Prof. Gerhard Vinnai über 68 und Fußballkritik
»Es gab keine Rebellen«
Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Schon 1971 formulierte Gerhard Vinnai vieles von dem, was heute die heutige Ultrakultur für sich beansprucht: Eine radikale Kritik am modernen Fußball. Wir sprachen mit ihm über Spielermaterial, Marionetten und vermeintliche Kontrapunkte.
Prof. Gerhard Vinnai, noch unter dem Eindruck der gesellschaftspolitischen Ereignisse von 1968 veröffentlichten Sie 1971 das Buch »Fußballsport als Ideologie«. Verstanden Sie sich als das schlechte Gewissen des Fußballs?
Prof. Gerhard Vinnai: Ich würde das ein bisschen relativieren. Manche 68er hatten zwar einen fußballkritischen Blick, dennoch waren viele von ihnen auch Fans.
Ihr Buch ist untertitelt mit dem Satz: »Die Tore auf dem Fußballplatz sind die Eigentore der Beherrschten«. Das klingt nicht nach einem Fan, der ein bisschen verstimmt ist, sondern nach radikalem Rundumschlag.
Prof. Gerhard Vinnai: Wir wollten damals alles radikal kritisieren und den Fußball dabei nicht ausklammern. Es begannen sich damals kritische Intellektuelle wie Theodor W. Adorno über den Sport zu äußern, obwohl dieser selbst kaum jemals Sport getrieben hat. Aber auch ein Autor wie Bero Rigauer, der Basketball-Nationalspieler war, wirkte prägend. Er veröffentlichte 1970 das Buch »Sport und Arbeit« und untersuchte darin die Gemeinsamkeiten eines vermeintlich zweckfreien Sports mit der Arbeit im Kapitalismus.
Was meint dieser Satz »Die Tore auf dem Fußballplatz sind die Eigentore der Beherrschten«? Wie sah der Fußballbegriff der 68er konkret aus?
Prof. Gerhard Vinnai: Meine Sportkritik ging damals davon aus, dass der organisierte Fußballsp0rt Massenverhaltensweisen auf eine Art lenkt, die der Demokratisierung der Gesellschaft und der individuellen Befreiung entgegensteht. Der Fußball war für uns damals ein systemerhaltendes Element. Wir stellten die These auf, dass durch die kommerziellen Interessen der Vereine die Spieler und Fans so einheitlich geformt werden, dass sie zur bestehenden Gesellschaftsordnung passen. Unserer Auffassung nach glichen sich die Spieler im Ganzen immer mehr einer Maschine an. Man äußerte damals im Trainerjargon oder im Sportjournalismus häufig: Die Mannschaft funktioniert wie eine gut geölte Maschine. Die Spieler erschienen uns in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern als Marionetten.
Sie wurden zum Spielermaterial?
Prof. Gerhard Vinnai: Ein Begriff, der besonders belastet ist, wenn man sich vor Augen führt, dass das Wort »Menschenmaterial« als Unwort des 20. Jahrhunderts gelten kann. Es impliziert eine unsägliche Verknüpfung von Lebendig-Menschlichem und einer toten Sache.
Dabei gab es doch immer wieder Spieler, die sich dem Apparat widersetzten.
Prof. Gerhard Vinnai: Sie meinen Spieler wie Paul Breitner?
Zum Beispiel.
Prof. Gerhard Vinnai: Solche Spieler wurden in den siebziger Jahren schnell zu Idolen. Spieler, die das Besondere repräsentieren. Es entstand ein Starkult um solche Spieler, weil sie die vermeintlichen Rebellen waren, die dem Diktat der Regel nicht gehorchten.
Sie waren keine Rebellen?
Prof. Gerhard Vinnai: Das war Wunschdenken. Wenn man hinter die Mao-Bibel und die langen Haare schaute, die damals als unangepasst galten, sah man da Spieler, die sehr stark in ein taktisches Mannschaftsgefüge und in kommerzielle Überlegungen der Vereine integriert waren. Diese Spieler mimten die Unorthodoxen, und glaubten vielleicht auch, einer damaligen gesellschaftlichen Tendenz in Deutschland entsprechend, es zu sein – aber letztlich waren sie auch Teil des Establishments.
Wie verhielt es sich mit den Vereinen?
Prof. Gerhard Vinnai: Ein Verein wie Borussia Mönchengladbach repräsentierte in den siebziger Jahren ein Gegengewicht zum FC Bayern, dem fast ein politischer Charakter zugeschrieben wurde. Jeder kennt diese Mannschaft unter ihrem Namen »Die Fohlen«. Ein Name, der eine wilde und ungezügelte Mannschaft vermuten ließ, ein Team, das sich kaum an Vorgaben hält. Dabei waren die Spieler doch genauso an Systeme, Regeln und ökonomische Interessen gefesselt. Es war alles eine Scheinidylle. Mönchengladbach war jedenfalls kein linker Kontrapunkt zum FC Bayern, zu dem es gemacht wurde.
Fußball im Ganzen glich sich Ihrer Meinung nach in den sechziger und siebziger Jahren dem Prinzip des kapitalistischen Systems an.
Prof. Gerhard Vinnai: Es gab diese Tendenz schon vorher, aber sie verstärkte sich zu dieser Zeit besonders. Man findet heute im Fußball das gleiche Konkurrenzprinzip wie im Bereich der Arbeit. Es kamen damals Elemente der Arbeit auf, die sich im Fußball wiederholten. Etwa das starre Einhalten von Positionen.





