Zu Besuch in der Hertha-Kapelle
Beten für den Klassenerhalt
Text: Johannes Ehrmann Bild: Hertha BSC
Vor jedem Heimspiel versammeln sich Dutzende Hertha-Fans in der Kapelle des Olympiastadions zum Gottesdienst. Geleitet wird er unter anderem von Gregor Bellin. Wir haben den katholischen Diakon einen Spieltag begleitet.
»Für die Spieler von Hertha BSC: Dass sie sich in Zukunft noch mehr zutrauen mögen, als sie das bisher vielleicht taten. Wir bitten dich, erhöre uns.« Vor den letzten Worten hebt Gregor Bellin den Blick, und die 35 Gottesdienstbesucher stimmen mit ein. Dass Bellin diese spezielle Fürbitte spricht, hat einen Grund. Der ökumenische Wortgottesdienst, den der katholische Diakon zusammen mit dem protestantischen Prälat Bernhard Felmberg leitet, findet nicht in einer herkömmlichen Gemeinde statt, sondern im Bauch des Berliner Olympiastadions, unmittelbar vor dem Spiel von Hertha gegen Borussia Mönchengladbach. Vor jedem Heimspiel kommen in der kleinen Kapelle mehrere Dutzend Fußballfans zusammen, um gemeinsam zu singen und zu beten. Natürlich auch für Hertha.
Hertha BSC, das derzeit größte Sorgenkind des Berliner Sports, hat die Gebete bitter nötig. Selbst die Leiden der gebeutelten Bibelfigur Hiob scheinen erträglicher als das, was die Mannschaft den Zuschauern und sich selbst in der ersten Hälfte der Saison zugemutet hat. Sechs Punkte aus 17 Spielen vor Weihnachten – ein frohes Fest mochte man sich in Anbetracht dessen gar nicht recht wünschen an Havel und Spree.
Schließen die christlichen Fans deshalb die Hertha besonders in ihr Gebet mit ein? »Klar«, sagt ein Besucher des Gottesdienstes, »das macht wohl jeder von uns.« Als Fußballfan sei es für ihn »eine tolle Sache«, dass er vor dem Spiel seine Gedanken an Gott wenden und direkt danach das Geschehen auf dem Rasen verfolgen könne. »Die Gemeinschaft ist wichtig, in der Gemeinde genauso wie unter uns Fans«, fügt Thorsten Heinrich hinzu. Er ist Mitglied im Fanklub »Totale Offensive« und besucht die Messe regelmäßig mit anderen Mitgliedern der Spandauer Josuagemeinde. Auf der Website der gläubigen Hertha-Fans ist der Christenfisch abgebildet – in weiß auf blauem Grund. Darunter findet sich der Leitspruch »Gegen den Strom«.
Gegen den Strom schwimmen auch die Spieler des besten Fußballvereins der Hauptstadt in der Rückrunde, die gerade begonnen hat. Die Berliner stecken tief im Tabellenkeller fest – eigentlich kann nur noch ein mittelgroßes Wunder den Klassenerhalt sichern. In seiner Predigt greift Prälat Felmberg die Kellermetapher auf. »Jesus Christus ruft uns zu: Euer Herz erschrecke nicht«, zitiert er die Jahreslosung, um dann die verfahrene Situation der Berliner Fußballer mit scheinbar aussichtslosen Lebenslagen zu vergleichen, in die der Lichtstrahl Gottes dennoch hereinscheint. »Stufe für Stufe können wir uns daran emporziehen«, ruft Felmberg mit fester Stimme der kleinen Gemeinde zu. Nach der Predigt erklingt »Ein feste Burg ist unser Gott«, die Nummer 362 aus dem Evangelischen Gesangsbuch.
»Das Leben geht weiter, auch wenn Hertha absteigt«
An den Lichtstrahl Gottes zu glauben fällt in diesen bitterkalten Wintertagen nicht leicht, besonders für die Anhänger der Hertha. Explizit für Punktgewinne ihrer Mannschaft beten die Kapellenbesucher aber nicht, wie sie sagen, »sondern eher dafür, dass die Spieler von Verletzungen verschont bleiben und neue Kraft und Motivation schöpfen«, wie es Thorsten Heinrich ausdrückt. »Das Leben geht weiter, auch wenn Hertha absteigt«, meint ein anderer Besucher.
»Ich bete nicht für Hertha-Siege«, sagt auch Diakon Bellin. »Den Fußballgott, wie Rudi Assauer ihn einmal beschrieben hat, gibt es für mich nicht, ich habe einen anderen Gottesbegriff.« Schon seit vier Jahrzehnten pilgert Bellin mit den Massen ins Olympiastadion, die meiste Zeit davon als Fan, seit anderthalb Jahren auch in offizieller Funktion als Geistlicher. An den Zusammenkünften im Namen Gottes vor dem Spiel fasziniert ihn der Querschnitt aus allen Schichten. »Es kommen Leute von der Ehrentribüne genau so wie aus der Ostkurve«, schwärmt er. »Das finden Sie in keiner normalen Gemeinde so vor!«
Unmittelbar vor Spielbeginn hat sich Bellin traditionell am Ausgang der Katakomben positioniert, um den Spielern noch einmal in die Augen zu schauen, dem einen oder anderen vielleicht noch letzten Mut zuzusprechen. Je entschlossener die Herthaner dem Diakon Bellin in die Augen sehen, desto ruhiger kann der Fan Bellin die 90 Minuten angehen. »Die Körpersprache sagt sehr viel aus«, ist er sich sicher.
Bei aller Leidenschaft ist die Grenzziehung zwischen Fansein und Geistlichkeit klar. »Im blauweißen Ornat werden Sie mich nicht sehen«, so Bellin. Das kirchliche Angebot im Stadion bestünde für alle Fans. Zwischen 40 und 60 Leute kämen im Schnitt. Einmal sei so viel los gewesen, dass zwei Gottesdienste hintereinander abgehalten wurden. Dass jetzt, in der größten sportlichen Krise, mehr Leute kämen, will Bellin dagegen nicht bestätigen.
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