Die 11FREUNDE-Blogschau
Lehmann und die Elektrolyte
Text: Max-Jacob Ost Bild: Imago
Die Seuche geht um in der Blogschau. Diagnose: Elektrolytmangel in Stuttgart und Sarkasmus-Diarrhoe in der 11FREUNDE-Redaktion. Nach dem Lesen dieser Zeilen sollten Sie Ihren Bildschirm desinfizieren. Oder sich impfen und den Artikel auswendig lernen
FC Bayern München - 1.FC Nürnberg 2:1 (0:0)
Fernglasfcb schreibt: »›Glück für die Bayern‹ sagen die üblichen Verdächtigen. Mit Glück hatte das späte 2:1 gestern allerdings rein gar nichts zu tun. Von Beginn an stand der Rekordmeister einer weißen Wand gegenüber, die nicht auf Fußball sondern auf Fußballverhinderung aus war. Das Schlimme ist, dass eine solche ›Taktik‹ in der Vergangenheit oft genug aufgegangen ist. Nicht so gestern - und darüber müsste sich jeder Fußballästhet im Lande mit Genugtuung freuen.«
Glubb-Blog schreibt: »Dieser Unterschied der finanziellen Mittel war einfach zu groß - ein Spieler kostet so viel, wie wir Etat haben - dafür war aber viel zu wenig zu erkennen!! Der Glubb hat sich hier ›teuer‹ verkauft! Hut ab, wenn auch sehr defensiv gespielt wurde.«
11FREUNDE meint: Damit war zu rechnen. Nicht mit dem Sieg der Bayern. Oder irgendwie: Doch, auch. Aber das meine ich gar nicht. Das Drumherum, das Vorher und das Nachher - alles wirkte irgendwie so, als hätte man es schon tausendmal erlebt. Vor dem Spiel werden die Wiesn-Statistiken rausgezogen, die Tradition des Derbys beschworen und David darf schon einmal zum Flussbett um sich einen Stein zu suchen. Während des Spiels: Der Club richtet es sich häuslich in der eigenen Hälfte ein und freut sich, die drückenden Bayern mit Tee und Keksen zu beehren. Nach dem Spiel: Die einen reden von einem Sieg über die »Fußballverhinderung«, über den sich »jeder Fußballästhet im Lande« freuen muss, die anderen verweisen in bester Udo Lattek-Manier noch einmal auf den Größenunterschied zum besten Krieger der Philister. Gähn. »Langeweile, zur rechten Zeit empfunden, ist ein Zeichen von Intelligenz«, schrieb einst der amerikanische Schriftsteller Fadiman. Sein Wort in Goliaths Ohr.
VfB Stuttgart - 1.FC Köln 0:2 (0:1)
Brustring schreibt: »Das ganze Spiel der Stuttgarter blieb irgendwie unauffällig, leblos und vor allem leidenschaftslos. Auch wenn die Intensität teilweise in Halbzeit 2 etwas zunahm und man rund eine Viertelstunde vor Schluss mal etwas Druck auf die Kölner ausübte, so waren die Stuttgarter Spieler irgendwie teilnahmslos. Kaum ein Aufbäumen war zu spüren, niemand setzte mal ein Zeichen. Es wurde so gut wie überhaupt nicht miteinander gesprochen, niemand versuchte einmal seine Mitspieler aufzurütteln.«
Samba Köln schreibt: »Letztendlich war es Herr Weltklassetorhüter Lehmann, der uns beruhigte: Ausflug aus dem Tor, Ball verloren, Sanou aus 40m ins leere Tor: 2-0, 1.Sieg, Kölsch und Frikadellen für alle! Es hat Spaß gemacht, den FC wieder gewinnen zu sehen. Irgendwie haben wir ja immer dran geglaubt, aber irgendwie liest sich nichts so gut wie ein Blick auf die Tabelle, wo der FC nun nicht mehr Tabellenletzter ist!«
11FREUNDE meint: Kölsch und Frikadellen hätten auch Herrn Lehmann gut getan. Dabei hatte er erst noch alles richtig gemacht: Während die Flanke von Ehret in den Strafraum segelte war Lehmann einkaufen, Wagen waschen und grübelte gerade drüber nach, ob er wohl seine Hubschrauberflüge auf die Pendlepauschale anrechnen könne, als der Ball im Tor einschlug. Er hat die Zeit also wenigstens optimal genutzt. Doch nach dieser Glanztat der Rückschlag: Mit der Motivation eines morschen Baumstumpfes schlendert Lehmann in der 89.Minute in Richtung Ball. Was dann geschah, verschweigen wir aus Gründen der Pietät. Warum Herrn Lehmann Kölsch und Frikadellen an diesem Samstag des Grauens (auch bekannt als der DSF-Super-Duper-Gewinnspiel-Samstag) geholfen hätten? Na, seine Leistung war ja wohl ein klarer Fall von Elektrolytmangel!
Borussia Mönchengladbach - TSG Hoffenheim 2:4 (2:1)
Fohlenkommando schreibt: »Weil ich aber auch nach zweimaligem schlechtem Schlafen noch immer keine passende Erklärung für diese total überflüssige Niederlage gegen Hopps Kraichgauer Traditionself finde, werfe ich an dieser Stelle wenigstens mal ein gedankliches Modell des Kulturanthropologen und Strukturalisten Claude Lévi-Strauss in den Ring der öffentlichen Diskussion, wonach die Wirklichkeit in zwei Ebenen gegliedert ist. Einerseits die Ebene der ›konkreten‹ Realität, empirische Fakten also (Borussia 2, Hoffenheim 4), und andererseits die Ebene der ›eigentlichen‹ Realität, die Realität der bestehenden Strukturen (Hoffenheim mit Luft und Kraft für drei Halbzeiten, Borussia mit Luft und Kraft für anderthalb). Diese Realitäten können sich ähneln, Distanz schaffen oder auch durchaus kontradieren. [...] Sprich: Borussia schafft es wiederholt nicht, einen Sieg unter Dach und Fach zu bringen, obwohl alle Voraussetzungen dafür gegeben waren.«
Akademiker Fanclub Hoffenheim schreibt: »Gladbach war in der ersten Halbzeit einfach lauffreudiger, motivierter und wollte den Klassiker: über Kampf zum Spiel, während unsere Jungs versuchten, über Glanz zum Spiel zu kommen. Und das klappte in der ersten Hälfte einfach nicht. Zum Glück hatte aber auch deren Torhüter nicht den besten Tag erwischt. Einen Freistoß von Salihovic fast von der Eckfahne begleitete er durch eine wunderschöne Flugeinlage,wodurch er zwar den Treffer nicht verhinderte, dafür sehr telegen machte. Sehr schön. Danke sehr. Hoffnung. Halbzeit.«
11FREUNDE meint: Das ist schon tragisch. Da will Gladbach den Klassiker »Über Kampf zum Spiel« und was packt ihnen die als Tante Emma verkleidete Spaßbombe Ralf Rangnick ein? Den Evergreen »Klatsche nach Führung«. Immer wieder gerne genommen. Vor allem gegen Hoffenheim. Aber ganz ehrlich: Wer über die eigene Führung so sehr erschrickt, dass er sich im heimischen Stadion unterm Rollrasen versteckt, der darf sich auch nicht über einen hergeschenkten Sieg ärgern. Das dürfte auch dieser Lévi-Strauss irgendwann bemerkt haben. Wahrscheinlich kurz bevor er die Jeans erfunden hat.
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