Die Geschichte der Fußballfans

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18.09.2009

Renate Künast im Interview

»Opportunismus ist riskant«

Interview: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Politiker werfen sich im Wahlkampf gern dem Fußball an den Hals. Renate Künast, Fraktionsvorsitzende der Grünen, hält sich lieber zurück. Ein Gespräch über das Fandasein von Angela Merkel und die Gefahren der Anbiederei.

Renate Künast im Interview - »Opportunismus ist riskant«


Frau Künast, Sie sind in Recklinghausen geboren, mittendrin in der Herzkammer des Fußballs. In welches Stadion hat Sie Ihr Vater als erstes mitgeschleppt?  

In meiner Kindheit haben Väter ihre Töchter nicht ins Stadion mitgenommen. Da war ja auch Frauen-Fußball verboten.  



Wem jubeln Sie denn heute zu?  

Ich freue mich mit der Nationalmannschaft – Frauen und Männer – habe aber keinen Verein, der mein Herz zum Rasen bringen würde. Ein Mitarbeiter hat mir mal erklärt, dass man nicht einfach so Fan werden kann, sondern dass man seinen Verein von einer geheimnisvollen Macht geschenkt bekommt, und zwar sehr früh. Dann trägt man ein Leben daran, Fan des VfB Stuttgart zu sein oder eben vom Wuppertaler SV. Da aber in den 60ern Mädchen und Frauen beim Fußball nicht gewollt waren, habe ich auch keinen Verein geschenkt bekommen.  

Ist es riskant für einen Politiker, sich öffentlich zu einem Klub zu bekennen?  

Das Risiko besteht ja weniger darin, sich zu einem Verein zu bekennen sondern darin, dass die Fans ganz schnell erkennen, wenn sich Politiker anbiedern. Als Angela Merkel 2006 Fußballfan wurde, war ja wohl jedem im Land klar, warum sie plötzlich in einem Stadion sitzt. Stoiber wiederum nimmt man sein Engagement für den FC Bayern ab. Das Risiko ist also nicht der Verein, sondern der Opportunismus.  

Wie viele Politiker, die sich im Wahlkampf auf den Tribünen der Bundesliga zeigen, haben wirklich Ahnung vom Fußball?   

Die wenigsten. Mein Kollege Fritz Kuhn ist so einer. Aber auch der sagt mir, dass die wenigsten Politiker im Stadion Viererkette von Fahrradkette unterscheiden können.   

Würden Sie mit einem Dortmund-Schal durch Gelsenkirchen laufen – oder umgekehrt?   

Weder noch, denn Fußballschals sind nicht wirklich mein Geschmack.  

Finden sie es bedauerlich, dass die archaische Fußball-Kultur der 50er und 60er Jahre einer Eventisierung des Sports gewichen ist?  

Nein, überhaupt nicht. Ich finde es gut, dass Fußball in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, offen für Frauen und Männer ist, für Jungen und für Mädchen, für Familien. Das Geglitzere und der absurde Rummel, die viele Werbung, nerven zwar etwas, sind mir aber in der Abwägung lieber als die geschlossene Männerwelt der 50er und 60er Jahre.  

Im Zuge der Kommerzialisierung sind auch die Eintrittspreise in Höhe geschnellt. Kann sich ein einfacher Familienvater es sich bald nicht mehr leisten, mit seinen zwei Kindern ins Stadion zu gehen?  

Fußball als Allgemeingut funktioniert nur solange, wie die Allgemeinheit ihn sich auch leisten kann. Insofern sind die Vereine gut beraten, bei ihrer Preispolitik im Auge zu haben, dass man den Kontakt zum einfachen Fan nicht verlieren darf. Wenn aber Fans von ihrem Verein die Verpflichtung teurer Stars verlangen, muss ihnen klar sein, dass das Geld dafür irgendwo herkommen muss. Also aufgepasst.  

Was wäre ein angemessener Preis für eine Sitzplatzkarte mit guter Sicht beim Spiel Dortmund gegen Schalke?  

Im Westfalenstadion war ich auch mal. Ich erinnere mich, dass man dort eigentlich immer ganz gute Sicht hat. Ich finde, bei 35 Euro wird es schon recht teuer. Aber die besten Plätze sind angeblich eh die Stehplätze.  

Wie kann die Politik verhindern, dass der Fußball vom Allgemein- zum Luxusgut wird?  

Gar nicht. Das müssen Vereine und Deutscher Fußballbund schon selbst regeln. Und bitte verwechseln Sie nicht die Bundesliga mit dem deutschen Fußball. Einer meiner Mitarbeiter geht zum 1. FC Union in die 2. Bundesliga. Dort kostet das Zweitligaspiel 10 Euro. Und wenn am Sonntag die Bezirksliga kickt oder die Kids in ihren Vereinen spielen, ist das alles, nur kein Luxus.  


