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09.02.2010

Zu Besuch in der Hertha-Kapelle

Beten für den Klassenerhalt

Text: Johannes Ehrmann  Bild: Hertha BSC

Vor jedem Heimspiel versammeln sich Dutzende Hertha-Fans in der Kapelle des Olympiastadions zum Gottesdienst. Geleitet wird er unter anderem von Gregor Bellin. Wir haben den katholischen Diakon einen Spieltag begleitet.

Zu Besuch in der Hertha-Kapelle - Beten für den Klassenerhalt


»Für die Spieler von Hertha BSC: Dass sie sich in Zukunft noch mehr zutrauen mögen, als sie das bisher vielleicht taten. Wir bitten dich, erhöre uns.« Vor den letzten Worten hebt Gregor Bellin den Blick, und die 35 Gottesdienstbesucher stimmen mit ein. Dass Bellin diese spezielle Fürbitte spricht, hat einen Grund. Der ökumenische Wortgottesdienst, den der katholische Diakon zusammen mit dem protestantischen Prälat Bernhard Felmberg leitet, findet nicht in einer herkömmlichen Gemeinde statt, sondern im Bauch des Berliner Olympiastadions, unmittelbar vor dem Spiel von Hertha gegen Borussia Mönchengladbach. Vor jedem Heimspiel kommen in der kleinen Kapelle mehrere Dutzend Fußballfans zusammen, um gemeinsam zu singen und zu beten. Natürlich auch für Hertha.  



Hertha BSC, das derzeit größte Sorgenkind des Berliner Sports, hat die Gebete bitter nötig. Selbst die Leiden der gebeutelten Bibelfigur Hiob scheinen erträglicher als das, was die Mannschaft den Zuschauern und sich selbst in der ersten Hälfte der Saison zugemutet hat. Sechs Punkte aus 17 Spielen vor Weihnachten – ein frohes Fest mochte man sich in Anbetracht dessen gar nicht recht wünschen an Havel und Spree.  

Schließen die christlichen Fans deshalb die Hertha besonders in ihr Gebet mit ein? »Klar«, sagt ein Besucher des Gottesdienstes, »das macht wohl jeder von uns.« Als Fußballfan sei es für ihn »eine tolle Sache«, dass er vor dem Spiel seine Gedanken an Gott wenden und direkt danach das Geschehen auf dem Rasen verfolgen könne. »Die Gemeinschaft ist wichtig, in der Gemeinde genauso wie unter uns Fans«, fügt Thorsten Heinrich hinzu. Er ist Mitglied im Fanklub »Totale Offensive« und besucht die Messe regelmäßig mit anderen Mitgliedern der Spandauer Josuagemeinde. Auf der Website der gläubigen Hertha-Fans ist der Christenfisch abgebildet – in weiß auf blauem Grund. Darunter findet sich der Leitspruch »Gegen den Strom«.  

Gegen den Strom schwimmen auch die Spieler des besten Fußballvereins der Hauptstadt in der Rückrunde, die gerade begonnen hat. Die Berliner stecken tief im Tabellenkeller fest – eigentlich kann nur noch ein mittelgroßes Wunder den Klassenerhalt sichern. In seiner Predigt greift Prälat Felmberg die Kellermetapher auf. »Jesus Christus ruft uns zu: Euer Herz erschrecke nicht«, zitiert er die Jahreslosung, um dann die verfahrene Situation der Berliner Fußballer mit scheinbar aussichtslosen Lebenslagen zu vergleichen, in die der Lichtstrahl Gottes dennoch hereinscheint. »Stufe für Stufe können wir uns daran emporziehen«, ruft Felmberg mit fester Stimme der kleinen Gemeinde zu. Nach der Predigt erklingt »Ein feste Burg ist unser Gott«, die Nummer 362 aus dem Evangelischen Gesangsbuch.  

 »Das Leben geht weiter, auch wenn Hertha absteigt«

An den Lichtstrahl Gottes zu glauben fällt in diesen bitterkalten Wintertagen nicht leicht, besonders für die Anhänger der Hertha. Explizit für Punktgewinne ihrer Mannschaft beten die Kapellenbesucher aber nicht, wie sie sagen, »sondern eher dafür, dass die Spieler von Verletzungen verschont bleiben und neue Kraft und Motivation schöpfen«, wie es Thorsten Heinrich ausdrückt. »Das Leben geht weiter, auch wenn Hertha absteigt«, meint ein anderer Besucher.  

