Als Frau im Wettbüro
Allein unter Männern
Text: Jeanette Krauth Bild: Imago
Kaffee, Kippen, derbe Witze: In Wettbüros sind Männer meist unter sich. Unsere Autorin hat in mutiger Mission trotzdem eines besucht – und war überrascht, eine Expertin zu treffen. Von ihr will sie lernen, wie aus 10 Euro 100 werden.
Mehr geduldet als erwünscht sitze ich neben der Meisterin. Ich bin hier, weil ich lernen will, wie man richtig Fußballwetten tippt. »Ich will davon leben, demnächst«, prahle ich, und die Männer ringsum sind empört. »Davon leben!«, höhnt einer. »Am besten gehst du wieder nach Hause!«, sagt der nächste. Die Meisterin guckt leicht verächtlich aus dem Augenwinkel zu mir, dann starrt sie auf die Leinwände vor ihr.
Sie und ich sind heute die einzigen Frauen hier. Neben 180 Männern in einem der größten Wettbüros in Nordrhein-Westfalen. Sie ist die Königin, hat man mir verraten. Sie kommt fast täglich und gewinnt häufiger als andere. Von ihr will ich wissen, wie das geht: strategisch auf Fußball wetten. Mein Mitbewohner hat das oft gemacht, aus zehn Euro 100 in Neuköllner Spelunken. Das will ich auch.
Als ich ankomme, Großstadt, Innenring, Fußgängerzone, ist mir eins sofort klar: Dieser Laden will keine Spelunke sein. Außen ein Glas-Entree wie ein Modegeschäft, innen ein riesiger L-förmiger Raum, dunkles Laminat, hölzerne Tischreihen mit Tischlampen aus Milchglas. Kein Platz an der Wand darf einfach nur Wand sein, Beamer strahlen etliche Liveübertragungen von Fußballspielen aus, daneben Ergebnis- und Quotentabellen.
Ich schlage mich zum Tresen durch, vorbei an dicken, an dünnen, gut gekleideten, schlecht gekleideten, an jungen, an alten Männern. Na, das kann ja lustig werden, denke ich. Doch die Männer sind mehr als beschäftigt. Sie starren wie hypnotisiert auf die Wände, auf die Tabellen und Spiele.
Geh zur Meisterin...
Am Tresen angekommen will ich Tendenzen setzen, also sagen: Dieser Bundesligaklub gewinnt, dieser verliert. Meine Wette lautet: Stuttgart gewinnt gegen Hoffenheim., Frankfurt gewinnt gegen Wolfsburg. Nur wenn beides stimmt, werden aus meinen gesetzten fünf Euro 30 Euro und 80 Cent. Der Mann am Tresen erzählt mir, dass vergangene Woche jemand aus 20 Euro 21 000 gemacht hätte. Und er gibt mir den Tipp mit der Meisterin. Sie komme fast jeden Tag, sei richtig gut, sagt er und zeigt auf eine schmächtige Frau mit schwarzem Pagenkopf. Sie kneift die Augen zusammen, blinzelt zur Leinwand, greift in eine Tüte voller Sonnenblumenkerne, knackt ein paar davon, schreibt etwas auf, rasch, dann schaut sie wieder auf, ihr Blick huscht von einer Tabelle zur nächsten, von einem Spielstand zum nächsten.
Ein Wust aus Zahlen, Tabellen und Abkürzungen bestimmt die Regeln in diesem Laden. Mit Eckkneipen-Fußballatmosphäre hat das alles nichts zu tun. Alkohol gibt es gar nicht, nur einen Kaffeeautomaten, 70 Cent kostet der Becher. Wichtigstes Utensil ist das 15-seitige Wettprogramm, eng bedruckt mit Quoten, Wettmöglichkeiten, Spielnummern. Die Quoten ändern sich im Spielverlauf. Als ich meine Wette abgebe, lautet die Quote für Stuttgart 2,2. Wenn Stuttgart gewinnt, dann gewinne auch ich und mein Einsatz vervielfacht sich. Die Tabellen auf der Leinwand verstehe ich nur zur Hälfte: der Spielstand, okay. Dann 1-0-2, das sind die Kürzel für die Wette auf welches Spielergebnis. 1 bedeutet die erstgenannte Mannschaft gewinnt, 0 ist unentschieden, 2 bedeutet die zweitgenannte Mannschaft gewinnt. Dann wird es komplizierter, es geht um Übertore, Untertore, und diese Zahlen verändern sich je nach Spielzeit.
Der Tippzettel der Meisterin ist fünfmal so lang wie meiner. Neun Spiele hat sie gewettet, nur wenn sie acht richtig eingeschätzt hat, gewinnt sie. Neun Beamer werfen Spielbilder an die Wand, einen Ton hört man: »Es sieht wieder mal nach einer Niederlage für Hertha BSC aus, das wäre die 13. in dieser Saison«, sagt der Kommentator. Es ist die 32. Minute im Spiel FC Bayern München gegen Hertha BSC. Kurz darauf fällt das 3:0. Die Meisterin sortiert den Papierstapel vor ihr, vollgeschriebene Zettel, dazwischen Fußballmagazine. Sie schaut von einer Tabelle zur nächsten, die Spiele selbst verfolgt sie kaum. Sie füllt einen der Tippscheine aus, die auf den Tischen parat stehen und läuft in Richtung Tresen.





