Schock in Hoffenheim
Die Zeit heilt alle Wunder
Text: Ron Ulrich Bild: Imago
In Hoffenheim wird es laut, Dietmar Hopp holt plötzlich zum Rundumschlag aus und die Fans protestieren. Eine Fehlentwicklung, die 2008 ansetzte, als die Hoffenheimer Welt wundersamer wirkte, als sie wirklich war.
Man kann im Leben gar nicht mitzählen, wie oft man schon frisch verliebten Paaren begegnet ist, die einem von einer rosaroten Welt erzählten. Sie schwärmten von dem Schicksal, das sie zusammenführte, dem Geheimnis ihrer Liebe und der bevorstehenden Hochzeit in Paris mit Pferdekutsche vor dem Eifelturm.
Bei den ersten Paaren dieser Sorte denkt man sich noch: »Wie machen die das bloß?« oder: »Mensch, sind die glücklich.« Mit der Zeit aber kriegt man mit, dass genau diese Pärchen innerhalb der nächsten Monate schon wieder auseinander gehen. Rosenkrieg und Tellerwürfe inklusive. Vielleicht hätte man beim Betrachten der so frisch und hübsch wirkenden rosaroten Erdbeerwelt der TSG 1899 Hoffenheim auch skeptisch werden müssen. Doch mit dem attraktiven Offensivspiel betörten die Hoffenheimer direkt nach ihrem Aufstieg die Fußball-Öffentlichkeit.
Jedes Detail musste zum Märchen passen
Man sollte diesen unglaublichen Fußball, den die TSG vor anderthalb Jahren spielte, nicht vergessen und alles in Frage stellen. Er war nun einmal atemberaubend. Doch in dieser Phase des rasanten Aufstiegs eines Dorfvereins von ganz unten nach ganz oben war das Märchen für die Medienwelt zu schön. So schön, dass jedes Detail zum Märchen passen musste.
Die Spieler – allesamt von den unseriös geführten Traditionsvereinen verstoßen und in den offenen Armen der TSG gelandet. Die Jugendarbeit – faszinierend, es sollte angeblich keinen talentierten Spieler aus der Region geben, dem Dietmar Hopp nicht schon persönlich das Pausenbrot geschmiert hatte. Die Scouting-Abteilung – sämtlichen etablierten Vereinen der restlichen Profifußballlandschaft um Längen voraus. Die Spielphilosophie – von einem anderen Stern, der neue Geist in einem reaktionär wirkenden Bundesligaumfeld.
Umschlag ins Extreme
Man hätte stutzig werden und einwenden können, dass Hoffenheim schon zu Zweitligazeiten einen höheren Etat hatte als die gesamten restlichen Klubs zusammen. Dass nicht jeder Spieler aus dem Nichts kam und Hoffenheim andere Interessenten vor allem finanziell ausstach.
Der große Wurf 2008 war erklärbar – mit finanzieller Potenz, einer eingespielten Mannschaft und einem glücklichen Transferhändchen. Nicht mehr, nicht weniger. Der Absturz 2010 ist erklärbar – mit Verletzungspech, Formtief der Leistungsträger und Disziplinlosigkeit. Nicht mehr, nicht weniger. Doch in Hoffenheim wartet das Extreme: Vom Wunder der schönen neuen Welt zur absoluten Sonnenfinsternis. Das hängt auch mit der Person Dietmar Hopp zusammen.
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