Knietief in der Selbstherrlichkeit
Als St. Pauli gegen den HSV gewann
Text: Andreas Bock Bild: Imago
September 1977. Gerade erst hatte der HSV den Pokalsieger-Cup gewonnen und mit Kevin Keegan den besten Spieler Europas verpflichtet. Die Meisterschaft schien nur Formsache – bis zum ersten Bundesligaderby gegen den FC St. Pauli.
Für Peter Nogly war die Sache schon vor dem Spiel klar: »Wir gewinnen 8:0«, trompetete er den anwesenden Journalisten zu und weil die ihn ungläubig anschauten und auf ein Augenzwinkern warteten, fügte er noch hinzu: »Das ist mein voller Ernst!«
Der HSV war zwar nicht gerade souverän in die Saison gestartet, doch gegen den kleinen Nachbarn vom Millerntor würde auch die halbe Kraft reichen, da waren sich alle sicher. »Schließlich«, und das wiederholten sie am Volkspark in jenen Tagen gebetsmühlenartig, »schließlich sind wir der HSV!« Ein Satz, der damals wie die adäquate Antwort auf jedwede Kritik schien. Als Dr. Peter Krohn etwa in der Saison 1976/77 beim HSV rosafarbene Trikots einführte, begründete er diesen Farbcode so: »Wir sind nicht irgendwer, wir sind der HSV! Und deswegen tragen wir keine Massenware mehr.« Und als die Mannschaft im August 1977 geschlossen in einem Hotelrestaurant ihren Kaviar mit Suppenlöffeln verspeiste und der neue Trainer Rudi Gutendorf an ihre Manieren erinnerte, antworteten die Spieler: »Wir sind der HSV, wir können das!« Knietief in der Selbstherrlichkeit.
Le club c’est moi
Doch die Kritiker blieben vor dem Spiel stumm, sie nickten Nogly zu und schrieben brav in ihre Blöcke die Zahlen Acht und Null. Denn was sollte schon schief gehen an diesem 3. September 1977? Wenige Monate vor dem Derby hatte der HSV den Europapokal der Pokalsieger gewonnen und »Le club c’est moi«-Manager Dr. Peter Krohn baute an seiner Wunderelf wie alte Omis an ihren Setzkästchen. Hier ein neuer Spieler, dort ein neuer Sponsor. Für die damalige Rekordtransfersumme von 1,6 Millionen Mark holte er im Sommer 1977 Englands Kapitän Kevin Keegan vom FC Liverpool nach Hamburg und Rudi Gutendorf raunte anerkennend: »Das ist das Beste, was es momentan in Europa gibt.« Zudem lockte Krohn Jugoslawiens »Fußballer des Jahres«, Abwehrmann Ivan Buljan, für 550.000 Mark nach Hamburg. Dazu hatte der HSV die aktuellen Nationalspieler Rudi Kargus, Manni Kaltz, Peter Nogly, Felix Magath und Georg Volkert im Kader.
Während einige noch ungläubig fragten, wie man solch ein Ensemble finanziell unterhalten könne, hatte Dompteur Krohn kurzerhand das Fußball-Marketing erfunden. Er ließ etwa Zuschauer darüber entscheiden, auf welchen Positionen sich der HSV verstärken sollte. Für dieses Gefühl von Basisdemokratie zahlten die Besucher zwei Mark mehr Eintritt. Krohn veranstaltete Show-Trainings mit Mike Krüger als Linienrichter und einer Blaskapelle im Mittelkreis und er stampfte innerhalb weniger Wochen den Hafenpokal aus dem Boden. Hier fegte der HSV in der Sommerpause den FC Barcelona mit 6:0 aus dem Stadion, gegen den FC Liverpool gewann die Wunderelf mit 3:2. Die Geldscheine fluteten derweil die bis dahin leeren Vereinskassen.
Beim FC St. Pauli hatten sie in diesen Monaten andere Dinge im Kopf. Der Klub war durch ein 1:0 beim SC Herford zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Bundesliga aufgestiegen und feierte fortan eine Party, die eine gefühlte Ewigkeit dauern sollte. Dabei vergaß die Vereinsführung glatt, dass der Kader für das Abenteuer Bundesliga gerade mal aus 16 Mann bestand. Die Mannschaft reiste nach Mallorca und bezog unweit des Ballermanns mehrere Zimmer im Hotel »Sofia«. Für den damals gerade 19-jährigen Buttje Rosenfeld eröffnete sich eine neue Welt. »Jens-Peter Box und ich waren die Einzigen, die bis dahin keinen Alkohol getrunken hatten«, erinnerte er sich später. »In der Hotelhalle wurden wir mit Sangria empfangen. Ich dachte: ›Mensch, das schmeckt aber klasse, Fruchtsaft!‹ Davon habe ich mich vier Tage nicht wieder erholt.« Tatsächlich schien sich die gesamte Mannschaft ein Jahr nicht davon zu erholen. Der FC St. Pauli stieg nach sechs Siegen und 22 Niederlagen wieder ab. St. Pauli-Ikone Walter Frosch gibt heute zu: »Wir haben den Aufstieg fast ein Jahr lang gefeiert.«
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