Das Nuller-Heft

11FREUNDE-Spezial: 00er

Das waren die Nuller Jahre

Neu hier? Alle Infos zu 11Freunde Community
07.05.2010

Wenn Frauen auf Frauen losgehen

Pyrotechnik im BH

Interview: Wiebke Schuirmann  Bild: Imago

Der Fall einer prügelnden Zuschauerin beim Frauenfußball sorgte vor einigen Wochen für Aufregung. Wir fragten Elena Konstandinidis, Mitbegründerin des Netzwerks F_in Frauen im Fußball, ob es überhaupt weibliche Hooligans gibt.

Wenn Frauen auf Frauen losgehen - Pyrotechnik im BH


Frau Konstandinidis, gibt es so etwas wie weiblichen Hooliganismus?

Das kommt natürlich darauf an, wie man Hooliganismus definiert. Ich habe mich bei meinen Forschungen mit Gruppen innerhalb der Fanszenen beschäftigt, die sich explizit als Hooligans bezeichnen und so auch von anderen Fans wahrgenommen werden. In dieser Szene herrschte eher die Meinung vor, dass Frauen keine Hooligans sein können. Diese Gruppen kreisen sehr stark um Männlichkeitsvorstellungen und Männerfreundschaften. Aber man muss natürlich überlegen, ob man die Definition der Leute aus diesen Gruppen übernimmt, denn wenn man genauer hinschaut, gibt es durchaus Frauen, die mit dieses Hooligangruppierungen unterwegs sind.



Handelt es sich dabei dann um Einzelfälle oder um ein Randphänomen innerhalb der Hooligangruppierungen?


Nicht unbedingt. Es geht eher darum, dass sich die Frauen selbst anders definieren und auch von den Männern anders definiert werden. Auch der Zugang zu diesen Gruppen ist ja zu beachten: Ich habe beispielsweise mit vier Frauen Interviews geführt und davon haben drei gesagt: »Ja, mein Freund ist Hooligan und ich bin seine Freundin.«

Der Zugang zu solchen Gruppierungen erfolgt dann also im Regelfall über eine Partnerschaft?

Ja, in den meisten Fällen ist das so. Die Frauen sind in der Regel selbst Fußballfans und in einer Fanszene, wo sie dann auch ihren Freund kennen lernen. Aber in der Regel ist es so, dass die Hooligangruppe erst einmal gegen die Freundin abgegrenzt wird. Zunächst wird die Freundin nicht darüber informiert, dass man dazu gehört, die bekommen das dann erst irgendwann später mit. Und dann gibt es unterschiedliche Beteiligungsformen: Es gibt Frauen, die sich zwar in der Richtung äußern: »Eigentlich finde ich das ja nicht gut,...«, sich dann aber schon an gewissen Aktivitäten beteiligen. Sie gehen mit der Gruppe zu Spielen und sind auch an Aktionen beteiligt: Pyrotechnik ins Stadion schmuggeln, bei den feindlichen Fans Gerüchte streuen, die Gegner ausspähen.

Es geht also über eine duldende Perspektive hinaus?

Ich habe auch eine Frau kennengelernt, die von sich selbst gesagt hat: »Ja, ich bin ein Hooligan.« Wenn man dann genauer hingeschaut hat, hat man gemerkt, dass sie eher eine Art Sonderstatus hatte. Sie hatte ganz bewusst keinen Freund in der Hooligangruppe und wurde als Kumpel wahrgenommen. Sie hatte in der Gruppe dann die Funktion, Videos und Fotos zu machen. Sie hat erfolgreich vermittelt, dass sie auch in der Lage sei, sich handgreiflich zu verteidigen, u.a. hat sie Kickboxen trainiert. Und ihre Rolle war es dann, während der Schlägereien, die Fotos zu machen. Das ist eine ganz wichtige Funktion innerhalb der Gruppe, denn es geht auch viel darum, hinterher in Erinnerungen schwelgen zu können.

Wenden diese Frauen denn dann auch aktiv Gewalt an?

Die meisten Frauen haben im Kontext Fußball Erfahrungen damit gemacht, dass sie physische Gewalt erleben. Teilweise wären sie bereit gewesen, sie auch selbst anzuwenden und mitzumischen, das wurde ihnen dann nur relativ explizit von den Männern verboten. Die Männer behalten die gewalttätige Szene für sich. Eine Frau hat mir von einer Situation berichtet, in der sie einem gegenerischen Fan eine reingeknallt hat. Dieser Frau wurde dann aber auch von den Männern mitgeteilt, dass es nicht erwünscht ist, dass Frauen sich so verhalten. Eine andere Frau hat es ganz klar so formuliert: Wenn bei der anderen Gruppe auch eine Frau dabei wäre, dann wäre das ihre Gegnerin.

