Wie Reporter sich selbst ein Alibi geben
»Ich muss das fragen!«
Text: Stefan Wallasch Bild: Imago
Wenn Reporter ihren niederen Instinkten freien Lauf lassen und sich gleichzeitig davon distanzieren, dann sagen sie: »Ich muss das fragen!« Unser Sprachkritiker Stefan Wallasch erregt sich über das »Prinzip Kerner«.
Man weiß gar nicht, was peinlicher ist: Sportreporter, die vergessen haben, dass sie Journalisten sind, oder Sportreporter, die so tun als wären sie richtige Journalisten. Erstere haben vor allem im Bayerischen Rundfunk eine Heimstatt gefunden und dort die Methode perfektioniert, völlige Distanzlosigkeit in Frageform zu gießen. Letztere sind die, die immer dann unbequeme Fragen stellen, wenn sich ihr Gegenüber gerade in der schwächstmöglichen aller Fußballpositionen befindet: ein Trainer oder sonstig sportlich Verantwortliche, dessen Mannschaft die letzten fünf, sechs, sieben Spiele verloren hat.
Dann sind die alle da. Zu Beginn der Saison waren sie in Berlin, später traf man sie in Stuttgart, im Augenblick überlegen sie, nach München aufzubrechen, wahrscheinlich werden wir sie bald in Köln wiedersehen, vielleicht sogar noch einmal in Berlin. Gemeinsam lauern sie dann den Funkels, Babbels, Soldos und ihren Sportdirektoren auf und haken nach, wie sie es nennen.
Sie tun das mit einer harmlos anmutenden Floskel, die in Wirklichkeit eine der ekelhafteren aus dem Reporterrepertoire ist und so geht: Ich muss das jetzt fragen.
Ich muss das jetzt fragen: Wie lange, Herr Babbel, glauben Sie noch in Ruhe arbeiten zu können? – Die Frage muss in dieser Situation kommen: Hat Ihr Trainer noch das Vertrauen der Vereinsführung? – Herr Soldo, Sie wissen, ich muss das jetzt fragen: Haben Sie das Gefühl, beim nächsten Spiel noch auf der Trainerbank sitzen?
Warum sie das fragen müssen, erwähnen sie nicht. Natürlich nicht, sie müssen ja keineswegs. Diese Einleitung ist nichts anderes als eine vorausgeschickte Rechtfertigung, dass gleich etwas kommt, das dem Fragenden selbst nicht ganz geheuer ist – aber raus muss. Die behauptete Recherchepflicht soll das billige Vorführen argumentloser Gesprächspartner und die schreiende Unoriginalität der Frage kaschieren.
Die Stirn in Falten
Um welche neue Nachricht könnte es auch im Ernst gehen? Die einzige Antwort mit informationellem Mehrwert (»Der Trainer fliegt morgen« / »Ja, ich trete nachher zurück«) werden sie nicht bekommen, und sie wissen das. Wann wurde die letzte Personalentscheidung kurz nach dem Spiel im Pressebereich getroffen und bekanntgegeben? Nein, sie werden das Dementi hören, das sie ihren Lesern oder Zuschauern gegenüber süffisant anzweifeln können. Die Stirn wird in geheuchelter Besorgnis gerunzelt werden, von den »Mechanismen des Geschäfts« wird die Rede sein. Oder sie werden ausweichende und unsichere Gegenphrasen hören und sich wie harte Interviewer fühlen und im übrigen die gleiche Süffisanz abspulen.






