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06.10.2009

Wie Statistiken nerven

Schlechtester Text seit immer

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

»Bayern: Seit 500 Tagen nicht mehr Spitze«, »BVB: Schlechtester Start seit 1987« – das Wort »seit« ist der Knüppel der Fußball-Reporter. Dirk Gieselmann plädiert für seine Abschaffung. Und das nicht erst seit gestern!

Wie Statistiken nerven - Schlechtester Text seit immer


Statistiker haben herausgefunden: Jetzt habe ich schon seit zwei Sekunden nicht mehr ausgeatmet. Bin ich etwa in der Krise? Werde ich vielleicht sogar entlassen? Wenn ja: Von wem? Doch Puh! Da gelingt mir das Ausatmen wieder – zum psychologisch günstigen Zeitpunkt, sozusagen. Aber was ist das? Nun habe ich seit zwei Sekunden nicht mehr eingeatmet – eine Ewigkeit im Atemgeschäft! Bin ich über meinen Zenit hinaus? Kann ich in der Großstadt überhaupt noch mitatmen? Oder sollte ich mich zum Atmen in einen Kurort zurückziehen, nach Bad Gandersheim, Bad Kreuznach, Bad Salzuflen, in die Operettenliga des Atmens?   

 

Meine Atemprobleme mal beiseite, denn schon unterrichten mich die Statistiker, dass ich seit einem Absatz nicht zum eigentlichen Thema gekommen bin: Ich wollte mich über die Präposition »seit« aufregen.

An sich ein harmloses Wörtchen, das demütig Vorgänge ihrer zeitlichen Abfolge entsprechend ordnet. Doch in der Fußball-Berichterstattung wird es dazu missbraucht, unbotmäßige Parallelen zu ziehen und so ein Faktum bis zur Unkenntlichkeit aufzublasen: Der und der hat die mieseste Quote seit diesem und jenem, Y ist so schlecht wie seit X Jahren nicht mehr, seit dem Krieg hat es so etwas nicht mehr gegeben! »Seit« ist der Kälberstrick, an dem geifernde Untergangsprediger ihre dramatisierenden Vergleiche herbeizerren. 

Leitz-Ordner voller »Seit«-Statistiken 

Weil in den Neunziger Jahren fuchsige Informatikstudenten die »ran«-Datenbank aufgebaut haben, weiß man heute über jedes Ereignis, seit wann es nicht mehr eingetreten ist. Reporter schleppen Leitz-Ordner voller »Seit«-Statistiken in ihre Kabinen und feuern sie in Salven ab: Das war der kürzeste Einwurf seit zweieinhalb Tagen! Schon seit einer Minute kein Tor mehr! Ding seit Bums! Bla seit Bla!   

»Dem BVB droht der schlechteste Saisonstart seit 22 Jahren«, hieß es am Wochenende vor der Partie der Dortmunder gegen Gladbach. Musste wirklich aus dem kellerhaften Dunkel der Achtziger Jahre die Mannschaft von Trainer Reinhard Saftig hervor gezerrt werden (Adrian Spyrka, Michael Lusch, Dirk Hupe u.a.), die 1:0 in Mannheim (Ulf Quaisser, Dimitrios Tsionanis, Günter Güttler u.a.) verlor? Als wäre es für Kloppo und seine Jungs nicht schon beschissen genug gewesen, hier und jetzt den Auftakt vergurkt zu haben – nun sollten sie auch noch in der Kabine kauern und greinen: »Oh, nein! Wenn wir heute verlieren, brechen wir den Saftig-Minusrekord!«  

Es geht sogar noch infamer. »Seit drei Spielen hat der FC Bayern nun schon nicht mehr getroffen«, dröhnte jemand nach dem 0:0 gegen den 1. FC Köln, und dann der Doppelschlag: »Das ist seit 2000 nicht mehr passiert!« Stimmt: Im September/Oktober jenes Jahres verlor der Rekordmeister zunächst 0:1 gegen Rostock, dann 0:1 in Paris und schließlich 0:1 in Cottbus. Doch was will uns der historische Bezug bloß sagen? Dass die Mannschaft von Luis van Gaal genauso schlecht ist wie die von Ottmar Hitzfeld? Jene Mannschaft, die am Ende durch den Last-Minute-Freistoß von Patrick Andersson Meister wurde und gegen den FC Valencia auch noch die Champions League gewann? Klose und Co. werden sich geduckt haben vor dem biblischen Ungewitter, das der Vergleich entfesselt hat.  