Es gibt also Frauen, die bei Bedarf oder bei Möglichkeit dann eingreifen wollen?

Wobei die Haltung in der Szene eigentlich die ist, dass Frauen sich nicht prügeln sollen. Eine Frau, die physisch gewalttätig wird, ist eigentlich gar keine Frau. Die Männer sehen sich selbst auch in der Beschützerrolle: eine Frau schlägt man nicht. Es herrscht zwar ein sehr konservativer Ehrenkodex, aber weil man dem bösen Gegner nicht immer traut, muss man die Frauen in der eigenen Gruppe beschützen. Das läuft dann darauf hinaus: Wenn eine Frau sich schlägt, dann höchstens mit einer anderen Frau.

Sind Ihnen denn separate Frauengruppierungen bekannt, die sich nicht unbedingt als Hooligans bezeichnen, die aber in der Fußballszene unterwegs sind und bereit sind, Gewalt anzuwenden?

Aus meinen Erfahrungen heraus gibt es das nicht und ich weiß auch nicht, ob das überhaupt möglich wäre. Hooligan-Gruppen sind Männerbünde. Es sind Männerfreundschaften, in denen sehr viel Loyalität verlangt wird. Die Freundin ist so etwas wie der Gegenpol, sie soll ein Gegengewicht sein, verkörpert die bürgerlicheren Werte, die gesellschaftlich akzeptierten Werte. Die Freundin kann mitgehen, übernimmt dann zum Teil auch die Rolle, Gewalt zu bremsen. Bei ihr kann man sich auch mal ausheulen. Demgegenüber steht in dieser Männerszene auch die Idee, dass Frauen sexuell verfügbar sind. Die Frau muss einen Balanceakt vollführen, dass die Männer nicht denken »die schmeißt sich jetzt an uns ran«, weil sie dazu gehören will. Auch wenn der Zugang zur Gruppe für die meisten Frauen über eine Beziehung hergestellt wurde, müssen sie immer aufpassen, nicht in den Verdacht zu geraten, der ganzen Gruppe zur Verfügung zu stehen und so als Schlampe abgestempelt zu werden.


weiterlesen [1] [2]





Ähnliche Artikel

Kommentare

  • User
  • 07.05.2010 10:27:39 pandrodor

    Emanzipation ist wunderbar, nur finde ich es immer traurig wenn sich Frauen auch die Arschloch Domänen der Männer vornehmen. Aber sich wie ein Neandertaler zu benehmen ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner.

    Generell sind gewaltätige Frauen aber auch keine absolute Ausnahme. Lustig ist aber, dass im feministischen Sprachgebrauch, indem alle Oberbegriffe verweiblicht sind, nie von Möderinnen und Terroristinnen die Rede ist. Da ist der Oberbegriff immer männlich...

    Womit ich im Interview ein Problem habe ist die Darstellung von Hooligans. Mir ist schon klar, dass hier deutlich werden soll warum Frauen in diesen Gruppen sind und wie es sich in Gewaltsitatutionen abspielt, nur stören mich Begriffe wie "Ehrenkodex" im Bezug auf Hooligans doch sehr. Zum Ehrenkodex gehört nämlich auch nicht auf am Boden liegende zu treten oder Rollstuhlfahrer anzuspuken. An das Märchen vom ehrenvollen Hooligan, der sich nur unter Gentlemen Regeln mit seines eigenen freiwillig und fair prügelt glaube ich nicht mehr.

  • User
  • 07.05.2010 10:28:03 pandrodor

    Ach ja, aber solche Berichte sind immer wunderbar und interessant.

zum Forum

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!

VON DEN LESERN EMPFOHLEN



DIE AKTUELLE UMFRAGE

Kiel gegen Dortmund: Ein Duell wie...

David gegen Goliath
Regina Halmich gegen Mike Tyson
Klopfer gegen Godzilla
KSV Baunatal gegen Real Madrid
Angela Merkel gegen Gina Wild
Milhouse gegen Nelson Muntz
Wilfried Ditrich gegen Chris Taylor
Fünf gegen Willie




1978: Menotti wird Weltmeister


Sätze, die Uli Hoeneß sagt, wenn sein Klub gegen den FC St. Pauli verliert

  • »Die Paulianer sind gerannt, ich glaube, da liegen heute noch welche unterm Sauerstoffzelt. Und bei uns werden 30 Minuten nach Spielschluss schon wieder Sprüche geklopft und Karten gespielt. Die Spieler essen Scampis, und ich habe eine schlaflose Nacht.«

Das Tagesticker-Archiv

11Freunde Liveticker

11FREUNDE @ TWITTER