Hertha steigt (vielleicht) doch (nicht) ab
Warten
Text: Stefan Wallasch Bild: Imago
Unlängst wurde verkündet: Hertha bleibt vielleicht doch in der Bundesliga, schließlich fehlen nur noch fünf Punkte. Seltsam, denn eigentlich waren die Berliner doch schon abgestiegen – vor einer Woche. Ein Plädoyer für mehr Geduld.
»Fünf Minuten noch. Ist Werders Halbfinalspiel wirklich schon entschieden?«, sagte gestern Kommentator Thomas Wark kurz nach dem Tor zum 2:0 für Bremen. Das Zitat mag kein lehrbuchmäßiger Einstieg sein für einen Text, der weder von Werder Bremen, noch vom gestrigen Gegner FC Augsburg oder vom DFB-Pokal oder von Thomas Wark handelt. Aber wir merken es uns trotzdem mal.
Wer gerade erst beginnt, sich für Fußball zu interessieren, hat es nicht leicht in diesen Tagen. Verwirrendes wird berichtet. »5:1 bei Meister Wolfsburg – Herthas Hoffnung heißt Gekas« heißt es etwa im Hamburger Abendblatt, »Neue Hoffnung für Hertha BSC« sieht Die Welt. »Hertha ist noch da« (Tagesspiegel), »Herthas Auferstehung vor Ostern« (Eurosport).
Hertha BSC? Waren die nicht schon abgestiegen? Ja, waren sie; vor gar nicht so langer Zeit, vor einer Woche nämlich. Nachdem an jenem 26. Spieltag Angelos Charisteas den Nürnberger Siegtreffer in Berlin erzielte und in der Nachspielzeit aus einem Punkt für die Hertha null Punkte gemacht hatte, gingen hier »die Lichter« (heute.de) und »der Ofen aus« (nachrichten.at), Berlin war die »Abstiegs-Hauptstadt!« (BILD).
Warum nicht mal den Mittelweg beschreiten?
Denn es war natürlich unmöglich abzusehen, dass die Hertha eins der nächsten Spiele, möglicherweise sogar in Wolfsburg, gewinnen könnte. Dass die anderen Abstiegskandidaten gleichzeitig womöglich nicht punkten würden. Dass der Rückstand nicht mehr acht, sondern nur noch fünf Punkte betragen würde – bei dann noch sieben ausstehenden Spielen.
Sieben Spiele. Erinnert sich noch jemand? Am 20. Spieltag lag Bremen sieben Punkte hinter dem Europapokalplatz fünf. Über Werders neue Mittelmäßigkeit wurde seitenweise und stundenlang doziert; sieben Spiele später waren sie selber Fünfter. Gewiss, die Schweden sind keine Holländer (Franz Beckenbauer) und Berlin ist nicht Bremen. Aber die Berliner Konkurrenten sind auch nicht die Bremer Konkurrenten. Es kann viel passieren in sieben Spielen.
Schon in einem Spiel kann viel passieren. Und hier kippt das Phänomen komischerweise ins andere Extrem: Bevor sich etwa mancher Kommentator auf einen Sieger festlegt, muss es – Minimum – 4:0 kurz vor Abpfiff stehen. 2:0 für Werder in der 84. Minuten gegen einen Zweitligisten: Ist das Spiel wirklich schon entschieden? Warum nicht mal den Mittelweg beschreiten zwischen »Alles ist noch möglich!« und »Nichts geht mehr!«. Und warum nicht eine Saison mal als sowas wie ein langes, langes Spiel betrachten?
Weil sie die Spannung nicht ertragen
Nun ruht der Fußball nicht in erster Linie auf dem Analogiebildungs- und Abstraktionsvermögen der Beteiligten. Dass aber eine Branche, die seit einem halben Jahrhundert darauf pocht, dass ein Spiel 90 Minuten dauert, mit dem eigentlich naheliegenden Gedanke fremdelt, dass eine Saison eben 34 Spieltage währt, überrascht irgendwie doch.
Die bizarre Angewohnheit, nach einer Dreiviertelsaison einen Abstieg zu vermelden oder nach einer Viertelsaison Titelchancen auszuloten (Hoffenheim? 2008/2009?) erinnert ein bisschen an jene Menschen, die nach dem ersten Kapitel eines Buches zum Ende blättern, um nachzusehen, wie es ausgeht – weil sie die Spannung nicht ertragen. Das Ende der Saison steht nirgendwo. Denken sich die Ungeduldigen in Fernsehen, Zeitung und Kneipe deshalb einfach selber eins, um Ruhe, Gewissheit und Halt zu finden? Das mag ja einmal angehen, man nennt es Prognose. Aber jede Woche? Und jede Woche ganz anders?
Natürlich ist der Tabellenletzte mit acht Punkten Rückstand nach 26 Spieltagen nicht das Idealsujet für visionäre Erstligareportagen. Für keck formulierte Abstiegsbekanntmachungen allerdings auch nicht. Gut möglich, dass Berlin am Ende absteigt. Es gäbe Schlimmeres im Leben und für die Liga. Möglich, dass sie sich in die Relegation retten, und auf diesem Weg drinbleiben. Möglich sogar, dass sie 15. werden.
Sieben Spiele noch. Ist Herthas Abstieg wirklich schon entschieden? Warten wir’s doch einfach ab.
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