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08.08.2011

Prof. Gerhard Vinnai über 68 und Fußballkritik

»Es gab keine Rebellen«

Interview: Andreas Bock  Bild: Imago

Schon 1971 formulierte Gerhard Vinnai vieles von dem, was heute die heutige Ultrakultur für sich beansprucht: Eine radikale Kritik am modernen Fußball. Wir sprachen mit ihm über Spielermaterial, Marionetten und vermeintliche Kontrapunkte.

Prof. Gerhard Vinnai über 68 und Fußballkritik - »Es gab keine Rebellen«


Prof. Gerhard Vinnai, noch unter dem Eindruck der gesellschaftspolitischen Ereignisse von 1968 veröffentlichten Sie 1971 das Buch »Fußballsport als Ideologie«. Verstanden Sie sich als das schlechte Gewissen des Fußballs?

Prof. Gerhard Vinnai: Ich würde das ein bisschen relativieren. Manche 68er hatten zwar einen fußballkritischen Blick, dennoch waren viele von ihnen auch Fans.

Ihr Buch ist untertitelt mit dem Satz: »Die Tore auf dem Fußballplatz sind die Eigentore der Beherrschten«. Das klingt nicht nach einem Fan, der ein bisschen verstimmt ist, sondern nach radikalem Rundumschlag.


Prof. Gerhard Vinnai: Wir wollten damals alles radikal kritisieren und den Fußball dabei nicht ausklammern. Es begannen sich damals kritische Intellektuelle wie Theodor W. Adorno über den Sport zu äußern, obwohl dieser selbst kaum jemals Sport getrieben hat. Aber auch ein Autor wie Bero Rigauer, der Basketball-Nationalspieler war, wirkte prägend. Er veröffentlichte 1970 das Buch »Sport und Arbeit« und untersuchte darin die Gemeinsamkeiten eines vermeintlich zweckfreien Sports mit der Arbeit im Kapitalismus.



Was meint dieser Satz »Die Tore auf dem Fußballplatz sind die Eigentore der Beherrschten«? Wie sah der Fußballbegriff der 68er konkret aus?

Prof. Gerhard Vinnai: Meine Sportkritik ging damals davon aus, dass der organisierte Fußballsp0rt Massenverhaltensweisen auf eine Art lenkt, die der Demokratisierung der Gesellschaft und der individuellen Befreiung entgegensteht. Der Fußball war für uns damals ein systemerhaltendes Element. Wir stellten die These auf, dass durch die kommerziellen Interessen der Vereine die Spieler und Fans so einheitlich geformt werden, dass sie zur bestehenden Gesellschaftsordnung passen. Unserer Auffassung nach glichen sich die Spieler im Ganzen immer mehr einer Maschine an. Man äußerte damals im Trainerjargon oder im Sportjournalismus häufig: Die Mannschaft funktioniert wie eine gut geölte Maschine. Die Spieler erschienen uns in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern als Marionetten.

Sie wurden zum Spielermaterial?

Prof. Gerhard Vinnai: Ein Begriff, der besonders belastet ist, wenn man sich vor Augen führt, dass das Wort »Menschenmaterial« als Unwort des 20. Jahrhunderts gelten kann. Es impliziert eine unsägliche Verknüpfung von Lebendig-Menschlichem und einer toten Sache.

Dabei gab es doch immer wieder Spieler, die sich dem Apparat widersetzten.

Prof. Gerhard Vinnai: Sie meinen Spieler wie Paul Breitner?

Zum Beispiel.

Prof. Gerhard Vinnai: Solche Spieler wurden in den siebziger Jahren schnell zu Idolen. Spieler, die das Besondere repräsentieren. Es entstand ein Starkult um solche Spieler, weil sie die vermeintlichen Rebellen waren, die dem Diktat der Regel nicht gehorchten.

Sie waren keine Rebellen?

Prof. Gerhard Vinnai: Das war Wunschdenken. Wenn man hinter die Mao-Bibel und die langen Haare schaute, die damals als unangepasst galten, sah man da Spieler, die sehr stark in ein taktisches Mannschaftsgefüge und in kommerzielle Überlegungen der Vereine integriert waren. Diese Spieler mimten die Unorthodoxen, und glaubten vielleicht auch, einer damaligen gesellschaftlichen Tendenz in Deutschland entsprechend, es zu sein – aber letztlich waren sie auch Teil des Establishments.

