Best of 2010: Der qualvollste TV-Marathon der Welt
Clockwork Bundesliga
Text: Titus Chalk (Übersetzung: Johannes Ehrmann) Bild: Imago
Unser englischer Mitarbeiter Titus Chalk kam vollkommen ahnungslos aus England. Bundesliga-Konferenz? Nie gehört. DSF-Doppelpass? What the hell... Höchste Zeit für einen Selbstversuch: 48 Stunden in der deutschen TV-Hölle.
Sonntagabend. Nur noch eine Sendung, aber ich weiß wirklich nicht, ob ich durchhalte. Ich verwahrlose zusehends. Überall leere Bierflaschen und Krümel von Schweinekrusten, einer deutschen Spezialität, nach der ich inzwischen süchtig bin. Mir ist zum Heulen zumute. Mein rechtes Augenlid zuckt unkontrollierbar. Ich versuche verzweifelt, einen Freund zu erreichen, der von Fußball keinen blassen Schimmer hat. Denn wenn ich das F-Wort noch ein einziges Mal höre, breche ich zusammen.
Mit Debussy und einer Tasse Tee bringe ich mich wieder in die Spur. Der Gedanke daran, in einem Konzert zu sitzen und mich Kultiviertheit und Kunst hinzugeben, an einem Ort, wo meine Seele für einige Zeit losschweben kann, ist extrem reizvoll. An diesem Wochenende schwebt meine Seele nirgendwohin. Stattdessen wird sie entmündigt, durch permanente Zwangsfütterungen mit etwas, das sie vermeintlich geliebt hat. Die Katholiken nennen es die Hölle. Wir nennen es Fußballmarathon.
Alles hat mit einem zwanglosen Gespräch in der 11 FREUNDE-Redaktion begonnen, es ging um die Unterschiede zwischen englischem und deutschem Fernsehen. Plötzlich klopften mir die Kollegen auf den Rücken und teilten mir mit, dass ich in meiner Eigenschaft als englischer Sportjournalist auserwählt worden sei, mir an einem einzigen zermürbenden Wochenende sämtliche Fußballübertragungen deutscher Sender anzuschauen. Es solle eine existentielle Erfahrung im Stile von »Clockwork Orange« sein. Alle grinsten. Sehr witzig. Wie sagt man auf Deutsch? Kollegenschweine!
TUTTI FRUTTI UND DER DOPPELPASS
Schon bevor es losgeht, wird mir klar: Die Deutschen lieben Fußball – und sie lieben Fußballsendungen. Mein Sendeplan ist vollgepackt wie mein Koffer, als ich aus England hierher kam: Freitagabend Bielefeld
gegen 1860; samstags die Bundesligakonferenz, die »Sportschau« und das »Aktuelle Sportstudio«; sonntags der »Doppelpass«, Bayern gegen Leverkusen, danach HSV - Bochum, wenn möglich (ist es nicht, ich werde zusammenbrechen), zum Abschluss eine Auswahl der regionalen Abendshows. Das sind 52 Stunden Fußball mit ein bisschen
Schlaf dazwischen. Verstoßen meine Kollegen eigentlich gegen die Genfer Konvention?
Ich halte mich an einer Kindheitserinnerung fest. Meine erste prägende Erfahrung mit der deutschen Fernsehlandschaft war durchaus positiv. Als Zwölfjähriger sah ich mir mit einem Freund heimlich »Tutti Frutti« auf RTL an – das zweifache Wunder des Satellitenfernsehens und der europäischen Integration verschmolzen zu einem markanten Eindruck von Deutschland. Als sich das Fußballwochenende hinzieht, hoffe ich inständig auf tanzende Girls in briefmarkengroßen Bikinis. Vergeblich. Würde das den »Doppelpass« nicht etwas aufpeppen?
Schon während des schwülstigen »Sky«-Vorspanns am Freitagabend wird mir klar: Hier geht es um Spannung. Ein Phänomen, das sich in der ganzen Welt verbreitet hat. Ein sexy Zusammenschnitt, mit einem epischen Filmsoundtrack oder einer Indierockhymne unterlegt, der erhitzt das Fußballevent des Wochenendes ankündigt. Man muss nicht mal Deutsch sprechen, um zu erkennen, dass der Typ, der das Voice-Over spricht, WIRKLICH SEHR GESPANNT auf das ist, was da kommen mag.
KEINE STUDIOS, DAFÜR TROMMELN
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Vorfreude des Voice-Over-Mannes wirklich gerechtfertigt war. Beide Spiele, die ich mir in voller Länge ansehe, beginnen gut, die Mannschaften bieten ansehnlichen Fußball mit hohem Tempo. Nach der Pause jedoch fällt das Niveau stark ab. In diesen Momenten kann der Kommentar das TV-Erlebnis ausmachen oder aber zerstören. Leider reicht mein Deutsch nicht aus, um alles zu verstehen, aber mir fehlt doch der Co-Kommentator, der in England bei wichtigen Spielen immer dabei ist – ein ausgebildeter Profikommentator auf der einen und ein onkelhafter Trainer oder Ex-Spieler auf der anderen Seite, der vernichtende Kritik und fachliche Analysen beisteuert. Eine Kombination mit Erfolgsgarantie.
In Großbritannien und Irland gibt es ungefähr 4,8 Millionen Menschen, die »Sky« abonniert haben. Hierzulande können es kaum so viele sein, denn anscheinend kann sich der Sender nicht mal ein Studio leisten. Fast alles findet am Spielfeldrand statt. Der erfreuliche Nebeneffekt ist, dass die Atmosphäre im Stadion vor dem Spiel dadurch gut übertragen wird. Die Stimmung in der Bundesliga ist sehr beeindruckend, und mir wird klar, wie gut die Partien besucht sind.
Die deutschen Fans sind zweifelsohne Marktführer im Trommeln, Fahnenwedeln und Ins-Megafon-Brüllen. Ein Studio bietet dagegen eine sichere Zuflucht für die Experten und einen Ort, um das Spiel zu analysieren. Ich habe nichts dagegen, Kluboffizielle in ein fettes schwarzes Mikro sprechen zu sehen. Aber in der Halbzeit will ich auch verlässliche und überzeugende Kritik von Leuten, die wirklich wissen, wovon sie reden. Das ist natürlich das Idealbild. Nicht alle sogenannten Experten können ein Spiel profund erklären, selbst wenn sie herausragende Spieler oder Trainer waren. Aber es bringt doch Substanz in das Sendeformat; Substanz, die den deutschen Übertragungen fehlt.
Was mich hingegen beeindruckt ist die Tatsache, dass die beiden Trainer nach dem Spiel zusammen die wichtigen Szenen diskutieren. Ich halte das für einen äußerst zivilisierten Ausklang der Gegnerschaft auf dem Rasen. Ich kann zwar mangels Sprachkenntnis nicht beurteilen, ob sie irgendetwas außer Plattitüden von sich geben. Aber was ich weiß ist, dass man Sir Alex Ferguson und Rafael Benitez sicher nicht dazu bekommen würde, nach einem Duell zwischen Manchester United und dem FC Liverpool vergnügt miteinander am »Sky«-Tisch zu plaudern. Außer vielleicht, man erlaubt Rafa, das »Dossier«, das er angeblich über Fergies Entgleisungen angefertigt hat, von Anfang bis Ende vorzulesen.
Aus Heft#98 01/2010







