Die Geschichte der Fußballfans

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30.06.2010

Wie die Sender aus Südafrika berichten

Live aus dem Serengeti-Park

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Meine Damen und Herren, liebe Neger! Die Reisereportagen, die die Sender zwischen die WM-Spiele streuen, atmen die muffige Luft des Spätkolonialismus. Dirk Gieselmann fragt sich: Wann schalten wir endlich ab?

Wie die Sender aus Südafrika berichten - Live aus dem Serengeti-Park


Afrika: Sonne, Sand, Giraffen. Jeeps, die den Giraffen hinterher fahren. In den Jeeps: Weiße Frauen mit betroffenem Gesichtsausdruck. Und schwarze Ranger, die wissen, wo die Giraffen sich aufhalten. Die weißen Frauen wollen verstehen. Oh, geheimnisvolles Afrika!



Wir kennen das aus den Tagen nach Weihnachten, wenn im ZDF das »Traumschiff« wieder ablegt und zu fernen Gestaden aufbricht. Fern – und doch so nah. Denn mit dem Gänsebraten im Bauch ist uns nicht nach einem Telekolleg in Anthropologie zumute. Wie die Menschen in den Zielländern des öffentlich-rechtlichen Luxusliners wirklich leben – wer will das schon so genau wissen? Und deshalb ist stets ein Ensemble mit an Bord, das in der Lage ist, das deutsche Theater überall in der Welt aufzuführen.

Auf dem Schiff, in der Klinik, im Forsthaus

Es ist im Grunde egal, dass sich das Ganze auf einem Schiff abspielt, es könnte auch in einer Klinik oder einem Forsthaus sein: erwachende Liebe, zerbrechende Liebe, gekittete Liebe. Das Erstaunliche ist, dass das Traumschiff nicht strandet, so seicht sind die Gewässer, in denen es herumtuckert. Wenn es absichtsvoll dann doch mal anlegt, pausiert die Liebe für einige Minuten, und wir sehen jene Bilder: Giraffen, Jeeps, betroffene Gesichtsausdrucksfrauen, gebatikte Tücher wehen im Fahrtwind. Und ein sensibler Hubschrauberpilot fliegt so nah heran, dass man die Tränen in den Augen der Giraffen sieht.

Mit dem gleichen ästhetischen Konzept sind die Sender nun zur WM nach Südafrika ausgerückt. Die Frau im Jeep ist diesmal Franziska van Almsick, die früher mal »Franzi« hieß und als schwimmender Frechdachs in Deutschland weltberühmt war. Sie jeept durch Wildtierreservate, sie jeept in Hüttendörfer, in Townships, sie jeept zu denen, die in Südafrika wohnen – den Südafrikanern. Dass ihr das Wort „Ureinwohner“ noch nicht über die Lippen gekommen ist, muss erstaunen: Denn so scheint sie die Arglosen zu sehen, die sie überfallartig besucht. Das sind die, die hier waren, bevor sie kam. Fernsehkolonialismus, von unseren Gebühren getragen.

Van Almsick, dieser Dieter Kronzucker der im Sterben liegenden Auslandskorrespondenz, kann, wiewohl ihr jede Fachausbildung fehlt, eines ganz gut: die Mimik anpassen. Sie wählt dabei zwischen zwei Stufen. Stufe 1: Mitleidsfalten, wenn jemand sich keinen Plasmabildschirm leisten kann. Stufe 2: Der »Schön, bei euch zu sein«-Blick, wenn die »Menschen«, wie sie sie mit maximaler Einfühlsamkeit nennt, fließend Wasser und einigermaßen gute Laune haben.

