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03.06.2010

Heute um 23:10 Uhr im WDR

Warum halb vier?

Text: Andreas Bock  Bild: Promo

Heute Abend läuft im WDR die Dokumentation »Warum halb vier?«. Ein wunderbarer Film, der die Erinnerungen an eine Fußballvormoderne und die Ankunft im Jetzt kontrastiert. Mit u.a. Joachim Krol und Fredi Bobic.

Heute um 23:10 Uhr im WDR - Warum halb vier?


Eigentlich sollte man diese Frage einem Fan nicht stellen. Doch es sei den Machern des Films Lars Pape (Regisseur) und Axel Pape (Produzent) gestattet, denn sie suchen nicht nach dem Konsens in der Kurve oder gar nach einer allgemeingültigen Antwort. »Warum halb vier?« begibt sich vielmehr auf Spurensuche. Der Film erzählt in ruhigen Bildern Geschichten vom Fansein, von den Samstagnachmittagen, an denen man bei Schnee und Eis in der Kurve kauerte, die schönsten Siege und die bittersten Niederlagen erlebte.




Und schon bald wird klar: Es geht um halb vier stets um mehr als um die drei Punkte, um mehr als den Sieg und die Tabellenposition. »Verlieren zu lernen ist ja nicht die schlechteste Erfahrung, die man im Leben machen kann. Und beim Fußball ist man da eben nicht alleine«, sagt der Schriftsteller Helmut Schümann, der im Berliner Mauerpark sitzt und über das Wesen des Fußballs sinniert. Schümanns Satz zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten. Auch Schauspieler Joachim Król glaubt, »dass es in der Natur des Menschen liegt, sich zu versammeln«.

Lars Pape zeigt den Fan nicht als isoliertes Etwas, als exotische Erscheinung mit Kutte und Vereinsbettwäsche, er überzeichnet ihn nicht, sie glorifiziert ihn aber auch nicht. Er zeigt den Fan einfach. Den Fan, den es überall gibt: Den Arzt, den Rentner, den Schauspieler, den Schüler. Und so heißt Fußball in »Warum halb vier« immer auch: Leben. Lars Pape ändert nicht nur den Fokus, sondern auch die Perspektive. Er verlässt die große und glitzernde Fußballbühne, er zoomt aus der vermeintlich heilen und funktionalen Welt der modernen Fußballarenen heraus und schwenkt ins Abseits, dorthin wo Typen wie Manni und Heinz am Ascheplatz stehen, über verpasste Chancen nachdenken, über die Wichtigkeit von Freundschaft diskutieren, über Liebe und natürlich über den Fußball. Dann fährt die Kamera weiter, von der Provinz in die Metropolen.



Lars Pape trifft Fredi Bobic, der unverblümt vom alltäglichen Druck erzählt, mit dem Fußballer leben müssen, und von seiner »Flucht« ins Ausland. Während die Worte von Bobic noch nachhallen, erzählt Bayern-Fan und MTV-Moderator Markus Kavka von seinem ersten Interview mit Mehmet Scholl, bei dem er aufgeregter war als beim Treffen mit Noel Gallagher. Neben ihm sitzt der »Löwe« und ehemalige Fassbinder-Assistent Harry Baer, den Kavka foppt: »Von den Bayern lernen, heißt siegen lernen.« Baer versucht ein gequältes Grinsen, das weitgehend misslingt. Stets kommt die Kamera zurück nach Dortmund, in das Stadion Rote Erde, dort wo BVB-Fan und Schauspieler Joachim Król auf den morschen Bänken der Tribüne sitzt. Oft hält Król inne, ganz kurz nur, schaut auf den Rasen und spult die Bilder seiner Kindheit vorm geistigen Auge ab. Schließlich steht er auf, verlässt die Rote Erde, der Zuschauer folgt ihm ins Westfalenstadion mit all seinem Bombast.

Zu minimalistischer Klaviermusik von Susan DiBona betritt Król das Stadion wie eine neue Welt. Es ist die Ankunft im Jetzt. Und es ist die andere Klammer des Films: Jene Liebe zum althergebrachten Fußball und das Sein im modernen Fußballbusiness. Für viele ist das ein Dilemma: Die Ultras Bastian, Niko und Aladin orientieren sich an den italienischen Tifosi und wollen dem Fußball den alten »Spirit« wieder geben. Sie beklagen die unkontrollierte Kommerzialisierung. »Wir haben eine genaue Vorstellung vom Fußball«, sagen sie. »Und die ist anders als die von Premiere und DFL.« Sie sind wütend. Doch außerhalb der Kurve sind sie ohne Macht. Dabei sind die Ultras mit ihrer Meinung nicht alleine. In vielen Erinnerungen schwingt ein nostalgischer Wehmut mit. An Zeiten, in denen Fans noch nicht von der Dauerbeschallung der Jahrmarktmusik übertönt wurden, die Multifunktionsarenen noch Stadien hießen und der Fan, so sehr er im normalen Leben auch ein Außenseiter war, noch mit Oberlippenflaum und Nickelbrille in der Kurve stehen konnte, ohne dass ihn die Schickeria mit Blicken ächtete. Philipp Köster, der in dem Film ebenfalls einen Gastauftritt hat, weiß davon ein Liedchen zu singen.