»Ich bete nicht für Hertha-Siege«, sagt auch Diakon Bellin. »Den Fußballgott, wie Rudi Assauer ihn einmal beschrieben hat, gibt es für mich nicht, ich habe einen anderen Gottesbegriff.« Schon seit vier Jahrzehnten pilgert Bellin mit den Massen ins Olympiastadion, die meiste Zeit davon als Fan, seit anderthalb Jahren auch in offizieller Funktion als Geistlicher. An den Zusammenkünften im Namen Gottes vor dem Spiel fasziniert ihn der Querschnitt aus allen Schichten. »Es kommen Leute von der Ehrentribüne genau so wie aus der Ostkurve«, schwärmt er. »Das finden Sie in keiner normalen Gemeinde so vor!«  

Unmittelbar vor Spielbeginn hat sich Bellin traditionell am Ausgang der Katakomben positioniert, um den Spielern noch einmal in die Augen zu schauen, dem einen oder anderen vielleicht noch letzten Mut zuzusprechen. Je entschlossener die Herthaner dem Diakon Bellin in die Augen sehen, desto ruhiger kann der Fan Bellin die 90 Minuten angehen. »Die Körpersprache sagt sehr viel aus«, ist er sich sicher.  

Bei aller Leidenschaft ist die Grenzziehung zwischen Fansein und Geistlichkeit klar. »Im blauweißen Ornat werden Sie mich nicht sehen«, so Bellin. Das kirchliche Angebot im Stadion bestünde für alle Fans. Zwischen 40 und 60 Leute kämen im Schnitt. Einmal sei so viel los gewesen, dass zwei Gottesdienste hintereinander abgehalten wurden. Dass jetzt, in der größten sportlichen Krise, mehr Leute kämen, will Bellin dagegen nicht bestätigen.  


weiterlesen [1] [2]



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Kommentare

  • User
  • 09.02.2010 09:15:38 DerAchim

    wenn gott für uns ist, wer mag wider uns sein?

    vielleicht müssen wir uns ja wahrlich aus der asche der zweiten liga wie phönix erheben...gott behüte uns nur vor dem konsolidierungskurs der zweiten liga.

    ich werd hier ganz spirituell nach dem lesen dieses berichtes, sehr gut geschrieben herr ehrmann. wenn auch wieder zu emotionslos, wie alle berichte bei 11freunde über die hertha aus berlin. beweist mir aber nur wieder, das zwar alle gern in berlin wohnen, aber mit dem club will sich niemand so recht auseinandersetzen.

  • User
  • 09.02.2010 09:45:40 Schwatte

    wenn gott für uns ist, wer mag wider uns sein?

    ...wenn jeder Verein seine Kapelle und Geistlichen hat, ist das eine gute Frage...

    Bellin erzählt auch die Geschichte eines ehemaligen Hertha-Spielers, der sich vor einer Partie eine Segnung durch den Diakon erbat. Als der dies im nächsten Spiel versäumte und sich der Profi prompt verletzte, ging es nicht mehr ohne Kreuzzeichen vor dem Anpfiff. »Da verbindet sich teils auch Aberglaube mit Gottvertrauen«, sagt Bellin.

    Das beißt sich für mich mächtig. Einerseits für die Spieler da sein und sie in ihrem Glauben unterstützen, andererseits einen festen Glauben als Aberglauben abtun - wenn denn der Spieler auch sonst gläubig ist.

    Dass die Sportler fest an etwas glauben scheint schlussendlich wichtiger als die Frage, an was genau.

    Das ist dann auch etwas seltsam. Dann sollte es lieber ein "neutraler" Gebetsraum sein und nicht speziell eine christliche Kapelle. Und es klingt auch so, als ob es dem Diakon egal wäre; Hauptsache als Ökumene da sein und sich zeigen können. Präsenz ist wichtiger als Inhalt? Geht für mich am christlichen Glauben vorbei.

    wenn auch wieder zu emotionslos, wie alle berichte bei 11freunde über die hertha aus berlin.

    Ganz abgesehen von Herthas sportlicher Lage - was willste denn da auch Emotionen reinbringen? Sachlich und nüchtern: gut so, Meister Erhmann!

  • User
  • 09.02.2010 10:10:32 Johannes Ehrmann

    Danke für das Lob. Ein Hinweis zu der zitierten Stelle:

    Dass die Sportler fest an etwas glauben scheint schlussendlich wichtiger als die Frage, an was genau. Das ist nicht die Meinung von Diakon Bellin, sondern die des Autors. Vielleicht wird das im Text nicht ganz klar.

  • User
  • 09.02.2010 10:31:14 DerAchim

    Mit emotionslos meinte ich nicht, das man da einen Fan ans schreiben des Artikels hätte setzten sollen. Lieber würde ich darüber informiert werden wie in dieser heiklen Lage des "Abstiegskampfs" in der Kapelle verhalten wird. Zu mal ja auf dem Platz, und das muss man auch als Herthafan zugeben, im moment auch keine Emotionen herrschen.

    Eventuell auch was der Diakon Bellin zur Beziehung Hertha- Stadt Berlin sagt.

    Allerdings hast du wohl auch recht Schwatte, bei Hertha kann man im Moment einfach keine Emotionen reinbringen.

  • User
  • 09.02.2010 10:58:14 Schwatte

    Das ist nicht die Meinung von Diakon Bellin, sondern die des Autors. Vielleicht wird das im Text nicht ganz klar.

    Gut zu wissen, da war ich mir in der Tat nicht ganz sicher.

