolumbien saß ich auf der Bank und Hansi Pflügler stand auf dem Platz.
Die Bayern-Lobby! Sie müssen fuchsteufelswild gewesen sein!
Ach was, das schluckst du runter und gut ist. Wir waren schließlich nach Italien gefahren, um Weltmeister zu werden und nicht um Günter Hermann spielen zu sehen.
Aber ein wenig stört es Sie doch, dieses Image als Weltmeister ohne Spiel.
Mich stört nur, dass Journalisten auch 20 Jahre danach noch diese Keule auspacken. Vor der WM habe ich in einem Interview gesagt, es sei falsch in so einer jungen Mannschaft auf einen erfahrenen Mann wie Torsten Frings zu verzichten. Jetzt, nach dem Sieg gegen Argentinien, schrieb eine Zeitung: »Und das muss ausgerechnet der Hermann sagen!«





