Fährt Michael Thurk zur WM?
Der Mini-Pippo
Text: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
Michael Thurk ist derzeit der erfolgreichste Stürmer im deutschen Profi-Fußball. Heute will der 33-Jährige seinem FC Augsburg im DFB-Pokal gegen den Köln ins Halbfinale schießen. Für die WM wird es aber wohl nicht reichen. Oder?
Was sagt es eigentlich über einen Fußballer aus, wenn er als sein Vorbild Filippo »Pippo« Inzaghi angibt? Inzaghi, jenen lauffaulen, italienischen Angreifer, bei einem Großteil der Fußballwelt wegen seiner Theatralik verhasst, wegen seiner chronischen Fallsucht von den Schiedsrichtern verdammt, für seinen eiskalten Torriecher von den Milan-Fans vergöttert . Wer hat schon Inzaghi, diesen Schummler, als Vorbild, wenn es doch all die Henrys, die Ronaldos, die Gerd Müllers da draußen gibt? All die Ballvirtuosen, auf die man sich einigen kann, weil sie dem Fußball jene Schönheit verleihen, die einen Jauchzen lässt beim Gedanken an Finaltore, Übersteiger, Emotionen. Jauchz.
Der beste Stürmer Deutschlands
Michael Thurk, Stürmer des FC Augsburg, hat Filippo Inzaghi als Vorbild und weiß auch warum: »Wir sind beide Schlitzohren«, grenzt Thurk den größten gemeinsame Nenner zwischen ihm, dem erfolgreichsten Angreifer der Zweiten Liga (19 Tore in 20 Spielen) und dem Rekordangreifer der Champions League ein. Man mag es für Größenwahn halten, aber irgendwie hat er nicht ganz unrecht. Auch Thurk schleicht des Öfteren wie unbeteiligt über das Spielfeld und ist dann in dem einen Moment da, in dem er gebraucht wird. Vor allem im Strafraum, denn da fühlen sich beide am wohlsten. Schleichen, Sprinten, Fuß hinhalten, Tor. Es kann ganz einfach sein, bei Inzaghi und bei Thurk - Pippo light sozusagen. In dieser Saison läuft es scheinbar besonders einfach, denn derzeit ist Thurk der treffsicherste Angreifer im deutschen Profi-Fußball - vor Kießling, vor Barrios und vor Kuranyi. Seine Treffsicherheit ließ jüngst sogar gegnerische Trainer zu Jubelarien ansetzen.
»Thurk muss zur WM!«
30. Januar 2010: Soeben hat Michael Thurk mit zwei Toren den Aufstiegskonkurrenten Arminia Bielefeld im Alleingang auf Distanz gehalten. Als er kurz nach dem Abpfiff Bielefelds durchaus aufbrausenden Trainer Thomas Gerstner trifft, raunt dieser Thurk zu: »Vorsicht, ich habe Dich gelobt.« Das kann man wohl sagen, denn kurz zuvor hatte Arminen-Trainer den Journalisten die Schlagzeile des Wochenendes in die Blöcke diktiert: »Man muss ganz einfach sagen, dass der FC Augsburg einen Stürmer hat, der normalerweise mit zur WM fahren müsste: Michael Thurk! Wenn ich Bundestrainer wäre, würde ich ihn mitnehmen.« Thurk muss zur WM! Muss er wirklich? »Als ich das gehört habe, musste ich schon ein bisschen schmunzeln. Aber ich bin alt genug, um mit so etwas umgehen zu können«, sagt Thurk heute und ergänzt: »Bei mir hat sich Jogi Löw auch noch nicht erkundigt.« So reicht es auch in dieser Hochphase seine Karriere wohl wieder einmal nicht für den ganz großen Sprung bei Thurk. Aber kennt er sich aus.
Ein Wechsel zum falschen Zeitpunkt
Als Thurks Vertrag in der Schlussphase der Saison 2003/04 beim Zweitligisten FSV Mainz 05 nicht verlängert wird, wundern sich viele in der Karnevalshochburg. Immerhin ist Thurk einer der Toptorschützen in der Geschichte des FSV, so einen lässt man doch nicht einfach so gehen. Doch die Zahlen sprechen diesmal gegen ihn, denn in den 30. Saisonspielen zuvor hatte Thurk kein einziges Mal getroffen - zu wenig für einen Aufstiegaspiranten.
Kurze Zeit später wird sein Wechsel zum FC Energie Cottbus bekannt, der pikanterweise mit dem FSV Mainz um einen Aufstiegsplatz ins Oberhaus rangelt. Doch wer glaubte, Thurk würde sich nun ausruhen, möglicherweise seine Mitspieler ablenken, um seinem neuen Klub den Weg in Liga Eins zu erleichtern, der wurde enttäuscht. Mit drei Toren in den letzten drei Spielen schoss Thurk die Mainzer in die Bundesliga. Zwei davon schoss er sogar beim 3:0 im Aufstiegs-Endspiel gegen Eintracht Trier. Da Cottbus zeitgleich in ein Formloch fiel, verhinderte Thurk so indirekt den Aufstieg seines neuen Klubs. Er blieb in Liga Zwei, in Mainz gab es die Party des Jahres. Die Bilder vom heulenden Thurk am Mainzer Bruchweg gingen durch die Presse.
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