Sinnentleerte Formeln mit Frechdachs Franzi

Wird etwas aber zu komplex (also mindestens drei verschiedene Gefühlszustände), reicht das Mienenspiel der Laienreporterin nicht mehr aus. Dann muss Sven Kaulbars ran. Der »Storymacher«, wie die ARD ihn vollmundig nennt, ist der Mann fürs ganz große Afrika-Kino. Er hat sich offenbar allzu intensiv mit Schnittprogrammen befasst und collagiert nun zügellos angebliche Voodoo-Priester mit Trainingseinheiten in Velmore. Einziges Manko: Es ist nicht verstehbar, was diese mit sinnentleerten Formeln aus dem Off (»Löööööööööw!«) unterlegten Filmchen sagen wollen. Was man immerhin mitnimmt: Kaulbars hat sein inneres Afrika gefunden. Dazu Glückwunsch.

Kaulbarsens Gebrauchslyrik, Franzis Gehversuche – wer die WM am Fernseher verfolgt, dem wird ein Bild von Afrika präsentiert, das mit Afrika weniger zu tun hat als mit dem Serengeti-Park Hodenhagen. Und wo Afrika sich weigert, wie Afrika auszusehen, wird es kurzerhand dazu gemacht. Nageln wir einfach ein Leopardenfell aus dem Möbelmarkt davor, und der Breitner zieht sein Mandela-Hemd an! Wakkawakka, es ist schließlich time for Africa.

Dass der Folklore-Schrott gesendet wird, ist das eine. Dass ihn sich jemand reinzieht, das andere. Wir sind von dieser Zielgruppe umzingelt. Menschen, die bei »Die weiße Massai« weinen, die vom »Traumschiff« aus die Welt entdecken wollen. Sie wollen verstehen. Wo ist der Eisberg, wenn man ihn braucht?






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Kommentare

  • User
  • 30.06.2010 20:32:44 S_L420

    Danke, der Artikel spricht mir aus dem Herzen!

  • User
  • 30.06.2010 20:51:53 Söderdaddy

    Frage mich auch des öfteren ob 2006 in jedem Beitrag ausländischer Sender Leute in der Krachledernen oder Dirndl aufgetreten sind.

  • User
  • 30.06.2010 22:40:09 Pänz

    Es ist noch gar nicht so lang her, da hat ein gewisser Herr Gieselmann mit seinem Afrika Spezialwissen die WM in Südafrika, aufgrund der bedauerlichen Vorfälle während des Afrika-Cups in Angola, in Frage gestellt.
    Ähnliche journalistische Qualität darf hier in regelmäßigen Abständen Frau Kogelbloom zu Tage fördern, und erreicht dabei maximal das Niveau der beanstandeten Beiträge. Nur ist da zum Glück keine Kamera dabei.

    Möchte hier allerdings in keinster Weise die Art der Berichterstattung gut heißen, kein Mensch braucht die folkloristischen Franzis, Dr. Mabuses und Daniel Wieses. Nicht zu vergessen die permanente Erwähnung des Umstandes, das es auch in Afrika im Winter kalt ist, oder das Südafrika in großen Teilen (und das auch nicht erst seit gestern) weit über 1000m über dem Meeresspiegel liegt.

  • User
  • 01.07.2010 00:19:43 Catilina

    Serengeti ? Nur in Kenia werden`s wenjer.
    Mit Afrika, und speziell mit Südafrika, verhält es sich ähnlich wie mit Österreich: Auch dort versucht man um des lieben Fremdenverkehrs willen, in der Selbstdarstellung den Klischees so weit als möglich zu entsprechen.

    Spätkolonialismus

    sieht anders aus; nämlich so affirmative action-mäßig, wie die britische Kolonialverwaltung in Afrika sich in den 20er Jahren zur Zeit der ersten Labour-Regierung gerierte.

