Das Schicksal von RWE
Gott schütze Rot-Weiss Essen!
Text: Benjamin Kuhlhoff und Tim Jürgens Bild: Christoph Buckstegen
Rot-Weiss Essen steht das Wasser bis zum Hals. Laut jüngsten Medienberichten droht dem Verein jetzt sogar der Lizenzentzug für die vierte Liga. Wir waren für unsere aktuelle Ausgabe zu Gast in Essen.
Ein monumentales Bauwerk! Eine Tribüne wie ein Luxusliner. An Deck flanierten die Fabrikanten mit Hut und Zigarre. Im runden Wohlstandsbauch des Gemäuers alles, was das Fußballerherz begehrt: Gaststätte, Geschäftsstelle, ein neumodisches Entmüdungsbecken, eine Sauna, drei Zimmer für Nachwuchstalente und für den Winter eine eigene Turnhalle. Rot-Weiss Essen in den Fünfzigern – das war ein Hauch von großer, weiter Fußballwelt. 1956 wurde die erste bundesdeutsche Flutlichtanlage eingeweiht. Ein ewiges Licht sollte es sein. Symbol einer wunderbaren Zeit: Wirtschaftswunder. Wunder von Bern, dessen großer Held, der Essener »Boss«, mit RWE nach dem gewonnenen Meisterfinale 1955 in den Fußballhimmel aufstieg.
Wie fett die Jahre waren, erkennt der Besucher bis heute auf den verblichenen Fotografien im Klubheim: Eine zeigt Bundestrainer Sepp Herberger im Gespräch mit Georg Melches, seit der Jahrhundertwende die prägende Gestalt des Vereins, dessen Namen das einstige »Stadion an der Hafenstraße« seit 1964 trägt. Beide haben je zwei dicke Stücke Torte vor sich auf dem Teller. Man gönnte sich ja sonst nicht. Und überhaupt: Deutschland war wieder wer. Und das Ruhrgebiet war stets ein kleines bisschen mehr Deutschland in dieser Zeit – zumindest, was den Fußball anbetraf. Siege wurden nach demselben Prinzip eingefahren wie die Kohle in den Zechen – nicht mit Hacke, Spitze, eins, zwei, drei, sondern mit harter, ehrlicher Arbeit. Ein Prinzip, aus dem sich hier in Essen ein bodenständiges Selbstbewusstsein entwickelt hat. Im Aufgang zur Geschäftsstelle steht es noch heute in Marmor gemeißelt: »RWE war wer, RWE ist wer, RWE bleibt wer!«
Im Kader stehen nur Arbeiter auf Zeit
Die Gegenwart lässt Zweifel aufkommen, ob dieses Mantra die Zeit überdauert hat. Der Klub dümpelt seit zwei Jahren in der Regionalliga. Mit dem Aufstieg hat der Verein trotz eines Jahresbudgets von sechs Millionen Euro in dieser Saison nichts zu tun. Wer durch die Transferlisten blättert, bekommt den Eindruck, das Klubmanagement greife bei Verpflichtungen auf Zeitarbeitsfirmen zurück, so hoch ist die Fluktuation der Profis. Am Schlimmsten aber nagt am Mythos »RWE« der Verfall der einst epochemachenden Spielstätte. Nach der sportlichen Bedeutung ist Rot-Weiss auf dem besten Weg, auch sein Zuhause zu verlieren. Denn das Georg-Melches-Stadion ist eine Trümmerlandschaft. Von der historischen Flutlichtanlage stehen nur noch drei Masten, die Fans stehen eingepfercht auf zweieinhalb Tribünen, der Rest ist Brachland.
»Im Moment ist das alles ein bisschen blöd«, seufzt Stefan Meutsch. Ironie ist vielleicht die einzige Möglichkeit, mit der Situation umzugehen. Der RWE-Präsident sitzt vor dem Spiel gegen einen Fünftligisten im Niederrhein-Pokal in der Vereinsgaststätte. Es ist Dienstagabend und Meutsch inhaliert sechs Pils und zwei Frikadellen, weil gleich schon Anpfiff ist. Zigarettenqualm steht in der Luft. Es gibt Mettbrötchen. Eine Dame am Ausschank rührt lächelnd im Currywurst-Ragout. Der Chef der Sparkasse klopft zur Begrüßung auf die Tischkante. Ein angetrunkenes Seniorenpärchen fixiert die Kneipentür und wankt gen Tribüne. »Scharf, oder?«, freut sich Meutsch, und man fragt sich für einen Moment, ob der Chef eines Verlags- und Druckhauses die Wurst, die zurechtgemachten Bedienungen oder das bodenständige Ambiente meint: »Wo sonst finden Sie so was noch im Fußball?«
Beharrlich bröckelt der Putz an der Hafenstraße
Nirgendwo ist das Ursprüngliche des Ruhrgebietsfußballs greifbarer als in Essen. Im Umkreis spielen die Rivalen, mit denen sich RWE lange auf Augenhöhe sah – Schalke 04, der BVB, sogar der MSV Duisburg –, in modernen Multifunktionsarenen, während an der Hafenstraße beharrlich der Putz bröckelt. Meutsch sagt: »Im Moment muss man das mit Humor nehmen – diese Ruine mit ihrem morbiden Charme.« Ein bisschen gefallen sich der Verein und sein Präsident in diesem Außenseiterdasein. Woanders is’ halt auch scheiße.
Aus Heft#102 05/2010
Mensch Magath - der Trainer des Jahres







