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15.06.2010

Marcel Reif über Deutschlands WM-Start

Alpharudel statt Alphatier

Text: Marcel Reif  Bild: Imago

Das Niveau der WM könnte, gelinde gesagt, besser sein. Die Mannschaften schießen ein Tor im Schnitt, Chancen sind ebenso rar. Einzig die deutsche Elf spielte mit Witz und Tempo. Unser WM-Experte Marcel Reif ist angetan.

Marcel Reif über Deutschlands WM-Start - Alpharudel statt Alphatier


Nur, um sie nicht zu vergessen, und auch nur sehr klein und sehr leise, die Fußnote vorweg, dieses winzige »aber«, diese Restmäkelei: Jetzt bitte nicht abheben, es werden stärkere Gegner kommen, als es die Australier waren. So, und das war es dann auch schon. Und das war auch nur eine Banalität.



Ansonsten: Welch eine Freude, welch ein Spaß, was für eine Klasse, was für ein Tempo, mit so viel Witz und Souveränität. Die anderen bisherigen Teams haben im Schnitt ein Tor erzielt, die deutsche Elf kam auf vier. Mag sein, dass dieses erste Spiel keinen endgültigen Schluss zulässt über die Chancen der Deutschen. Aber ein paar endgültige Erkenntnisse sind schon fest zu halten. Zum Beispiel die, dass es mit Lukas Podolski in der Nationalmannschaft tatsächlich funktioniert. Und auch mit Miroslav Klose. Beider Nominierungen unterlagen ja dem doch sehr wackeligen Prinzip Hoffnung. Und eigentlich sprach nichts dafür. Bis auf das Vertrauen des Trainers Jogi Löw.

Mag sein, dass das im Falle Kloses aufgebraucht gewesen wäre, wenn es bei Kloses vergebenen Chance geblieben wäre. Aber dann rechtfertigte Klose es, und ich ziehe den Hut. Oder diese Erkenntnis: Thomas Müller ist ein veritabler Nationalspieler. Kein Nachwuchsspieler, der mal rein riechen darf gegen die vermeintlich Schwächeren. Sondern einer, der genau dahin gehört, wo er ist. Und das, als ob er es seit Jahren sei.

So muss man erst einmal auftreten, wie es das Team von Jogi Löw getan hat. Mit diesem Schwung und mit diesem Spaß daran, Spaß zu bereiten. Wann hat es das schon gegeben, dass es weit über das Ergebnis hinaus die pure Freude ist, einer deutschen Mannschaft zuzusehen? Welch ein Segen, dass sie keine Altstars mehr hat, und welch ein Segen, dass sie bei aller Jugendlichkeit offensichtlich doch intelligent genug ist und lernwillig, um nun nicht durchzudrehen. Denn so wie sie spielten gegen Australien, so wie sie sich geben bisher in Südafrika, wissen sie, was sie tun.

Und zwar alle, und ganz besonders die Trainer. Löw hält an den Kantonisten fest, sie danken. Löw zuckt nicht mal mit der Schulter, als Michael Ballack ausfällt und stellt Sami Khedira neben Bastian Schweinsteiger. Als sei das alles das Selbstverständlichste auf der Welt. Er wusste offensichtlich, was er an dieser jungen Mannschaft hat, und – bitte, das ist nur eine Spekulation – möglicherweise kam ihm Ballacks Fehlen nicht ungelegen. Weil diese Mannschaft kein Alphatier braucht, weil sie sich Alpharudel genug ist. Das hat die Grundvoraussetzungen für ein gelungenes Turnier geschaffen, die sind vielversprechend. Dafür sollen sie sich bejubeln und feiern lassen, sie werden schon nicht abheben.






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Kommentare

  • User
  • 16.06.2010 00:58:42 Ganna

    Also was ich am „bezeichnendsten“ fand, war der Kommentar von Oliver Kahn: „Es gibt nichts zu kritisieren“.
    Das Auftaktspiel der deutschen Mannschaft hinterläßt den deutschen Betrachter atem- und sprachlos!
    Sicher waren die Aussies nicht so gut und sicherlich wäre es schwerer gewesen, in der zweiten Hälfte nochmal zwei Tore zu schiessen, wenn da nicht die rote Karte gewesen wäre. Aber man hat es ja oft genug gesehen, dass dann Mannschaften zurückgesteckt haben und trotz Überzahl nicht mehr gut ausgesehen haben.
    Was bleibt ist die ungläubige Hoffnung, dass diese Leistung wiederholt werden kann.
    Sollte das gegen Serbien der Fall sein, dann erst wird es schwierig nicht abzuheben…
    Ich möchte dem Satz „So muss man erst einmal auftreten, wie es das Team von Jogi Löw getan hat“ jedoch voll und ganz unterstreichen.
    Wenn die Spanier, mit ihrem überragenden Mittelfeld, sowas nicht hinbekommen, dann war das wahrscheinlich fußballerisch wirklich das Beste, was diese WM-Vorrunde zu bieten hatte.
    Für den Titel reicht das natürlich nicht, denn es ist ein Turnier. Und da muss man erstmal solche Mannschaften wie Argentinien, Italien, Frankreich und auch Brasilien („mach einen Fehler, und die spielen dich aus“) schlagen. Das ist dann immer ein einzelnes Spiel. Da ist es dann uninteressant, wie die Mannschaft spielt, wenn auf einmal ein Rooney (o.ä.) einen reinhaut.
    Oder nicht?

  • User
  • 16.06.2010 10:05:23 atokruse

    Alphasprudel statt Alphabier!

  • User
  • 18.06.2010 00:55:29 Ganna

    Da habe ich doch eine kleine Fehleinschätzung in Sachen Frankreich abgegeben–
    Naja. Irgendwie haben sich die Franzosen selbst geschlagen…

  • User
  • 18.06.2010 08:41:04 El Buitre

    Blödsinn. Die hatten keinen Entfaltungsraum im Mittelfeld. Da ging nix, stand alles zu, Ribery und Malouda hatten immer einen in den Hacken. Dementsprechend wenig kam vorne an. Und was ankam wurde wegverteidigt.
    Nix selber geschlagen, fertig gemacht worden.

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