Warum der Jens so wütend ist
Zinedine Lehmann
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Jens Lehmann wütet, zermalmt Füße, klaut Brillen. »Was ist denn mit dem los?«, fragen sich viele. »Warum tritt er nicht einfach zurück?« Doch dass ihm der Rücktritt so schwer fällt, ist ja der Grund für seine Riesenwut. Ein Erklärungsversuch.
Die Lichter erlöschen, der Jubel verstummt, der Adrenalinpegel sinkt und steigt nicht wieder an. Eine beängstigende Vorstellung für jemanden, der 20 Jahre lang vom Licht, vom Jubel und vom Adrenalin gelebt hat.
Für Jens Lehmann ist diese Vorstellung ganz konkret. Er ist nun 40. Noch ein halbes Jahr, dann geht er in Rente.

Im Hochleistungssport setzt der Körper den Athleten eine natürliche Grenze. Mit Anfang 30 beginnt er abzubauen, und bald sind die Muskeln nicht mehr schnell genug, um mithalten zu können. Gleichzeitig jedoch, und das ist die Tragik des Athleten, erreicht der Geist eine Reife, die ihn das Spiel erst komplett verstehen lässt. Der Sportler könnte – aber er kann nicht mehr. Da steckt ein fitter Geist in einer verfallenden Hülle und muss feststellen, dass er seine Ideen entweder zu langsam oder gar nicht mehr umsetzen kann. Das macht ihn wütend.
Zeit, die voranschreitet und kränkt
Aus dieser Wut kann, wenn der Athlet ein paar Mal darüber geschlafen hat, die Einsicht entstehen, dass es besser ist aufzuhören. Oder aber die Wut wächst sich aus zur Rebellion. Gegen den eigenen Körper, gegen die Objekte, die den Körper bedrohen, gegen das Umfeld, das es ihm so schwer macht, gegen die Zeit, die voranschreitet und ihn kränkt.
Es ist sinnlos. Niemand wird Rücksicht nehmen auf einen greisen Spieler, der das Spiel zwar lesen kann wie Teiresias, der blinde Seher, aber sich selbst nicht mehr bewegen kann. Die Lichter werden erlöschen, der Jubel wird verstummen, der Adrenalinpegel wird sinken und nicht wieder ansteigen. Nur ab und an ein Flackern, ein Rauschen von ferne, ein Kribbeln im Bauch. Ach. Damals. Vorbei.
Und der Athlet merkt, dass er süchtig war, nach den Lichtern, dem Jubel, dem Adrenalin. Der Schriftsteller und Journalist Jürgen Leinemann nennt es den »unersättlichen Hunger nach Anerkennung und Bestätigung«. Er schrieb in seinem Werk »Höhenrausch« über Politiker und ihre Sucht nach Macht, aber seine Sätze treffen auch auf Sportler zu: »Mikrofone, Blitzlichter, Fernsehkameras – die eigene Dauerpräsenz in den Medien. Je weiter man kommt, desto höher die Dosis«, so Leinemann. »Jede Tür wird aufgerissen, jede Fahrkarte wird dir besorgt. Die Umwelt dienert. Und wer oben angelangt ist, führt ein scheinbares Königsleben.«
Dieses Königsleben soll nun aufhören, es beginnt schlimmstenfalls das Leben eines Ex-Profis, eines TV-Experten, eines Erzählonkels, den die Redaktionen für ihre »Was macht eigentlich...?«-Rubriken anrufen. Jens Lehmann hat noch ein halbes Jahr, bis es soweit ist. Ein halbes Jahr Wut auf den Körper, der nachlässt, ein halbes Jahr Angst vor dem Danach.
Selbstzerstörung vor Millionenpublikum
Bei Zinedine Zidane waren es einmal 90 Minuten. Es war das WM-Finale 2006 zwischen Frankreich und Italien, Zidanes letztes Spiel. Der Meister war in einer höchst seltsamen Verfassung. Erst kegelte er einen Elfmeter so überheblich ins Tor, dass er selbst beim Freizeitkick unter Freunden dafür Ärger gekriegt hätte. Dann rammte er seinem Gegenspieler Marco Materazzi seinen kahlen Schädel auf den Solar Plexus und flog vom Platz. Eine Selbstzerstörung vor Millionenpublikum. Vor Wut? Vor Angst? Wer weiß?
Jens Lehmann hat das Pech, dass sich seine Selbstzerstörung so elend lang hinzieht, dass das Millionenpublikum schon genervt ist. Sie verteilt sich auf viele einzelne Entgleisungen, Wutreden, Tätlichkeiten, Brillendiebstähle. Einzeln betrachtet, sind sie lächerlich und werden dem, was sich dahinter verbirgt, nicht gerecht: Der existentiellen Wut eines Athleten.
Wenn es nichts mehr zu verbrennen gibt, denkt Lehmann vielleicht, dann muss man sich selbst in Flammen setzen.
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