FCN-Busfahrer Udo Rauh über Fanblockaden
»In der Menge sind sie laut«
Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Letzten Samstag demonstrierten FCN-Fans in einer Sitzblockade. Mittendrin: Busfahrer Udo Rauh. Wir sprachen vor dem finalen Saisonspiel gegen Köln über die Gefährlichkeit seines Jobs und die Stimmung beim »Club«.
Udo Rauh, nach der 0:4-Pleite beim HSV blockierten aufgebrachte »Club«-Fans am letzten Samstag den Bus. Wie haben Sie reagiert?
Ich bin ja schon seit 2001beim FCN als Busfahrer angestellt – es war also nicht das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe. Ich weiß, dass man in einer solchen Situation ruhig bleiben und den Anweisungen des Sicherheitspersonals folgen sollte.
Wie sahen diese Anweisungen aus?
Die HSV-Security wusste von den Nürnberg-Fans, dass diese den Weg freimachen würden, wenn die Spieler 15 Minuten mit ihnen reden. Ich sollte also den Wagen aus der Garage fahren und dann stehen bleiben. Was ich tat.
Trotz Ihrer Erfahrung: Bereitet eine solche Situation ein mulmiges Gefühl?
Überhaupt nicht, denn ich sah sofort, dass dort keine gewaltbereiten Fans standen, sondern Leute, die einfach Redebedarf hatten.
Böse Worte fielen trotzdem.
Das übliche, natürlich. Doch dann trat unser Trainer zusammen mit ein paar Führungsspielern vor den Bus, sie unterhielten sich sachlich mit den Fans. Danach löste sich alles schnell auf und der Ordnungsdienst geleitete uns bis zur Straße.
Bekommen Sie eigentlich mit, über was sich Spieler und Fans unterhalten?
Klar, das geht ja teilweise sehr lautstark zu. Ich hatte letzte Woche auch mein Fenster auf. Besonders absurd fand ich die wieder kehrende Unterstellung, dass die Spieler absichtlich schlecht spielen. Bei den Spielern spürt man dann eine gewisse Ohnmacht. Vor allem, weil es schwierig ist, nach so einem Spiel konstruktiv zu diskutieren.
Kommt es darauf überhaupt an? Mitunter wirken Blockaden solcher Art eher wie ein Profilierungsforum der Fans.
Bei einigen Fans ist es vielleicht wirklich so, dass sie ein Geltungsbedürfnis haben. Andere wollen aber tatsächlich mal direkt mit den Spielern sprechen. Sie haben es satt, nur über die Presse Meinungen serviert zu bekommen. Ich kann beide Seiten verstehen. Für die Spieler ist es eine extrem schwierige Situation. Niemand verliert absichtlich. Das ist ja Humbug. Andererseits können wir die Enttäuschung der Fans nachvollziehen. Einige fahren jedes Wochenende mehrere tausend Kilometer, um die Mannschaft zu unterstützen – und erleben dann so etwas.
Dennoch: Es scheint kaum vorstellbar, dass jemand, der im Schutz der Masse »Scheiß Millionäre« ruft, einen Spieler mit solchen Worten auch auf offener Straße ansprechen würde.
Das stimmt. Und daher ergibt sich bei Sitzblockaden auch meist folgendes Bild: Vorne stehen die Fans, die wirklich diskutieren möchten. In den hinteren Reihen aber, dort, wo die Fans in der anonymen Menge verschwinden, rufen sie am lautesten, da pöbeln sie um die Wette, da fallen die übelsten Schimpfwörter. Ich bin mir sicher: Vorne würden sie sich das nie trauen. Geschweige denn auf offener Straße oder am Zaun beim Training, wenn nur wenige Leute um sie herum stehen.
Entscheidet bei einer Sitzblockade eigentlich jeder Spieler für sich, ob er hinaus geht und mit den Fans redet?
Zumeist gehen die Führungsspieler raus. Am letzten Samstag waren es etwa Marek Mintal, Raphael Schäfer und Javier Pinola. Denen braucht niemand zu sagen: »Geht mal raus, Jungs!« Die gehen automatisch zu den Fans, die wissen, dass diese mit den Spielern reden wollen, die lange dabei sind, also Spieler, von denen sie glauben, dass ihre Beschwerden nicht verpuffen.
Wie war die Stimmung, als die Spieler zurück in den Bus kamen?
Die Köpfe hingen tief, klar. Die Jungs hatte nicht nur das Spiel mitgenommen, sondern auch die Schelte der Fans. Alleine die drei genannten Spieler – Pinola, Schäfer, Mintal – haben beim Club so viel erlebt, die haben so viel erreicht. Aufstieg, Pokalsieg, Abstiegskampf. Und dann diese Beschimpfungen. Das geht nicht spurlos an denen vorbei.
Wie nah gehen Ihnen solche Spiele, solche Situationen?
Ich bin ja kein Fahrer, der am Wochenende auf Abruf diese oder jene Mannschaft durch Deutschland kutschiert. Ich bin seit fast zehn Jahren Busfahrer beim Club und seither stets sehr dicht bei der Mannschaft. Ich bin zwar hauptsächlich Busfahrer, doch ich bin auch in der Kabine, unterstütze den Zeugwart, und unter der Woche kümmere ich mich um den Fuhrpark, ich bin ständig da. Daher weiß ich, wie nervös die Spieler sind, wie die Stimmung ist. Doch auch sonst würde mir das alles sehr nah gehen, denn ich bin auch Fan. Ich bin seit Jahren beim Supporters-Club. Auch schon vor meiner Zeit als Team-Busfahrer.
Haben Sie auch mal Busse blockiert?
Nein, ich war und bin eher einer, der sich im Hintergrund hält. Nach solchen Spielen habe ich mir als Fan stets meinen Teil gedacht – und mit meinen Kumpels diskutiert.
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