St. Pauli ist zurück in der Bundesliga
Wie viel Mythos steigt auf?
Text: Jerome Kirschbaum Bild: Imago
Der FC St. Pauli ist wieder erstklassig – zumindest, wenn die Welt am letzten Spieltag nicht untergehen sollte. Aber wie viel ist geblieben von der Tradition? Wie viel Mythos steigt mit in die Bundesliga auf?
Die Hafenstraße galt lange Zeit als Symbol für den alternativen Lebensstil in St. Pauli und dem Klub. Die besetzten Häuser dort und das betont antifaschistische Image prägten auch die Fankurve im Millerntor. Volker Ippig, der von 1986 bis 1992 als Torwart beim FC St. Pauli spielte, wohnte seinerzeit in der Hafenstraße. Das linksalternative Flair wurde damit auch in die Mannschaft getragen. In Mannschaftskreisen wurde damals gewitzelt: »Volker hört die Signale!«
Auch heute lebt ein weiterer Torwächter den Mythos St. Pauli ganz explizit. Benedikt Pliquett ist heuer die Nummer Zwei zwischen den Pfosten und unterstützt ein Projekt gegen Rechtsradikalismus. Auch heute noch sind Rückbesinnungen auf die Wurzeln zumindest teilweise an der Tagesordnung. Aber ist das schon alles?
Der Mythos hat seine Wurzeln in den 80er Jahren als sich vermehrt Studenten und Kreativköpfe in dem Arbeiterviertel festsetzten. Der FC St. Pauli war da ein gefundenes Fressen und ein typischer Gegenpart zum großen Bruder, dem Hamburger SV. Die Totenkopffahne wurde zum Dauergast, auch Ché Guevaras Konterfei schmückte die Kurve ein ums andere Mal.
Retter-Aktion erfolgreich und kritisiert
Nun nimmt der Klub zum fünften Mal den Fahrstuhl in die Bundesliga. 2001 war dieses Kunststück zuletzt gelungen – danach erlebte man ein Jahrzehnt der Höhen und Tiefen. 2003 war der Abgrund nahe, aber mit der großen »Retter-Aktion« konnte man die Finanzen aufmöbeln und den totalen Absturz abwenden. Eine Aktion, die nirgendwo besser aufgehoben gewesen wäre als in Kleinhamburg. Aber auch Kritik kam auf, denn mit CDU-Bürgermeister Ole Beust und der Fastfood-Kette MC Donalds beteiligten sich Feindbilder an der Rettung. In der Not paktierte man sogar mit dem Teufel, ein Unding für viele Fundis. Hier wurde Klub und Fans vor Augen geführt, dass auch der Kommerz nicht vor St. Pauli halt macht. Zumal sich der alternative Verein gut vermarkten lässt. Viele Fans lechzen nach den Wurzeln des Fußballs, den sie meinen, dort wiederzufinden.
Lange Jahre galt das Millerntor als Hölle für die Gegner, doch nun steht ein sukzessiver Neubau des Stadions an. Man will sich aber absetzen von den anderen Kommerztempeln. Mit 15.000 von 27.000 Plätzen soll mehr als die Hälfte als Stehbereich bestehen bleiben. Spannend wird sein, ob die einmalige Stimmung auch in die neue Heimstätte transportiert werden kann.
Leiden der Fanszene
Die Fanszene leidet derzeit am Wandel des Bezirks und an fehlendem Nachwuchs. Soziale Aushöhlung durch erhöhte Mietpreise und Neubauten locken Neureiche nach St. Pauli, das erschwert die Rekrutierung von neuen Hardcorefans. Die Alteingesessenen werden älter, die jüngeren standen in Vergangenheit ob ihres Lebensstils oftmals in der Kritik.
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