Tim Wieses Kamikaze-Aktionen
Keine Rücksicht auf Verluste
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Und wieder einmal scheiden sich die Geister an Tim Wiese: Im Spiel seiner Bremer gegen den FC Bayern flog er mit beiden Beinen voran in Thomas Müller. Eine Aktion, die zeigt, wie hart Wiese ist. Gegen sich. Gegen andere. Zu hart.
Werder Bremens Torwart Tim Wiese, das weiß die ganze Liga, nimmt keine Rücksicht auf sich selbst. Er ist ein extremer Vertreter eines zu Extremen neigenden Berufsstandes. Ein Torhüter muss qua Profession schmerzresistent sein. Schon Toni Schumacher ließ sich, so die Legende, von seinem Trainer absichtlich in die Weichteile schießen, um sich abhärten. Als das nicht mehr reichte, bat er seine Frau, glimmende Zigaretten auf seiner Haut auszudücken. »Ich habe gelernt«, sagt Schumacher, »mir einzureden, dass Schmerz nur Einbildung sei.«
Schumacher, Stein, Ehrmann (Wieses Lehrmeister), auch Olli Kahn: Eine Tradition der stählernen Torleute, in der sich offenbar auch der Werder-Keeper sieht. Hart gegen sich zu sein, das gehört zum Berufsethos.
Im Spiel gegen Bayern München am Samstag riskierte Wiese etwa die Unversehrtheit seiner Hände: Er hielt sie dorthin, wo Mario Gomez schon zum Schuss ausgeholt hatte, wo es also wehtun musste – und er klärte! Und wieder einmal hatte dieser Wiese keine Rücksicht auf sich selbst genommen.
... dann krachte es
Auf einem anderen Blatt steht, dass Wiese auch keine Rücksicht auf Verluste nimmt. Und dass er hart gegen andere ist – zu hart. Gerade war die böse Erinnerung an seinen Kung-Fu-Tritt gegen Ivica Olic im Spiel gegen den HSV im Verblassen begriffen. Da entschloss sich Wiese heute, dem auf ihn zueilenden Thomas Müller mit den Beinen voran entgegen zu grätschen. Irgendwo war freilich auch der Ball, vor allem aber war da, wo Wieses Stollen hin stießen, sehr viel Müller. Dieser konnte noch einen Pass spitzeln, dann krachte es. Eine milde Entscheidung von Schiedsrichter Knut Kircher, es bei einer Gelben Karte bewenden zu lassen.
Also spielte Wiese weiter und wollte weiterhin den Sieg. Überhaupt zeichnet ihn aus, dass er will: Meister werden, zur WM, der Beste sein. Immer. Dafür nimmt er viel in Kauf. Zu viel. Seien wir froh, dass sich bei seinen Kamikaze-Aktionen bislang niemand ernsthaft verletzt hat. Doch das ist da, wo Ball und Knochen nur Zentimeter trennen, reine Glücksache. Mag sein, dass es Wiese hinterher leid tut. Sehr wahrscheinlich ist, dass seinen brutal anmutenden Aktionen keine brutale Gesinnung zu Grunde liegt, sondern schlichtweg Übermotivation. Auch Schumacher wollte Battiston im WM-Halbfinale 1982 ja nicht ins Krankenhaus rammen. Passiert ist es dennoch.
Wenn Stürmer Angst vor einem Keeper haben, spricht das zunächst einmal für ihn. Doch es sollte vor allem die Angst sein, an ihm zu scheitern – und nicht die Angst um die eigene Gesundheit. Bei Wieses Spielweise ist es allzu oft eine Mischung aus beidem.