Wie verhielt es sich mit den Vereinen?

Prof. Gerhard Vinnai: Ein Verein wie Borussia Mönchengladbach repräsentierte in den siebziger Jahren ein Gegengewicht zum FC Bayern, dem fast ein politischer Charakter zugeschrieben wurde. Jeder kennt diese Mannschaft unter ihrem Namen »Die Fohlen«. Ein Name, der eine wilde und ungezügelte Mannschaft vermuten ließ, ein Team, das sich kaum an Vorgaben hält. Dabei waren die Spieler doch genauso an Systeme, Regeln und ökonomische Interessen gefesselt. Es war alles eine Scheinidylle. Mönchengladbach war jedenfalls kein linker Kontrapunkt zum FC Bayern, zu dem es gemacht wurde.

Fußball im Ganzen glich sich Ihrer Meinung nach in den sechziger und siebziger Jahren dem Prinzip des kapitalistischen Systems an.

Prof. Gerhard Vinnai: Es gab diese Tendenz schon vorher, aber sie verstärkte sich zu dieser Zeit besonders. Man findet heute im Fußball das gleiche Konkurrenzprinzip wie im  Bereich der Arbeit. Es kamen damals Elemente der Arbeit auf, die sich im Fußball wiederholten. Etwa das starre Einhalten von Positionen.


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Kommentare

  • User
  • 16.03.2010 11:17:50 Dieter Prestin

    Man muss Vinnai nicht in jeder Antwortzeile uneingeschränkt gut oder generell innovativ finden, dennoch würde ich mir häufiger Interviews mit solcherart vom Fußballkomplex einigermaßen distanzierten Menschen wünschen. Ist mal was anderes und regt dementsprechend zu alternativen Gedanken an. Die Texte auf Vinnais Homepage scheinen darüber hinaus zumindest titeltechnisch für weitere Lektüre interessant zu sein. Bin mal gespannt (wenn ich denn dazu komme, etwas davon zu lesen). Mir jedenfalls war der Interviewte bisher unbekannt.

    Besten Dank also für dieses Interview und die Verlinkung zu Texten Vinnais.

  • User
  • 16.03.2010 15:18:36 Gallagher

    Moin,

    das Bild zum Interview hat aber nichts mit Gerhard Vinnai zu tun, oder?

    Ich erkenne da Jürgen Grabowski. Der Frisur nach zu urteilen so um die 1974.

  • User
  • 17.03.2010 16:53:05 Marco Polo

    Ich geb mal einen kurzen Kommentar zu dem eben gelesenen ab:

    Ich würde nciht sagen, dass der Fußball "intrumentalisiert" wurde. Das hängt einfach damit zusammen, dass dieses Wort impliziert, dass eine Institution, geschlossen Organisierte Gruppe oder eine Person etwas (hier den Fußball) gezielt und mit Planung verwendet um ein Ziel zu erreichen, dass im Ursprung der Sache nicht anhaftete.
    Ist das beim Fußball wirklich der Fall? Natürlich nutzen Unternehmen den Fußball als Werbefläche, bzw. die Flächen die der Fußball bietet (Werbebanden, Trikots, Stadiondurchsagen, Fernsehwerbepausen...), um sich auf dem Waren- und Kapitalmarkt einen besseren Platz zu erkaufen. Man kann hier allerdings nicht von Instrumentalisierung sprechen. Weil erstens die UNternehmen nicht als Geschlossene Gruppe auftreten, sondern jedes Unternehmen für sich. Zweitens weil sie den Fußball im Kern nicht verändern, sie verändern sicherlich das Umfeld, aber nicht die Sache an sich, sie schreiben den Vereinsmitgliedern und Zuschauern nicht vor wie sie den Fußball zu sehen haben. Außerdem wollen sie keinerlei systemrelevante Ziele erreichen, wie von politischen Problemem ablenken.

    Unbestreitbar wurden die Vereiene immer mehr zu Unternehmen und haben sich Stück für Stück den Regeln des Kapitals unterworfen. Man kann natürlich auch sagen, das sie sich die ökonomischen Prozesse zu nutze gemacht haben um mehr Geld einzunehmen und die Strukturen zu verbessern. Was aber letztlich ein und dieselbe Sache ist nur eben anders formuliert.
    Hier tritt eben wieder das ein was Marx als eindringen des Kapitals in alle Bereiche der menschlichen Kultur nennt. Das Kapital erzeugt einen Druck auf alles was sich in der Kultur befindet um letztlich die Kultur selbst zum Diener des Kapitals zu machen. Am Ende ist der Dichter oder eben auch der Sportler dem Kapital verpflichtet.

