Das Unwort des Fußballs
Jetzt mal nicht so zimperlich!
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Es gibt schöne Wörter (Zuckerpass) und hässliche (Pferdekuss). Und dann gibt es eines, das kann sich nicht mal durch seine Verneinung retten: zimperlich und nicht zimperlich – beides Mist. Eine Sprachkritik.
Vor einigen Jahren wurde die Wahl zum schönsten Wort der deutschen Sprache abgehalten. Geborgenheit war ganz vorn mit dabei, gefolgt vom Verb lieben und dem Augenblick. Es siegten die Habseligkeiten. Beim Wettbewerb war nicht entscheidend, wie oft ein Wort genannt wurde, sondern wie die Einsender ihre Wahl begründeten. Am besten gelang es Doris Kalka, die Habseligkeiten vorgeschlagen hatte. Sie gewann eine Reise nach Mauritius.

Dort, an den Gestaden des Indischen Ozeans, mögen sie sich tummeln, all die schönen Wörter und ihre Sprecher, in der widerstandslosen Luft der wohlklingenden Syntax, und lesen gemeinsam was von Hermann Hesse (»Narziß und Goldmund«).
Es gibt aber auch, und das wollen wir nicht vergessen, Wörter, die ein schlechtes Image haben und es auch auf lange Sicht nicht werden ablegen können. Sie leben nicht auf Mauritius, seltsam fern der Alltagssprache, sondern in einem gichtkalten Hinterhofkeller in, sagen wir, Castrop-Rauxel.
Graupel in Rauxel
Graupel zum Beispiel mag wohl niemand, jenen Niederschlag, bei dem Schnee und Regen gemeinsam die Menschen in ihre Behausungen peitschen. Brrrr! Da hält das Wetter, was das Wort verspricht. So auch beim Nacktmull, einem Nagetier aus der Unterordnung der Stachelschweinverwandten, das aussieht, wie es heißt: verdammt erbärmlich. Krätze, Stinkstiefel, Lochfraß, Wampe, Rentnerschwemme, Schwanzhund, Überstunde, Schmalz, Wollwurst (eine kulinarisches Ärgernis aus Bayern), Zecke: Wer schon den Klang dieser Wörter vernehmen muss, will den Sinn gar nicht erst erfahren.
Lenkt man sein Gehör nun auf den Sprachschatz der Fußballberichterstattung, so entdeckt man dort neben einigen Mauritius-Wörtern (Sonntagsschuss, Glanzparade, Zuckerpass) auch solche aus dem Rauxeler Gichtkeller: Blutgrätsche, Pferdekuss, Jochbeinbruch. Um nur einige zu nennen.
Und dann gibt es da noch ein Adjektiv, das darf nicht mal mit in den Keller. Es steht ganz allein, draußen im Graupel. Es kann sich nicht verkleiden, nicht einmal durch seine Verneinung wendet es sich ins Positive. Es ist und bleibt hässlich, mit ihm will niemand was zu tun haben. Das Wort heißt zimperlich.
Es klingt nicht von ungefähr wie mickerig, es ist es auch. Zimperlich, lehrt uns das »Lexikon der Etymologie«, kommt von zumpfen, was sich zieren bedeutet. Wer zimperlich ist, vereint so ziemlich alles auf sich, was ein Ballettmädchen ist, aber ein Fußballer nicht sein will und nicht sein darf: weichlich, schwächlich, heikel, saft- und kraftlos. Darüber hinaus kommt zimperlich fast immer mit dem Intensitätspartikel zu um die Ecke: Man kann nur zu zimperlich sein. Unmöglich ist es, gerade zimperlich genug zu sein.
Zimperliche werden als Letzte gewählt, wenn überhaupt, denn Zimperliche verursachen Niederlagen. Zu zimperlich war der Befreiungsschlagversuch von Thorsten Fink im Champions-League-Finale 1999, zu zimperlich war Bremens Per Mertesacker im Laufduell mit Gladbachs Raul Bobadilla, zu zimperlich war Toni Schumacher beim Herauslaufen im WM-Endspiel 1986 gegen Argentinien.








