Zu Besuch bei Turbine Potsdam
Europa mit Polka
Text: Maike Schulz Bild: Imago
11FREUNDINNEN-Redakteurin Maike Schulz wollte Feldforschung betreiben und hat Fans von Turbine Potsdam an einem Champions-League-Abend begleitet. Gefunden hat sie Bier, Bratwurst, urige Fans und den Charme einer Bezirkssportanlage.
Als Jennifer Zietz in der 17. Minute das 2:0 für Turbine Potsdam schießt, ertönen die ersten »Madrid, Madrid, wir fahren nach Madrid!«-Gesänge im spärlich gefüllten Karl-Liebknecht-Stadion in Babelsberg. In Madrid wird das Finale der Champions League der Frauen stattfinden. Die Potsdamer sehen in ihrer Mannschaft schon jetzt die Königinnen des europäischen Vereinsfußballs.
Laut offiziellen Vereinsangaben versammelten sich gestern Abend 1.386 Zuschauer in Babelsberg. In einem Stadion, das eine Kapazität von über 10.000 Zuschauerplätzen hat, ist das eine verschwindend geringe Zahl. Zusammen mit den verrosteten Absperrgittern ist der Charme einer Bezirkssportanlage perfekt. Eintritt, Bier und Bratwurst kosten mich gerade mal zehn Euro. Vor mir am Bierstand steht ein junger Mann mit Turbine-Schal und Fahne. Hätte ich ihn auf der Straße gesehen, hätte ich nie gedacht, dass er zum Frauenfußball gehen würde. Doch bei der Vorstellung der Spielerinnen brüllt er aus voller Kehle mit. Er ist nicht zum ersten Mal dabei.
Rauer Charme einer Bezirkssportanlage
Das Hinspiel bei Honka Espoo hatte Turbine vergangene Woche mit 8:1 gewonnen. Verständich also, dass sich die meisten Zuschauer auf der Gegengeraden im Bereich der finnischen Hälfte sammeln. Mit Blick zum Tor, um die vielen zu erwartenden Treffer genauestens sehen zu können. Das Publikum ist nicht viel anders, als bei jedem anderen Fußballspiel auch, vielleicht mehr Familien und natürlich: mehr Frauen. Doch zum großen Teil feuern Männer die Frauen aus Potsdam an. Dabei heißt es doch immer, dass kein vernünftiger Mann sich das Gebolze von Frauen angucken könne. Diese Erkenntnis hat es wohl noch nicht an den Rand der Hauptstadt geschafft.
Hinter mir fachsimpeln zwei Herren nach den ersten Minuten über Neuzugang Fatmire Bajramaj. Sie kam vom FCR Duisburg. Es sind erst wenige Minuten gespielt und das Publikum ist bereits in den Genuss einiger schöner und durchdachter Spielzüge gekommen. »Bei der Lira, da haben sie ein Händchen bewiesen. Wat die loofen kann!« Die Flanke in den Strafraum unterbricht den Mann mit Schirmmütze. Sein Kumpel nutzt den Moment. »Na, und technisch hat sie auch mächtig was auf dem Kasten. Und wie die mit der Anja harmoniert, dat ist klasse« Der gute Mann mneint Anja Mittag, wie Bajramaj eine der Potsdammerinnen, die vor vier Wochen in Finnland Europameister wurde. »Ja, so hat noch niemand mit der zusammen gespielt. Die beiden, die haben sich gesucht und gefunden.« Wie kitschig: In der zehnten Minute schießt »ihre Anja« dann auch das 1:0.
Zeitspiel gibt es nicht, dafür Tore
Der Spielverlauf offenbart aber auch, wie groß die Unterschiede im Vereinsfußball der Frauen sein können. Honka Espoo wird nur gefährlich, wenn Potsdam es zulässt. Und auch dann ist das Wort Gefahr nur relativ. Der einzige ernstzunehmende Torschuss, den Torfrau Desirée Schumann halten muss, wird von den Turbine-Fans anerkennend beklatscht. Wen wundert´s: Zu diesem Zeitpunkt liegt die eigene Mannschaft bereits mit 6:0 in Front und man möchte ja nicht seine Manieren vergessen. Trotz der lukrativen Führung spielt Potsdam nach vorne. Es gibt nur eine kleine Phase, in der keine zwingenden Chancen entstehen. Schnell werden sowohl das Publikum als auch Trainer Bernd Schröder auf seinem roten Plastikstuhl ungeduldig. Zeitspiel wird nicht geduldet, englische Woche hin oder her.
Zur zweiten Halbzeit ziehen die Zuschauer um, es steht 3:0, und die Finninnen werden langsam träge. Also geht es wieder in den Stadionabschnitt, in dem das Tor steht, auf das die Turbinen schießen müssen. »Wenn Babelsberg spielt, dann wird das da alles abgesperrt, wenn es gegen Dresden oder so geht, dann ist hier alles voll mit Polizei«, bekomme ich von einer jungen Frau erklärt, die ebenso wie die alten Herren sich beide Mannschaften gerne anschaut. Samstags Babelsberg, Sonntags Turbine.
Wie es sich in Stadien so eingebürgert hat, wird auch im Karl-Liebknecht-Stadion bei jedem Tor der Heimmannschaft eine überdimensionale Vereinsfahne über den Fanblock gezogen. Mit Tröten, Trommeln und Gesängen treiben die Fans ihre Mädels nach vorne. Es ist alles ein wenig leiser, aber die Stimmung ist da. Es ist eine schöne, sympathische Stimmung, weil keine Alkoholleichen herumliegen und keine Pöbelfans dabei sind. Ich kann auf Polizeiabsperrungen und Ordner in Armweite beim Fußball gut verzichten.
»Turbine, elf Freundinnen und wir«
Ich frage die beiden Herren von vorhin, warum sie nicht zu Hertha gehen. »Warum? Was krieg ich da, was ich hier nicht habe?« In dem Moment bekommt Carolin Schiewe bei einem Angriff das Knie ihrer Gegnerin in die Magengrube gestoßen. Sie fällt, steht aber schnell wieder auf. Zusammengekrümmt, mit den Armen am Bauch rennt sie dem Ball hinterher, der noch heiß ist. »Deshalb«, fügt der Mann mit Schirmmütze hinzu, »die Männer würden doch jetzt liegenbleiben, oder über den halben Platz rollen. Nee, so etwas machen unsere Mädels nicht.«
Mit einem 8:0 spielen sich die Potsdamer Frauen schließlich souverän ins Achtelfinale. Dort wird Turbine auf Brøndby IF treffen. Der dänische Meister ist eine Nummer größer als die Gast aus Finnland, so viel ist klar. Letzte Saison erreichten sie das Viertelfinale des UEFA-Cups. Außerdem hat man in Potsdam noch eine Rechnung offen mit Brøndby, vor drei Jahren sorgten die Däninnen für das bittere Viertelfinal-Aus der Deutschen.
Nach dem Abpfiff ertönt die Turbine-Hymne. »Ja, so sehen Siegerinnen aus«, eine moderne Polka, die mich bis zur Bahnstation begleitet. Eine Gruppe von Mädels ist vom Sieg so berauscht, dass sie den ganzen Weg über immer wieder den Refrain singen. Pausen gibt es nur für ein obligatorisches »Humba Humba Tätärä«. Ein findiger Wirt hat sich auf den Pendelverkehr zwischen Stadion und S-Bahnstation eingestellt. Er bietet gezapftes Bier »to go« an. 2.20 Euro ein Becher. Ein würdiger Abschluß für einen Champions-League-Abend der etwas anderen Art.
Ergänzung zu 11 FREUNDINNEN #1