    Dass ihr das Wort „Ureinwohner“ noch nicht über die Lippen gekommen ist, muss erstaunen

    Es wäre zudem auch falsch, denn die Bantu-Stämme, von denen 95 % der heute in Südafrika lebenden Schwarzen (Zulus, Xhosa etc.) abstammen, sind genausowenig Ureinwohner Südafrikas wie die Buren. Die Zuwanderung der Bantu-Völker erfolgte während des 18. jahrhunderts, und ging unter Ausrottung der schwarzen Urbevölkerung (der sog. Khoin-San-Völker = Hottentotten, "Buschmänner") vor sich.
    Zwischen den Buren und den Khoin San-Völkern hat eine gewisse Vermischung stattgefunden: Ohm Krüger, Präsident der Südafrikanischen Republik zur Zeit der Burenkriege, wäre nach den in Amerika bis in die 60er Jahre geltenden Rassegesetzen (---> one drop rule) nicht als Weißer durchgegangen.

    In vielen Ländern des südlichen Afrikas ist "Buschmann" eines der schlimmsten Schimpfwörter. Kurioserweise stehen unter den Weißen der an Südafrika angrenzenden Länder die Buren in ähnlich niedrigem Ansehen, wie die Buschmänner unter den Schwarzen. Die Deutschen, Engländer und Portugiesen, die in Namibia leben, sprechen von den Buren nur als von den "Schlappohren" und lassen keinen Zweifel daran, daß sie mit den burischen Arbeitsmigranten aus Südafrika nichts, aber auch garnichts zu tun haben wollen.

  • User
  • 01.07.2010 10:45:05 eilenwitz

    Fein, sowohl der Artikel, wie auch die Tatsache das mir die "Reiseberichte" von Frau van Almsick bisher entgangen sind.
    Wie überhaupt die Mehrzahl der Rand-, Vor- und Nachberichterstattung. Sogar Waldis Stammtisch!!!

  • User
  • 01.07.2010 12:15:25 rumpler

    Guter Artikel.

    Diese "Franzi van Almdick besucht Perlenketten bastelnde Neger", äh, ich meine natürlich "Menschen" sind wirklich unerträglich.

  • User
  • 01.07.2010 12:15:25 rumpler

    Guter Artikel.

    Diese "Franzi van Almdick besucht Perlenketten bastelnde Neger", äh, ich meine natürlich "Menschen" sind wirklich unerträglich.

  • User
  • 01.07.2010 13:27:40 fifi_tippkick

    nicht zu vergessen: die dauernd zitierte lebensfreude der afrikaner. lebensfreude! der afrikaner an sich tanzt eben auch mal gerne auf der straße. sagen jedenfalls ard und zdf.

  • User
  • 01.07.2010 15:45:46 katika

    Ich habe einmal einen solchen Beitrag gesehen, es war grauenhaft! das minenspiel von "franzi" ist unerträglich, dieser mitleidige blick und ihr verständnisvolles getue. ich glaube die frau ist strohdoof. und für sowas zahl ich GEZ... schön dagegen euer interview mit den beiden jungs aus hamburg, die mit ihrem vw-bus durch afrika gefahren sind und durch ihren bericht ein lebendiges bild dieses kontinents vermitteln.

  • User
  • 01.07.2010 23:00:46 Xian

    pro flittr.com button für solche Top Artikel!

    Ich schaue mir diesen Schrott zum Glück nie an, der Fernseher ist mit dem Schlusspfiff aus. Aber diese unglaublichen Gelder, die für diesen Mist rausgeschossen werden...

    Waldis EM-Club
    oder das was hier beschrieben ist...

    ich könnte heulen vor Wut!

  • User
  • 01.07.2010 23:13:44 AbteilungAttacke

    Jetzt schlagt mich nicht, aber die Motsi Mabuse finde ich schon sympathisch anzuschauen... auch wenn die Berichte sinnfrei sind. Nur weil ich in Deutschland geboren wurde, bin ich kaum Experte für jede Stadt/Region/Provinz...

  • User
  • 01.07.2010 23:20:31 AntiMöller

    @ "Waldis Weh-M Club": Ich wette, dass Matze Knoop bald auch den neuen Bundespräsidenten machwerkt, welcher "angerufen" wird. Der persilfliert ja im Sekundentakt und es tut soooo weeeeh. (ich lasse das TV weiterlaufen, weil ich eh immer Dauerberieselung habe, ahem)

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