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Theo Zwanzigers Trauerrede

»Fußball darf nicht alles sein«

Text: Protokoll  Bild: Imago

40.000 Menschen nahmen Abschied von Robert Enke. Mit einer Trauerfeier, die bewegte und befremdete. Mit Reden, die nicht alle gehalten werden mussten. Die des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger war angemessen und aufrührend.

Theo Zwanzigers Trauerrede - »Fußball darf nicht alles sein«


Die Ansprache von DFB-Präsident Theo Zwanziger im Stadion von Hannover – in Auszügen dokumentiert:

Die Bilder dieser Woche, dieser Tage stehen vor unseren Augen. Vor euren und auch vor meinen. Diese unfassbare Nachricht am Dienstagabend, noch nicht wissend, was ist passiert? Es nicht fassen können. Am nächsten Tag die Gespräche mit unseren Nationalspielern. Wie geht es weiter? Was können wir tun? Jungs, ich bin stolz auf euch. Es gibt die Zeit, die wir brauchen. Der Trauer, um dies alles zu verkraften.

Die Pressekonferenz am Nachmittag, einen großen Respekt, liebe Frau Enke, für das, was Sie glaubten für Ihren Mann und ich denke auch für uns, tun zu können. Die Bilder aus den Medien, die uns betroffen machten, von der Unfallstelle. Das Mitgefühl für alle, die unbeteiligt und doch beteiligt waren. Die Lokomotivführer, die Rettungskräfte, die Polizei. Alle, die ihren Dienst leisten mussten. Und dann am Abend die Trauerfeier hier in Hannover. Die Spontaneität der Menschen in dieser Stadt, der Fans von Hannover 96, der Fans von Robert Enke. Danke an euch. 

Diese Bilder verändern sich. Sie werden mal stärker und verblassen. Die Zeit wird vergehen, das Leben wird wieder seinen Anfang nehmen.

Aber vor mir, vor meinen Augen, stehen auch zwei Sätze, gesprochen von Bischöfen der evangelischen Kirche. Der eine am Mittwochabend von Bischöfin Käßmann: »Fußball ist nicht alles.« Fußball, meine Damen und Herren, liebe Trauergemeinde, darf nicht alles sein. Das Leben, das uns geschenkt ist, ist vielfältig. Es ist interessant. Es ist lebenswürdig. Wir können auch auf das, was wir tun, ein Stück stolz sein. Wir können etwas leisten. Aber wir erfüllen uns immer nur in der Vielfalt und in der Gemeinschaft. Fußball darf nicht alles sein, liebe Eltern, wenn ihr daran denkt, ob eure Kinder einmal Nationalspieler werden könnten. Denkt nicht nur an den Schein, an das, was sich dort zeigt, über die Medien verbreitet. Denkt auch an das, was im Menschen ist, an Zweifel und an Schwächen. Fußball ist nicht alles.

Aber meine Damen und Herren, es gibt auch den anderen Satz. Vor dreieinhalb Jahren begann die Weltmeisterschaft mit einem Gottesdienst in München. Damals, die Sonne begann genauso wie hier den Nebel und den Regen zu verdrängen, sprach Bischof Wolfgang Huber: »Fußball ist ein starkes Stück Leben.« Ja, Fußball kann ein starkes Stück Leben sein, wenn wir nicht nur wie Besessene hinter Höchstleistungen herjagen. Wir dürfen uns anstrengen. Ja. Aber nicht um jeden Preis. Denn, so formulierte er damals, »den wirklichen Siegerpreis, den werden wir auf Erden nicht empfangen. Wir müssen uns dieses Preises würdig erweisen«.

Ein wenig mehr nach diesen schlimmen Tagen an die Würde des Menschen zu denken, in seiner Vielfalt – nicht nur in seiner Stärke sondern auch in seiner Schwäche –, das empfinde ich als Auftrag dieses an sich sinnlosen Sterbens.

Wir alle sind dazu aufgerufen, liebe Trauergemeinde, unser Leben wieder zu gestalten, aber in ihm einen Sinn nicht nur in überbordendem Ehrgeiz zu finden. Maß, Balance, Werte wie Fair Play und Respekt sind gefragt. In allen Bereichen des Systems Fußball. Bei den Funktionären, beim DFB, bei den Verbänden, den Klubs, bei mir, aber auch bei euch, liebe Fans. Ihr könnt unglaublich viel dazu tun, wenn ihr bereit seid, aufzustehen gegen Böses. Wenn ihr bereit seid, euch zu zeigen, wenn Unrecht geschieht. Und wenn ihr bereit seid, das Kartell der Tabuisierer und Verschweiger einer Gesellschaft zu brechen.

Ihr könnt mithelfen, mit eurem ganz persönlichen Engagement – so wie ich euch hier in Hannover kennengelernt habe, und viele Fans in den Bundesligastadien, aber auch auf den Plätzen des Amateurfußballs kenne. 

Ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Zivilcourage, ein Stück mehr Bekenntnis zur Würde des Menschen, des Nächsten, des anderen. Das wird Robert Enke gerecht. 

Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit.




Kommentare

  • User
  • 16.11.2009 02:20:57 Ursoph

    Der 20er ist ein Guter!
    Möge er noch lange Präsident sein.
    Was besseres kommt höchstwahrscheinlich nicht nach.

  • User
  • 16.11.2009 10:22:30 oberhofer

    Gute Rede! Schwierige Aufgabe. Möglicherweise ist der Theo einer, der tatsächlich was verändern kann. Wo immer es mir möglich ist, werd ich versuchen, meinen Teil beizutragen.

  • User
  • 16.11.2009 11:59:09 vargderbremer

    Und wie schön, dass der MV weg ist & da nicht reden durfte!

  • User
  • 16.11.2009 14:28:52 El Buitre

    "Und wenn ihr bereit seid, das Kartell der Tabuisierer und Verschweiger einer Gesellschaft zu brechen."

    Dann fang schonmal an Theo und lass kritische Berichterstattung kritische Berichterstattung sein. Ansonsten war es eine gute Rede, dass er die Lokführer mit reinnimmt war gut.

  • User
  • 16.11.2009 16:09:42 Uli84

    "Mit Reden, die nicht alle gehalten werden mussten" -

    Alle Reden waren meiner Meinung nach angemessen und keine war unnötig. Die Inhalte waren wichtig. Wenn mehrere Leute die gleiche sache unterstreichen, verleit es dem ganzen noch mehr Nachdruck. Die sehr gute und angemessene Rede von Christian Wulff nicht mal zu erwähnen und als "unnötig" zu bezeichnen grenzt an Arroganz.

    Sorry, 11 Freunde, aber wenn ihr über Robert Enke nicht berichten könnt, oder wollt, was an sich gut und nachzuvollziehen ist, dann lasst es doch einfach. Die sachliche Diskussion über das Thema ist jedoch wichtig und notwendig. Das hat nichts mit Voyerismus zu tun.

    Die gute Rede vom Zwanziger kommentarlos abzudrucken hätte mir gereicht.

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