»Warum halb vier?« ist eine Dokumentation, die keinen großen Aufwand betreibt, die den Blick auf das vermeintlich kleine Moment richtet. Mitunter hätte man sich gewünscht, dass manche Gesprächpartner etwas länger verweilen: Rudi Völler, Reiner Calmund oder der Hooligan Florian B. tauchen unvermittelt auf und verschwinden genauso schnell wieder. So wechseln intensive und durchdringende Bilder mit solchen ab, die in der Distanz verharren und sich wirklich auf die Suche nach der Ratio hinter der Frage begeben: Warum halb vier? Dennoch ein großartiger Film!

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»Warum halb vier?« läuft heute Abend um 23:10 Uhr im WDR.

Mehr Infos:
http://www.wdr.de
http://www.warumhalbvier.de






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Kommentare

  • User
  • 03.06.2010 13:15:45 Pherenike

    Moin Andreas Bock!

    "Den Arzt, den Rentner, den Schauspieler, den Schüler" finden wir als Fan, ebenso aber die Ärztin, die Rentnerin, die Schauspielerin, die Schülerin.
    Ich habe 1955 das erste Spiel meines S04 gesehen und bin seitdem Fan. Familie, drei Kinder, Beruf und Ortswechsel - zeitweise auch Ausland - konnten mich nie davon abhalten, meinem Verein die Treue zu halten und so oft es möglich war, Heim- und Auswärtsspiele zu besuchen. Seit meiner Pensionierung bin ich wieder regelmäßig auf Schalke, Steherin in N4.
    Ich weiß, dass Frauen als Fans in der Minderheit sind, trotzdem sollten sie nicht in Permanenz unterschlagen werden.

    Glück auf
    Pherenike

  • User
  • 03.06.2010 13:19:47 ColePorter

    Sind wir nicht so langsam über die gendergerechte Sprache hinaus?

    Ich vermute mal, dass Herr Bock mit den Berufsbezeichnungen auch Frauen implizierte.

    "Der Arzt, die Ärztin, der Rentner, die Renterin, der Schauspieler, die Schauspielerin, der Schüler, die Schülerin"...klingt das besser, Pherenike?

  • User
  • 03.06.2010 13:22:13 saloth sar

    falsch cole, es muesste wohl eher heissen "die aerztin, der arzt, die rentnerin, der rentner ..."

  • User
  • 03.06.2010 13:26:08 Pherenike

    Hi Cole,

    ich bin mit der Wiederholung der weiblichen Form nur in der Diktion des Autors geblieben. Es geht mir nicht darum, einen Text zu verkomplizieren. In dem Beitrag kommen Frauen als Fan aber überhaupt nicht vor, was ja dann auch die im Text genannten Namen belegen.

    Gruß
    Pherenike

  • User
  • 03.06.2010 13:29:28 ColePorter

    Na, dann muss es wohl ein Film von und für Männer sein.

  • User
  • 03.06.2010 13:35:59 Pherenike

    Ich werde mir die Freiheit nehmen ;-) und mir den Film ansehen.

  • User
  • 03.06.2010 13:40:48 saloth sar

    Ich werde mir die Freiheit nehmen ;-) und mir den Film ansehen.

    und dann dem produzenten schreiben,. dass er weibliche fans total unterschlagen hat?

  • User
  • 03.06.2010 15:49:32 mico

    "Wir haben verloren" "Wieso ihr, hast du mitgespielt?"

    Oh man §$=§")($/?"§)(&/

  • User
  • 03.06.2010 15:54:04 pangold

    korinthenkackerInnen...

  • User
  • 04.06.2010 15:57:49 FrauBlack

    Nun können ja alle beruhigt sein, im Film kamen ja auch die Damen zu Wort. War ein netter Querschnitt - an der ein oder anderen Stelle wäre etwas mehr Tiefgang wünschenswert gewesen, aber dann hätte es gleich ne Doku-Reihe werden können.
    Und Köster muss bei Gelegenheit mal die Beweisfotos aus den 80ern liefern.

  • User
  • 08.06.2010 13:29:53 calimero

    habs auch gesehen, war so lala, ganz nett, musste nicht wegschalten, mehr aber auch nich.

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