Schon die »ran«-Datenbänkler wussten: Um den Donner des »Seit« heraufzubeschwören, muss man bereit sein, Erbsen zu zählen. Vor dem 0:0 gegen den FC wälzte ein »Bild«-Azubi also seinen Kalender und kam zu dem Ergebnis: »Der FC Bayern war seit 500 Tagen nicht mehr Spitze!« Alle Achtung – »500 Tage nicht mehr Spitze«, das klingt wie »100 Jahre Einsamkeit«, ein riesiger Resonanzraum für ein ohnehin schon kaum zu ertragenes Leid. Dazu die passende Musik (ideal: der »Trauermarsch« von Chopin), vergebene Chancen in Super-Zeitlupe und die Stimme von Ecki Heuser, der... so... herr... lich... the... a... tra... lisch... die... Sil... ben... aus... ein... an...der... zie... hen... kann... bis... man... fast... ein... schläft – perfekt!

Kri... se! Un... ter... gang! To...hod! Hier wird mit viel Kitsch eine Tradition des Scheiterns konstruiert, die einer genaueren Untersuchung nicht standhalten kann. Weder hat die Klopp- etwas mit der Saftig- Elf gemeinsam, noch verfehlt der aktuelle FC Bayern aus den gleichen Gründen die Bude wie sein Vorläufer von 2000. Beide Mannschaften haben gänzlich neue Gesichter, kein Spieler, mit dem sie sich vergleichen lassen müssen, steht noch in ihren eigenen Reihen. Die keulenhafte Anwendung des »seit« ist der Hitler-Vergleich der Fußball-Berichterstattung: haltlos, aber wirkungsvoll. Egal: Was schlimm ist, kann so garantiert noch schlimmer gemacht werden.

Freunde armseliger Dramaturgien mögen davon angetan sein und ihre Gänsehaut streicheln. Doch alle, denen der Fußball auch ohne derlei Zuspitzungen schon spannend genug ist, möge man bittebitte damit verschonen. Wir sind ganz bei Mario Gomez, der nach dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Vereinigten Arabischen Emirate gallig sprach: »Schön, dass ich in der 90. Minute noch ein Tor gemacht habe, sonst hätte ich seit 40 Minuten wieder nicht getroffen!« Verbrennt Eure Leitzordner, Ihr Reporter!  

Wie Statistiken nerven! Wie man sich aufregen muss! Da vergisst man ja glatt das Atmen. Ein.. und aus... ein... und aus... Aaah! Das tut gut! So gut wie seit 22 Jahren nicht mehr. 
      






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Kommentare

  • User
  • 05.10.2009 17:45:57 VauHa

    DANKE!
    Am Ende werden bald fuer meinen Verein, den Club, Vergleiche mit den Meistermannschaften der 20er Jahre angestellt...
    Obwohl, ich denke die angesprochenen BILD-Azubis waeren nicht in der Lage den damaligen "Turnier-Modus" auf den jetzigen "Liga-Modus" umzurechen...

  • User
  • 06.10.2009 17:14:39 Killerplautze

    Richtig ... schlimm sind auch diese totalen Sinnlosstatistiken, die man sich immer anhören musste (und muss): Verein A ist nach 10 Jahren aus der 2. Liga aufgestiegen, vor Spiel gegen Verein B schnarrt der Ran-Reporter bedeutungsschwanger "Schon seit 11 JAHREN (!) konnte Verein A nicht mehr gegen Verein B gewinnen!" ... woran das liegt und das nie gegeneinander gespielt wurde, wird dabei geflissentlich "übersehen".

  • User
  • 08.10.2009 11:23:08 Dash_HB

    Im Paralleluniversum des Fußballs gibt es vieles, über das ich mich aufregen kann. Permanenter Statistikbeschuss gehört allerdings nicht dazu. Was wäre die Bundesliga ohne Siegesserien? Wo wären wir ohne den legendären Minusrekord von Tasmania? Kein "Wenn einer den Rekord von Gerd Müller brechen kann, dann ER!" mehr in der Winterpause? Och kommt, das wäre auch nicht das Wahre. Nicht alle Statistiken sind sinn- und/oder lustvoll - aber genauso sind nicht alle Statistiken für die Tonne!

