Mesut Özil und die neue Freiheit
Es lebe der König!
Text: Alex Raack Bild: Imago
Dass Michael Ballack bei der WM nicht für Deutschland spielen kann, galt wochenlang als Beinahe-Katastrophe. Nach dem 4:0-Auftaktsieg gegen Australien ist der Verlust fast vergessen. Schuld daran ist Mesut Özil.
Michael Ballack war gestern gegen Australien nicht auf dem Platz. Das ist schade. Aber nach der überragenden Darbietung seiner Kollegen muss man sagen: Er wurde nicht wirklich vermisst. Der Bremer Spielgestalter Mesut Özil profitiert von der Lücke, die Ballacks Verletzung im deutschen Spiel aufgerissen hat. Für Özil ist das die neue Freiheit. Für das deutsche Spiel eine ganz neue Qualität.
Zum Beispiel Tor 1. Im Mittelfeld bekommt Özil den Ball, eine Körpertäuschung, ein schneller Haken und der Pass in Tiefe zu Thomas Müller. Der legt auf Podolski ab. 1:0 für Deutschland.
Ballack ist Power und Dynamik. Mesut Özil ist ungeahnte Kreativität.
So schnell, so präzise, wie Özil das Tor einleitete, wird es Michael Ballack im Leben nicht hinbekommen. Muss er auch gar nicht, er ist dafür nicht geschaffen. Ballack ist 1,89 Meter große Power und Dynamik, Mesut Özil ist ungeahnte Kreativität. Kein Wunder, dass Bela Rethy die Nummer 8 gestern Abend mit den Weltmeistern Pierre Littbarski und Thomas Hässler verglich – solche Möglichkeiten des schönen Spiels hat Deutschland seit den frühen neunziger Jahren nicht mehr gehabt.
Zum Beispiel die verpasste Chance von Miroslav Klose in der 25. Minute. Im Mittelfeld bekommt Özil den Ball, eine Körpertäuschung, und der Pass in die Tiefe mit dem schwächeren rechten Fuß auf Podolski. Der legt ab auf Klose. Es bleibt beim 1:0.
Özil benötigt nicht viel Raum für seine Ideen, jedenfalls nicht, wenn es der Gegenspieler ist, der ihm den Platz versperrt. Mit dem omnipräsenten Michael Ballack im Rücken (oder an der Seite) würde dem Linksfuß allerdings die Freiheit der offensiven Spielgestaltung fehlen. Bastian Schweinsteiger ist als defensiver Hintermann sensibler im Umgang mit Künstlern, als Ballack. Mit den ultra-offensiven Arjen Robben und Franck Ribery vor der Nase, hat Schweinsteiger eine ganze Saison lang Zeit gehabt, sich auf solche Situationen einzustellen.
In Bremen versteckte er sich im Wirrwarr von 20 Feldspielern
Zugegeben, Özil hatte gegen Australien einen großartigen Tag. Jeder Pass ein Stich ins australische Herz, jedes Dribbling von Erfolg gekrönt, die Mitspieler in fantastischer Verfassung – einen so erfolgversprechenden Trancezustand wünscht sich jeder halbwegs fähige Spielmacher. Es werden andere Gegner kommen und mit ihnen andere Spiele. Wie druckresistent Özil wirklich ist, muss er erst beweisen. Als nach zunächst überragenden Leistungen im Herbst 2009 die Formkurve des Bremers absackte, sich die harschen Kritiken häuften, war Mesut Özil plötzlich nicht mehr zu sehen. Der Feingeist versteckte sich im Wirrwarr von 20 Feldspielern und überstand so unbeschadet die Saison.
Bei einer Weltmeisterschaft fehlt dafür die Zeit. Maximal sechs Spiele hat die deutsche Elf noch vor sich, in jeder Partie braucht sie ihren Spielgestalter mit der neuen Freiheit und der tollen Form. Wie viel Freiheit Özil in den kommenden Spielen bekommen wird, ist allerdings eine andere Frage. Die Welt kennt inzwischen den neuen deutschen König.