    Dass Fußball zu Stummschaltung der Bürger beiträgt halte ich für gewagt. Letztlich kann man jedem Massenphänomen dies vorwerfen. ZB die Überversorgung mit Essen...wenn die Leute mehr hungerten würden sie kritischer sein...diese Argumentation führt letztlich nirgendwohin. Ich finde jeder ist selbst dafür verantwortlich sich eine Meinung zu bilden und ein freier Mensch zu sein, wenn jemand der Fußball dazu im Weg steht ist er meines erachtens selber Schuld oder aber das Erziehungssystem hat versagt; der Fußball ist hier schuldfrei. Im Gegenteil bildet Fußball ein geeignetes Ventil um für die Gesellschafft potentiel schädliche Energien zu kanalisieren und unschädlich zu machen. Mir ist es allemal lieber, dass Leute zum Fußball gehen Gegner und Schiedsrichter 90 min lang beschimpfen, sich die Hand geben und wieder ins normale Leben steigen. Sowas hätte sicherlich auch Adorno gut getan.

    Bitte verjagt mich nicht als bösen kommunistischen Propagandisten oder ähnliches. Ich selbst bin glühenderNationalmannschafts und Bayern Fan und sympatisiere mit Hoffenheim. Also im Fußballermilieu das ziemliche Gegenteil eines Systembekämpfers. Es ist ja nicht so, dass die entwicklung des kapitalistischen Produktionsprozesses nur schlecht ist (das hat auch Marx niemals gesagt). Im Gegenteil ist dies die Grundlage für die weiterentwicklung der menschlichen Gesellschafft.

  • User
  • 17.03.2010 17:02:59 calimero

    höhö, kurzer kommentar....
    marco polo kam übrigens gebürtig aus kroatien

  • User
  • 18.03.2010 05:00:17 saloth sar

    Mir ist es allemal lieber, dass Leute zum Fußball gehen Gegner und Schiedsrichter 90 min lang beschimpfen, sich die Hand geben und wieder ins normale Leben steigen.

    wenn's nur so waere, leider geben sie sich nicht die hand, sondern stuermen plaetzed und kloppen sich

  • User
  • 03.12.2010 18:13:54 Rafael Thunderfart

    Nicht zu vergessen, der Klassenerhalt = Deklassierungsängste in der spätkapitalistischen Gesellschaft.

    Entweder sie sehen im Fußball das Instrument einer perfiden herrschaftlichen Strategie zur Verblödung der Masse, oder gleich das Modell einer besseren Welt. Darunter machen sie`s nicht. Wie nun, wenn der Fußball seine Rechtfertigung in sich selbst fände ?

    Man soll sich keinen Illusionen darüber hingeben, daß ohne das große Geld der Fußball niemals eine solch rasante Entwicklung durchlaufen hätte. Seitdem es um viel Geld geht, ist Fußball wirklich mehr als "nur ein Spiel".

    Ein Spieler wie Messi ist das Produkt einer verwissenschaftlichten Talentförderung, an die vor 40 oder 50 Jahren gar nicht zu denken gewesen wäre - damals fehlte das Geld und infolgedessen die Einrichtungen, die in der Lage waren, verallgemeinerbare Erkenntnisse zu produzieren, wie aus begabten Jugendlichen Weltklassespieler zu entwickeln seien.---

    Schön hat Dörfel nicht etwa deswegen zuhause gelassen, weil dieser ein Nonkonformist gewesen wäre, sondern weil die Position des klassischen Außenstürmers obsolet zu werden begann.

    Im Vergleich zu den Links- und Rechtsaußen im damaligen Spielsystem, haben im heutigen Fußball die 2. Stürmer nicht weniger, sondern mehr Bewegungsfreiheit. Die fußballerische Revolution der frühen 70er bestand ja gerade darin, die Spieler von den starren Rollenklischees ihrer Positionen zu befreien. Voetball Totaal, wie Ajax ihn spielte...oder Beckenbauer, der von hinten heraus, wo traditionell ein Ausputzer stand, das Spiel machte.

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