  • User
  • 08.10.2009 12:52:49 else883

    Ne ne, stimmt schon beides: Statistiken sind ein wichtiger Teil des Fußballs, siehe auch das hier besprochene Buch: http://www.nzz.ch/nachrichten/sport/fussball/fussb all_einmal_anders_1.3799652.html. Aber: Das Wörtchen "seit" findet meist ziemlich fies Verwendung. Es hat übrigens noch ein gemeines Brüderchen: "Ausgerechnet". Bei den stetigen Wechseln in der Branche ist es nicht so ungewöhnlich, dass ein Spieler gegen einen Verein, bei dem er vormals unter Vertrag war, ein Tor erzielt. In der fiesesten Zwillingsbrüderchenversion hört sich das dann so an: "Ausgerechnet gegen Schienbein 04 erzielt Hans Dampf, der seit 653 Minuten nicht getroffen hatte, das vorentscheidende 5:1." So der Reporter ausgerechnet das Plusquamperfekt beherrscht.

  • User
  • 08.10.2009 17:24:41 VauHa

    Gebe dir da voellig recht Dash_HB. Nicht alle Statistiken sind fuer die Tonne und ich sage sogar die Meisten besitzen eine Daseinsberechtigung.
    Was mir jedoch des Oefteren uebel aufstoesst, sind die Vergleiche die mit diesen angestellt werden. Natuerlich ist es schoen diese angesprochenen Rekorde nachlesen zu koennen. Jedoch werden eben diese "Seit-Vergleiche" in einer fast schon zerstoererischen Haeufigkeit verwendet heutzutage. Es wirk einfach so, als ob Kommentatoren, Reportern und Zeitungen die Ideen ausgehen oder die Kreativitaet abhanden gekommen ist Schlagzeilen ohne Statistiken kreieren zu koennen.
    Was musste man gestern auf der BILD Sport Homepage lesen: "100 Tage van Gaal - die 100 besten Bilder"... Bitte WAS???

    Ach ja, entschuldigt bitte die fehlenden deutschen Umlaute. Nervt mich ja selbst beim schreiben schon. Aber leider sind sie hier in den USA auf der Tastatur nicht auffindbar...

  • User
  • 09.10.2009 13:00:54 markanter

    Irgendwann und irgendwo hat das Superlativ-Virus ganze Sportredaktionen und - schlimmer noch: Fernsehkommentatoren erfaßt. Würden diese Herrschaften nicht immer alles "am Besten"oder "am Häufigsten" darstellen wollen, kämen die Sinnlos-Statistiker gar nicht zum Zuge.

    Die Sinnlos-Statistiken werden ja in den seltesten Fällen von Fußball-Liebhabern oder Vereinsmeiern erstellt. Etabliert haben sich im Zuge der Statistikisierung eine Reihe von "Instituten", "GmbHen" oder "Sportwissenschaftler", die das ganze Zeugs im Auftrag und gegen Geld der Fernsehsender erstellen. Die könnten dem Spuk ein Ende machen, imdem sie für den Schrott nix mehr zahlen ... tun sie aber nicht.

    Meine ganz persönliche Lieblings-Sinnlos-Statistik: "Der beste Saison-Start aller Zeiten". Vor Jahren sollte ich meinem damals 5-jährigen Sohn erklären, warum an drei Spieltagen nacheinander drei verschiedene Vereine jeweils den "besten Saisonstart aller Zeiten" hatten (nicht für den Verein der beste, sondern best-ever-for-all). War schon schwierig, weil "Start" eben alles sein kann, notfalls auch noch der 17. Spieltag. Und als dann die Bayern am nächsten Spieltag durch einen vergebenen Elfmeter verpassten, den "besten Saison-Start aller Zeiten" aus anno tobak zu verbessern, war der Lütte fast am Limit .... der Papi allerdings auch.

  • User
  • 09.10.2009 21:37:13 the claash

    Netter Artikel. Ich würde dafür plädieren, neben 'seit' auch noch die worte 'wichtig' (Insbesondere bei Fragen nach dem Spiel "Wie wichtig war Ihr Tor für den Sieg?") und 'einem' (In Verbindung mit Namen von Fußballern ("Das darf einem XY einfach nicht passieren!", "So kommt er an einem XY nicht vorbei",...) aus dem Wortschatz von Fußballkommentatoren zu streichen. Und ihnen die Zettel mit den vorgegebenen Phrasen wegzunehmen!

    Aber ich fürchte da sitzen in echt gar keine richtigen Menschen mehr, die einer einigermaßen spontanen Wortwahl fähig sind, sondern Androiden, die eben ausschließlich einprogrammmierte Sätze wie "Jetzt müsste es mal schnell gehen." sagen können sobald es mehr oder weniger zum Spielverlauf passt.