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Kommentare

  • User
  • 18.09.2009 08:37:21 Tobi123

    "Politiker werfen sich im Wahlkampf gern dem Fußball an den Hals. Renate Künast, Fraktionsvorsitzende der Grünen, hält sich lieber zurück. "

    Aber dann ein Interview bei 11 Freunde geben. Was bitte ist das denn sonst?

  • User
  • 18.09.2009 08:43:31 Tobi123

    Ätsch! Und ich wähle trotz der teilweise sehr vernünftigen Ansätze nicht Grün! :-)

  • User
  • 18.09.2009 08:58:13 ruhmreichersvw

    find das relativ bedenklich, wenn politikern egal welcher partei hier gehör verschafft wird...

  • User
  • 18.09.2009 09:26:38 ElCobra

    In meinen Augen eher sinnlos als bedenklich, wenn jemand, der eigentlich kein Interesse am Fußball hat (bzw. "Turnierfan" ist), Fragen zum Tagesgeschäft beantworten soll.
    Dementsprechend allgemein (oder im Bezug auf den Fußballaspekt der Frage auch inhaltsarm) sind die Antworten.

  • User
  • 18.09.2009 09:39:35 ruhmreichersvw

    sinnlos nur so lange, bis sich randparteien über den fußball in die mitte der gesellschaft drängen wollen, dann doch sicherlich bedenklich

  • User
  • 18.09.2009 09:47:01 flow_loehne

    "Im amerikanischen Eishockey gibt es das wohl. Ich fürchte, solche Regelungen werden von findigen Beratern trickreich umgangen. Andererseits finde ich es obszön, für einen Fußballer knappe 100 Mio. Euro zu bezahlen. "

    Gibt es das wohl? Da scheint Frau Künast keine Ahnung zu haben. Hat sie wohl mal irgendwo gehört. Und dann noch die "findigen Berater"! Immerhin hat sie nicht Manager gesagt - das wäre ja sonst auch noch einmal eine Steigerung gewesen! Manager sind, laut den Grünen, ja auch von Natur aus böse. Wobei von Natur aus ja nun auch falsch ist, denn die Natur ist ja immer gut! BioBio!
    Ah ja! Und 100 Millionen sind obszön! Olala! Da hat jemand das Konzept des Marktes aber nun wirklich nicht verstanden! Es wundert mich aber nicht! Bei Ökosteuer, Windkraftsubventionierung als Geldmaschine etc. wurde das schon vorher deutlich!
    Ah ja! Und über Fußball wurde auch noch gesprochen!

  • User
  • 18.09.2009 10:40:15 antiantianti

    Marktmechanismen, Poltikgedöns und fußballerisches Halb, bzw. Nichtwissen hin und her....obszön sind die 100 Millionen auf alle Fälle.

  • User
  • 18.09.2009 12:50:58 yassien

    flow_loehne, was bist eigentlich du für Einer?

  • User
  • 18.09.2009 13:02:23 Atatenango

    Danke Yassien...wollte ich auch grad fragen. Hört sich mindestens nach FDP an, was Du da so verzapfst f_l...wenn nicht schlimmer.

    Ich bin nicht zwingend Grünenwähler, die Künast mag ich aber irgendwie...und wenn in Zeiten des Wahlkampfes die Bäckerblume, die Schülerzeitung XY oder eben ein Fußballmagazin wegen eines Interviews anfragt, dann macht man das als Politiker/in auch, denn je größer die Öffentlichkeit desto besser...wenn überhaupt muss man also der 11 Freunde Redaktion einen Vorwurf daraus machen sich in Politik einzumischen...aber nicht der Fr. Künast.

  • User
  • 18.09.2009 13:03:13 noorange

    "Da hat jemand das Konzept des Marktes aber nun wirklich nicht verstanden!"

    Hat Hans Werner Sinn sich auch geäußert?

  • User
  • 18.09.2009 15:34:27 antiantianti

    Ich find's jetzt auch nicht so wild, liest sich doch nett. Ein Interview mit Boris Becker fänd ich weitaus schlimmer.

  • User
  • 18.09.2009 15:40:29 Würzburger

    Da muss ich anti³ zustimmen, ich finde das Interview durchaus gelungen, vom Inhalt her nicht anbiedernd (und wirkt auch nicht gestellt von den Fragen), sondern auch die Außenansicht durchaus interessant. Und flow-loehne: das klingt doch so, als ob da jemand glaubt, Ahnung zu haben, und seine Meinung besser findet als die Realität. Lieber Windkraftsubventionierung als Abwrackprämie, aber das gehört nun nicht ins 11freunde- Forum...

  • User
  • 18.09.2009 15:54:59 markanter

    Ein Mitarbeiter hat mir mal erklärt, dass man nicht einfach so Fan werden kann,

    Wie kann man so was "erklären"? Ich weiß nur, dass das so ist. Aber warum (=Erklärung) eben nicht. Mannomann, diese Nicht-Fans nerven.

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