  • User
  • 09.02.2010 19:23:11 Würzburger

    Senke im Folgenden das Niveau der Kommentare insgesamt massiv, nur so als Vorwarnung.

    (Ziemlich schlechter Witz, is mir aber egal:
    Den Namen Bellin haben sich wohl einige gottesfürchtige Herthaner nach zu heftigem Vorglühen mit dem Blut Jesu für den Diakon ausgedacht. "Diakon, wo sin wa hier?" "Na, Berlin!" "Wa?" " Berlin!!"
    "Asso, Bellin! Habschvergessn!" "Hömma, Bellin, wo gehsn hier sur Dribüne?"...
    Berliner Dialekt bitte dazudenken.)
    Aber wer will ihnen verdenken, dass sie ihren Frust ertränken? Wo es doch mit dem göttlichen Beistand allein nich reicht?

  • User
  • 09.02.2010 19:36:29 Würzburger

    Der Artikel ist aber trotz obigen Beitrags richtig richtig gut und interessant. Eine Frage hätte ich aber noch:
    Wie ist das denn droben in Berlin, kann da ein katholischer Diakon kirchenrechtlich gesehen einfach einen ökumenischen Gottesdienst mit abhalten? Bei uns in Bayern ist das nicht ganz so einfach.

  • User
  • 09.02.2010 19:54:27 knoxville

    ...und erlöse uns von dem Bösen....!

  • User
  • 09.02.2010 23:21:20 UrmelAusmEis

    Ich dachte, das wär schon passiert.

  • User
  • 10.02.2010 15:59:02 CoachD

    So ein Scheiss. Also das Thema, nicht der Artikel. Jedes 0815 Stadion hat jetzt seine Kapelle. Was für ein Ausverkauf des Glaubens und der Kirche. Was hat eine Kapelle in einem Fussballstadion zu suchen? Antwort: Nüscht.
    Demnächst werden wahrscheinlich auch Gottesdienste beim ACDC Konzert, bei Mc Donalds und bei Nordsee abgehalten.

  • User
  • 11.02.2010 10:39:20 Schwatte

    Hehe, so unverblümt wollte ich es in meinen Posts nicht schreiben, aber das trifft so ungefähr auch meine Meinung.

  • User
  • 11.02.2010 14:39:29 AntiMöller

    Es gibt ja auch Autobahnkirchen, christlichen Heavy Metal, Biker-Pfarrer...

    Die Kirche geht halt dahin, wo es wehtut. Frag nach, beim berliner Canisius Kolleg. ^^

  • User
  • 11.02.2010 15:53:10 CoachD

    @antiMöller
    An Autobahnen findet man Leute, die fernab von der Heimat sind und evt. Schutz und Beistand suchen. Wer Sonnabends zu Hertha geht kann auch Sonntags in die Kirche gehen...ohne Trikot und Bratwurst.Und bei Bikerzeremonien wird oft den auf den Strassen gestorbenen Bikern gedacht... Alles sinnvoll... Bei Stadionkapellen habe ich das Gefühl, dass sich sowohl die Fans, auch als die Kirche zu wichtig nehmen. Mein Gott: Fussball gucken, Bier trinken, Wurst essen , Hause gehen... Dieser ganze Circus drumherum nervt doch...
    In einem muss ich Dir aber Recht geben. Wenn die Kirche angeblich dahin geht wo es weh tut, ist Hertha zumindest die logischste Adresse zur Zeit. Wahrscheinlich will der Pfaffe aber nur gratis Bier im VIP Raum saufen und vor den Hostessen den einfühlsamen Kirchenmaxe raushängen lassen...Sei's drum

  • User
  • 11.02.2010 16:13:47 AntiMöller

    Zur Klarstellung: eine Kapelle im Stadion finde ich fast genauso affig, wie ein Vereinsgrab.

  • User
  • 11.02.2010 16:15:18 CoachD

    Das Olympiastadion scheint diese Saison allerdings ein Vereinsgrab zu sein.

  • User
  • 11.02.2010 22:31:04 knoxville

    Da das Stadion (samt Taufbecken) nur für die WM06 so opulent umgebaut wurde, hat die Kapelle genauso viel mit Hertha BSC zu tun, wie Hertha BSC mit dem Klassenerhalt..nämlich nischt!

  • User
  • 13.02.2010 17:58:58 Toph85

    Als Kind bin ich immer in die örtliche Kneipe gegangen, um Bundesliga zu gucken. Als Sammy Kuffour einmal Samstags vor dem Spiel auf dem Rasen kniete und betete sagte die damalige Wirtin (Gott habe sie selig): "Eine Schande, den Herrgott wegen so was wie Fußball zu belästigen!" So kann man's auch sehen.

  • User
  • 13.02.2010 18:43:04 knoxville

    Richtig!

    Lieber Herrgott, laß diese verschissene Drecksmannschaft dieses Scheißvereins endlich absteigen und für alle Zeiten Pleite gehen!!


    I pray...

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