  • User
  • 09.10.2009 22:03:34 schappi1848

    Ich muß hier allerdings mal Ecki Heuser verteidigen - 1. weil er aus Bochum kommt und 2. weil er eins der geilsten Interviews mit Oli Kahn geführt hat. Gegen Bezahlung (und das wird teuer) grätsch ich ihn aber gerne um. Spiel einmal im Jahr gegen ihn!

    Gebote bitte per PN

  • User
  • 09.10.2009 23:14:54 UrmelAusmEis

    Also ich finde Statistiken im Fußball eine unverzichtbare Ergänzung. Wenn sie nerven dann in der Regel dann, wenn eine Statistik gebracht werden muss, weil sie fest eingeplant ist. Wenn zum Beispiel im Ablaufplan steht, dass man sich nach dem Spielbericht noch eine aktuelle Statistik zum Spiel angucken möchte. Was, wenn das Spiel einfach keine erwähnenswerten Zahlen hergibt? Dann wird da leider trotzdem oft was durchgeprügelt.

    Desweiteren möchte ich aufs heftigste widersprechen:
    "Die Sinnlos-Statistiken werden ja in den seltesten Fällen von Fußball-Liebhabern oder Vereinsmeiern erstellt" ist mal völliger Blödsinn. Ich kenne ein paar Leute aus der Branche persönlich, einige davon gut bis sehr sehr gut, und ich kann versichern: die leben nicht nur Fußball, sie lieben ihn auch. Ich schätze, anders lässt sich so ein Job auch nicht machen, anders lässt es sich nicht ertragen, Samstagabend vor irgendwelchen Fußball-Videos zu sitzen und Torschüsse einzugeben, während der Freundeskreis, die Frau, die Familie, wer auch immer gerade sein Wochenende genießt, sich zum Spieleabend, Kino, Essen, Besaufen, Clubhopping oder Vögeln trifft. Fürs Geld, glaub mir, tut sich das heutzutage keiner mehr an. Reich werden konnte man da nämlich zuletzt zu Papa Kirchs Zeiten.


    Wenn wir aber schon beim Thema "nervige Statistiken" sind: einen hab ich auch. Mir geht es kolossal auf den Sack, wenn am Freitag Abend der Sieger des Freitagabendspiels als Tabellenführer gefeiert wird: "erste Tabellenführung seit Februar 2002!" Trärääää!
    In dem Moment wird nämlich einerseits ausgeblendet, dass die Tabellenführung nicht Ausdruck von Leistung, sondern von Glück bei der Spielplanzusammenstellung ist. Desweiteren verschwindet diese Art der "Tabellenführung" (die für mich keine ist) schon unmittelbar nach dem Spieltag für immer im sportstatistischen Nirvana. Weil nämlich völlig zurecht niemand archiviert, wer wann zuletzt für ein paar Minuten irgendwo oben stand. Rückblickend wird immer nur eine Tabellenführung am Ende eines kompletten Spieltags angezeigt.

    Dies könnte rein theoretisch zu folgender paradoxen Situation führen: Bayern und der HSV duellieren sich die ganze Rückrunde über um Platz 1, mit Vorteilen HSV. Weil die Hamburger im UEFA-Cup ranmüssen, spielen sie meist Sonntags. Die Bayern leihen sich also Samstag für Samstag kurzzeitig Platz 1 aus, um ihn Sonntag abend wieder zurückzugeben. Und Woche für Woche würde man bei einem Blick in die Statistik den Bayern die erste Tabellenführung seit 615, 622, 629, etc. Tagen andichten, weil die Datenbank rückblickend diese Eintagestabellenführungen ausblendet, der dumme oder superlativheischende Ran-Redakteur aber nur die aktuelle Samstagabendtabelle im Blick hat.
    Nun ist dieses Beispiel natürlich unrealistisch, weil so etwas selbst dem blödesten auffallen würde. Aber jede Wette: Wenn irgendwann in dieser Saison die Bayern tatsächlich mal kurz auf den ersten Platz rutschen, dann wird die Hysteriemaschinerie zu glühen beginnen und die erste Tabellenführung seit Mai 2007 feiern. Und natürlich wird man dabei den 17. Spieltag, Zwischenstand Samstag Abend, übersehen.

    Man wird also Äpfel mit Kürbissen vergleichen.

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