Wie Köln seine Internetgemeinde vertreibt
Zugang nur für Kunden
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Der 1. FC Köln hat sich als Betreiber des Fan-Forums »fc-brett.de« entschlossen, nur noch Vereinsmitgliedern den Zugang zu gewähren. Eine volksferne Maßnahme, die zeigt, wie tief der Riss zwischen Klubs und ihren Fans sein kann.
Fans sind Fans, und keine zufällig vorbeikommenden Passanten. Sie sind, sonst würden sie ja nicht so heißen, fanatisch. Fanatisch in ihren Gefühlen für ihren Verein, im Guten wie im Schlechten. Sie lieben fanatisch und hassen fanatisch, feiern fanatisch, können fanatisch nicht schlafen, tapezieren ihre Hobbykeller fanatisch, sind fanatisch glücklich, fanatisch wütend, fanatisch traurig. Selbst wenn ihnen etwas egal ist, sind sie dabei fanatisch. Wer Fans haben will, muss damit leben.
Schon immer diskutierten Fans auch fanatisch. Früher in der Bahn zum Auswärtsspiel, am Stammtisch, in der Kantine am Montag bei der Maloche. Da blieb es im kleinen Kreis, ein übergreifender Diskurs fand bestenfalls per Leserbrief statt. Zwischen Rede und Gegenrede vergingen mindestens 24 Stunden.
Anders heute: In den Fanforen erfolgt der Schlagabtausch im Sekundentakt. Soll dieser Spieler verpflichtet, soll jener abgegeben werden? Warum trifft die Nummer 9 die Hütte nicht mehr? Muss der junge Außenverteidiger mehr Einsatzzeit bekommen? Der eine ist fanatisch dafür, der andere fanatisch dagegen, selbst die Gemäßigten sind, wenn sie zu schlichten versuchen, fanatische Vermittler. Alles für den Verein!
Niedergeschrieben, hundert-, tausendfach
Solche Personaldiskussion nimmt der Verein, um den es geht, als Hintergrundrauschen wahr. Vielleicht klickt sich ein Spieler mitunter heimlich ins Forum und überprüft seine Beliebtheit – gaaaanz vorsichtig, so wie ein Mann, der mit dem großen Zeh das Wasser probiert.
Wenn die Fans sich aber aus ihren Scharmützeln lösen und sich einmal einig sind, dann wird es heikel für den Verein. Kritik am Trainer, am Vorstand oder gar am ganzen Gefüge bleibt heute nicht mehr an den Stammtischen und fluktuiert bloß in die nikotingelbe Kneipenluft – sie steht niedergeschrieben, hundert-, tausendfach, für jedermann zugänglich.
Wie sieht das denn aus? Ein Desaster für all diejenigen, die im BWL-Proseminar »Markenkommunikation« aufgepasst haben.
Auch der 1. FC Köln ist, trotz aller traditionellen Gefühligkeit, ein Verein, dessen Marketingabteilung vor allem unternehmensstrategisch denkt. Eine optimale Außendarstellung wird jedoch durch die kritische Masse und das Forum, das man ihm selbst bietet, konterkariert.
Vielleicht erklärt sich so die Maßnahme, zu der sich der FC als Betreiber des Fan-Forums fc-brett.de nun entschlossen hat: Er will nur noch Vereinsmitgliedern den Zugang gewähren. Von den ca. 23.000 registrierten Usern des fc-bretts sind aber nur schätzungsweise 10% auch Vereinsmitglieder. Der überwiegende Rest ist nicht gewillt, sich zwangsrekrutieren zu lassen.
Die Kapelle wird zur Ruine
Der erschwerte Zugang würde also das Aus eines der aktivsten Fanforen Deutschlands in seiner gewachsenen Form bedeuten, in dem sich solche Marathonthreads wie »Die Daum-Rückkehr« und die »Poldi-Rückkehr« zu literarischen Ereignissen auswuchsen. Eine Internetkapelle der FC-Verehrung wird zur Ruine: Schon innerhalb der ersten Stunden nach der Bekanntgabe der Maßnahme am Donnerstagnachmittag setzte ein Exodus auf ein eiligst zusammengenageltes Ausweichforum ein.
Wenn es tatsächlich das Ziel des 1. FC Köln gewesen sein sollte, mithilfe willfähriger Mitglieder ein glattes Image herzustellen und ein Forum sein eigen zu nennen, indem nur noch Höflichkeitsadressen ausgetauscht werden, so mag das auf das fc-brett in Kürze zutreffen. Es wird so gut wie leer sein, und in der Sahara trifft man schließlich auch niemanden, der einen kritisiert. Den Link dorthin kann man getrost Geschäftspartnern schicken, ohne dass man in Erklärungsnot gerät.
Was aber die Breitenwirkung anbelangt, ist die Zugangseinschränkung ein Schuss in den Ofen. Die Volksseele kocht nun anderswo, aber sie kocht. Und das heißer denn je: »Zensur« ist noch eine der milderen Bezeichnungen für die Kärcher-Aktion des Vereins.
Im besseren Falle ist der FC naiv und ahnt nicht, wie sich Massenansammlungen im Internet in kürzester Zeit verlagern können – einfach zerstreuen wie eine lästige Busblockade lassen sie sich jedenfalls nicht. Man trifft sich einfach innerhalb weniger Stunden an einem anderen Ort.
Im schlimmeren Falle ist der Bann von Köln jedoch ein Bruch zwischen einem Verein und seinen Fans. Oder sollte man »Verein« durch »Unternehmen« ersetzen? Seit den frühen 90er Jahren, dem Urknall der Kommerzialisierung, frisst sich ein Riss durch das Verhältnis zwischen Anhängern und Klubs. Die Anhänger lieben, die Klubs empfinden diese Liebe zunehmend als Ballast. Kunden wären ihnen lieber. Die kommen und gehen, lassen zwischendurch ihr Geld da. Vor allem aber machen sie keinen Gefühlszirkus.
Fans bleiben Fans und werden durch geänderte AGBs nicht automatisch auch zu Kunden. Und Fans sind fanatisch. Wer welche haben will, muss sie fanatisch sein lassen.
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