Thomas Schaaf hat Werder neu erfunden
So spielt man heute
Text: Alex Raack Bild: Imago
Länger als Bremens Thomas Schaaf ist kein anderer Bundesliga-Trainer dauerhaft im Amt. Auch deshalb, weil es Schaaf gelungen ist, sich und seine Mannschaft immer wieder neu zu erfinden. Bestes Beispiel: die laufende Saison.
Fast ist es in Vergessenheit geraten, dass Werder Bremen vor der aktuellen Saison sein Herz verloren hat. Frank Baumann, treuer Mittelfelddiener wurde mit Strauß und Applaus in den Vorruhestand verabschiedet und in Bremens Mitte fehlte ein wichtiger Puzzlestück im Baukasten von Trainer Thomas Schaaf. Zehn Jahre lang war Baumann der verlängerte Arm von Schaaf gewesen, ein nüchterner Arbeiter, der im Offensivrausch der vergangenen Bremer Jahre nur selten aufgefallen ist. Und doch ein Spieler von dem Schaaf vor jeder neuen Spielzeit behauptete: »Er ist unser wichtigster Mannschaftsspieler.«
Frank Baumann ist längst Vergangenheit, in Bremen trauern sie noch eher dem Zauberkünstler Diego hinterher, einem der spektakulärsten Bundesligafußballer des vergangenen Jahrzehnts. Mit dem Brasilianer und seinem defensiven Gegenpart aus dem Frankenland musste Schaaf vor der Spielzeit zwei wichtige Stützen aus dem Mannschaftsgerüst entfernen. Und die überraschende Erkenntnis nach acht Spieltagen lautet: der spielerischen Qualität seiner Auswahl hat das nicht geschadet.
Im Gegenteil: mit der – zugegeben teuren – Verpflichtung von Marko Marin haben die Bremer Verantwortlichen die Lücke in der Kreativzentrale gleichwertig schließen können, mit Özil, dem wieder erstarkten Hunt, Bargfrede und eben Marin hat Schaaf eine fantastische Auswahl an offensiven Mittelfeldspielern zur Verfügung. Spielerisch bleiben die Bremer also eine Klasse für sich. Wirklich überraschend ist die konservative Einkaufspolitik, die alte und bewährte Stützen an die Mannschaft gebunden hat: Claudio Pizarro ist in der Sturmspitze unersetzbar, Tim Borowski ein Spieler, nach dem Geschmack von Thomas Schaaf: variabel einsetzbar, technisch und taktisch überdurchschnittlich ausgebildet, ein intelligenter Fußballer. Gemeinsam mit dem jungen Gemüse bilden die erfahrenen Spieler eine Grundstabilität, die in Werders Mittelfeld so seit Jahren nicht mehr zu erkennen war.
Natürlich profitiert das neue System Schaafs auch davon, dass die traditionelle Verletzungswelle noch nicht durch Bremen geschwappt ist, dafür ist die Saison noch zu jung. Noch steht die Innenverteidigung um Naldo und Mertesacker, von deren Qualitäten die oftmals fehlerhaften Außenverteidiger Boenisch, Pasanan und vor allem Clemens Fritz profitieren.
Genau da liegt nämlich die Schwachstelle im Bremer Kader: die zweite Reihe ist nicht in der Lage die Stammformation kompetent zu ersetzen. Vranjes, Tosic oder Niemeyer konnten oder wollten nicht verkauft werden. Wie erfolgversprechend Schaafs neu erfundene Bremer sind, wird sich erst zeigen, wenn diese Spieler Verantwortung auf dem Platz übernehmen müssen.
Bis dahin, hofft jedenfalls der Bremer Anhang, wird allerdings noch viel Wasser die Weser herunter fließen. Zu schön anzusehen ist das, was diese Fußball-Mannschaft aus der Hansestadt auf dem Platz zu bieten hat. Auch ohne ihr Herzstück aus dem Frankenland.
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Werder Bremen





