Wie die Bayern mit Lahm umgehen
Erschlagt den Boten!
Text: Fabian Jonas Bild: Imago
Philipp Lahm überbrachte dem FC Bayern via Interview schlechte Nachrichten. Doch statt der Sache auf den Grund zu gehen, prügeln die Bosse nun auf den Überbringer ein. Ändert das was an den Nachrichten? Fabian Jonas sagt: Nein.
Vom Trainer des FC Bayern, Louis van Gaal, weiß man, auch wenn viel, sehr viel über ihn berichtet wird, nichts allzu Genaues. Vielleicht ändert sich das, wenn seine kürzlich publizierte Autobiografie auch hierzulande erscheint und dann auch wir alle klüger werden und nie mehr dumme Fragen stellen müssen, wie es die niederländische Werbung für das zweibändige Werk suggeriert.
Bis es so weit ist weiß man vor allem, dass er Kalbsleber und Rioja mag, Google seine Lieblingshomepage im Web ist und er Ballbesitz über alles liebt – vielleicht sogar mehr als Kalbsleber, Rioja und Google zusammen. Und man weiß, dass er gerne versucht, Journalisten anzuflunkern und ihnen einzureden, dass der FC Bayern unter seiner Verantwortung sehr dominant spiele, viele Großchancen kreiere, nur leider derzeit das Tor nicht treffe. In der Tat hat der FC Bayern sehr viel Ballbesitz, in Prozent ausgedrückt, vielleicht sogar mehr als der ewige Maßstab Barcelona, bloß ist das leider nur die halbe Wahrheit. Oder sogar nur ein Drittel Wahrheit.
Denn bei Lichte betrachtet, ist es nicht der FC Bayern, der da den Ball hat, sondern nur dessen Abwehrreihe, mitunter erweitert um van Bommel und Timoschtschuk, die das Leder aber meist schnell wieder nach hinten passen, aus Angst vor dem Ballverlust. Herr van Gaal soll dann nämlich sehr böse werden können, nach allem, was man so weiß.
Überlegen trotz Niederlage?
Erst wenn die Angst vor dem Ballverlust der Panik vor der erneuten Niederlage weicht, geht es beim Rekordmeister derzeit auch etwas schneller nach vorne. Louis nach Gaal nimmt so etwas gerne zum Anlass, um kritische Reporter anzublaffen: »Ich weiß nicht, was Sie für ein Spiel gesehen haben, wir waren in der zweiten Halbzeit doch überlegen.«, wie kürzlich nach der Champions-League-Pleite gegen Bordeaux geschehen. Dumm nur, möchte man da einwenden, dass ein Spiel 90 Minuten dauert. Auch wenn es sich doof anhört.
Dass die Probleme doch etwas tiefer verankert sind, ist auch Philipp Lahm aufgefallen. Der ist Vize-Kapitän des FC Bayern und gilt schon seit längerem als für einen Fußballprofi ausgesprochen meinungsstark – und zwar nicht deswegen, weil er dies via »Bild«-Werbung selbst proklamiert. Die Kritik, die er nun an seinem Verein geäußert hat, ist in den meisten Punkten schon lange bekannt. In der Kurzfassung:
Erstens: Der FC Bayern kauft gute Spieler ohne Sinn und Verstand; ohne sich nämlich zu überlegen, ob sie in sein System passen.
Zweitens: Ein solches System gibt es nicht, kein Merkmal, keine Idee des Spiels, das den Verein unabhängig vom Trainer prägt. Und damit hat er Recht.
Den Trainer selbst kritisierte Lahm nicht, im Gegenteil, er lobte ihn für seinen Sachverstand und bescheinigte ihm, ein wenig naseweis für einen knapp 26-Jährigen, er lerne gerade besser mit der Mannschaft umzugehen. Allerdings hat er die eigenen Mitspieler öffentlich in einer krassen Form diskreditiert. Und zwar vor allem jene, die er gerade nicht namentlich erwähnt. Bastian Schweinsteiger etwa wird nicht einmal genannt, dennoch darf er sich mit Recht echauffieren, wenn Lahm beklagt: »Wen soll man denn anspielen? Wo ist jemand, der mal was bewegt, der den Ball zur Seite mitnimmt, nach vorne schaut und irgendwie den Ball durchsteckt, dass man nachrücken kann. Das passiert bei uns kaum.«
Gerade der Umstand, dass Lahm, auf Timoschtschuk, Robben und Gomez gemünzt, hinzufügt »Man darf Spieler nicht einfach kaufen, nur weil sie gut sind«, macht die Kritik an Schweinsteiger (aber auch Altintop, und, inzwischen völlig vergessen, Alexander Baumjohann) nur umso deutlicher.
Auch wenn sich derartige öffentliche Kritik an den Mitspielern gerade für einen Vize-Kapitän verbietet, täte der FC Bayern gut daran, sich die Mahnungen zu Herzen zu nehmen, statt nun auf Lahm einzudreschen und auf rechtlich zumindest fragwürdige Vertragsmodi zu verweisen, nach denen dem Verein die Rechte an der Meinung seiner Spieler obliegen.
Lahm hat nach Angaben der »Süddeutschen Zeitung« seine Bedenken bereits mehrfach intern geäußert, ohne jedoch Gehör zu finden. Uli Hoeneß hingegen ließ wissen, dass der Außenverteidiger seinen Mund erst mal in Teamsitzungen aufmachen solle (was nicht vorkomme), alles nur eine Inszenierung von Lahms Berater Roman Grill sei (der überdies auf den Posten des Sportdirektors bei Bayern schiele), und der Vizekapitän die Meinung, er sei »ein guter rechter Verteidiger« »exklusiv« habe. Die Hoeneß’schen Reflexe (»Dieses Interview wird er noch bereuen«) verheißen nichts Gutes. Vor allem sprechen sie nicht dafür, dass sich die Verantwortlichen überhaupt mit dem Inhalt von Lahms Analyse auseinandersetzen. Das aber wäre das Schlimmste, was dem FCB derzeit passieren könnte.
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